Mail.ru: Die Kursrakete aus Moskau

Es kommen in diesen Tagen nicht nur schlechte Nachrichten aus der russischen Hauptstadt. Während sich die Welt über den Fall des krankenhausreif geschlagenen Journalisten Oleg Klaschin empört, liefert Mail.ru die Positivschlagzeilen der Stunde. Seit Freitag wird die Aktie des russischen Internet-Konglomerats in London gehandelt – und der erste große Internet-Börsengang des Jahres ist gleich ein rauschender Erfolg. Zwar ist die Unternehmensbewertung schon jetzt turmhoch, doch beflügelt von der Facebook-Fantasie decken sich Anleger weiter ein.

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Es kommen in diesen Tagen nicht nur schlechte Nachrichten aus der russischen Hauptstadt. Während sich die Welt über den Fall des krankenhausreif geschlagenen Journalisten Oleg Klaschin empört, liefert Mail.ru die Positivschlagzeilen der Stunde. Seit Freitag wird die Aktie des russischen Internet-Konglomerats in London gehandelt – und der erste große Internet-Börsengang des Jahres ist gleich ein rauschender Erfolg. Zwar ist die Unternehmensbewertung schon jetzt turmhoch, doch beflügelt von der Facebook-Fantasie decken sich Anleger weiter ein.
   

Es ist wieder diese Zeit im Jahr: November, das vermeintlich starke Börsenhalbjahr, in dem historisch betrachtet alle Gewinne eines Jahres eingefahren werden, hat begonnen, und alle Internetaktien fliegen hoch. Anleger haben den Film schon ein paar Mal gesehen, am frappierendsten natürlich vor elf Jahren im Rahmen der Milleniumshausse, doch auch in diesen Tagen fühlt es sich wieder ein bisschen so an, als könne man nichts mit Internetaktien falsch machen.

Vor allem mag es einem so erscheinen, wenn man Besitzer einer ganz besonderen Aktie ist, die nicht aus dem Silicon Valley oder Europa kommt, sondern aus dem russischen Riesenreich, und die erst seit Freitag an der Londoner Börse gehandelt wird – Mail.ru.

Großer Kursprung: 37 Prozent Plus an zwei Handelstagen

Mail.ru ist zunächst einmal der größte Anbieter von kostenlosen eMail-Adressen in Russland. Doch das ist nur der aktive Teil der Unternehmens. Viel bekannter dürfte Mail.ru unter dem früheren Namen Digital Sky Technologies (DST) sein, unter dem das Unternehmen bis September firmierte – für den Börsengang wurde nun der Name der bekanntesten Marke des eigenen Portfolios übernommen.

Und der steht nun auf den Kurszetteln dieser Welt mit zweistelligen Pluszeichen. Bei 37 Dollar blieben die Kursnotierungen gestern in London stehen – das entspricht dem enormen Plus von 10 Dollar oder 37 Prozent gegenüber dem Ausgabekurs an der Londoner Börse am Freitag. Seit gestern wird das Papier ebenfalls in Frankfurt gehandelt. Knapp 27 Euro müssen Anleger schon hinlegen für den russischen Internet-Giganten, der im großen Stil den osteuropäischen Raum kontrolliert.

Kontrolle über Osteuropa durch Beteiligungen

So besitzt Mail.ru etwa Anteile am führenden russischen Social Network vKontakte, die im Zuge des Börsengangs ausgebaut werden sollen, am russischen Alumni-Netzwerk Odnoklassniki.ru  bzw. dem polnischen Pendant Nasza Klasa und den baltischen Freundesnetzwerken One.lv und One.lt Bis zu 70 Prozent des Traffics in Russland fließen bereits über Mail.ru-Beteiligungen!

Doch das ist nur der osteuropäische Teil der Beteiligungen. Auch im Westen hat sich Mail.ru längst groß eingekauft: Für über 900 Millionen Dollar erwarb die russische Web-Holding in den vergangenen Monaten Beteiligungen an Facebook (2,4 Prozent), Zynga (1,5 Prozent) und Groupon (5,1 Prozent). Der früher sehr beliebte Messenger-Dienst ICQ ging nach Verkauf von AOL ebenfalls an die heutige Mail.ru-Gruppe.

Von null auf neun: Mail.ru prescht in die Top 10 der wertvollsten Internetkonzerne vor

Was auf dem Papier gut klingt, hat nun seine Übersetzung in der gnadenlosen Börsenrealität gefunden. Und die kann sich sehen lassen: Schier aus dem Nichts ist plötzlich ein neuer Internetigant entstanden. Mit knapp acht Milliarden Dollar ist Mail.ru schon fast dreimal so viel wert wie AOL. Dass Klagen wegen Gratismusik- und -Film-Angeboten auf Tochterseiten wie vKontakte für erheblichen Ärger sorgen könnten, scheint Anleger zunächst nicht zu irritieren.

Auch gestern wurde jede Schwächephase zum Kauf genutzt. Die Nachfrage kam dabei aber eher nicht von Kleinanlegern, sondern von institutionellen Investoren aus den USA und England, die im großen Stil kauften. "Es ist keine Überraschung, dass die Leute bei IPOs aus Schwellenländern zugreifen, dieser Trend dürfe wahrscheinlich anhalten", diktierte etwa Analyst Ivco  Kovachev von der Vermögensverwaltung JO Hambro Capital Management der Nachrichtenagentur Bloomberg. Wie lange der Run unterdessen anhält, dürfte für Besitzer von Internetaktien nun die Frage der Stunde sein.

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