Zwei Journalisten in Moskau verprügelt

Reporter ohne Grenzen (ROG) und der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) sind bestürzt über den brutalen Angriff auf den russischen Journalisten Oleg Kaschin. Unbekannte Täter schlugen den Mitarbeiter der Moskauer Tageszeitung Kommersant vor seiner Wohnung in der Innenstadt zusammen. Laut der Nachrichtenagentur AFP wurde in der vergangenen Nacht erneut ein russischer Redakteur verprügelt. Seit dem Mord an Anna Politkowskaja vor vier Jahren hat sich die Situation in dem Land nicht verbessert.

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Mit gebrochenen Beinen, Fingern und einem gebrochenen Kiefer sowie einer Gehirnerschütterung wurde Oleg Kaschin in der Nacht vom 5. auf den 6. November ins Krankenhaus eingeliefert und nach einer Notoperation ins künstliche Koma versetzt.
Kaschin gehört zu den "brillantesten und mutigsten Journalisten seiner Generation", sagte ROG-Generalsekretär Jean-François Julliard und fordert eine unabhängige Untersuchung des Verbrechens. Der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew verlangte von den Justizbehörden, die Täter zu finden und zu bestrafen. Jetzt müssten auf die Forderungen des Präsidenten auch Handlungen folgen, so Julliard. "Wir appellieren an die Behörden, alle nötigen Voraussetzungen dafür zu schaffen, damit die Polizei und die ermittelnden Justizbehörden in der Lage sind, unabhängig zu arbeiten."
In der Russischen Föderation herrsche schon zu lange eine Kultur der Straflosigkeit. In den vergangenen zehn Jahren sei kein einziges Verbrechen gegen Journalisten aufgeklärt worden. Vor einem Monat war der vierte Jahrestag der Ermordung von Anna Politkowskaja. "Wir stellen leider fest, dass die Ermittlungen in diesem Fall nirgendwo hin geführt haben", kritisierte Julliard.
Auch der DJV hat sich solidarisch mit dem schwer verletzten Redakteur erklärt. Er fordert Medwedew auf, den Überfall auf Kaschin lückenlos aufzuklären und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. "Es ist unerträglich, dass kritische Journalisten in Russland wie Freiwild behandelt werden", kritisierte DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken. "Es ist die Aufgabe des russischen Staates, freie und ungehinderte Berichterstattung zu ermöglichen."
Der DJV-Vorsitzende begrüßte in dem Zusammenhang die Petition russischer Chefredakteure an Medwedew, die die Aufklärung des Überfalls auf Kaschin sowie der Morde an Anna Politkowskaja und anderen Journalisten fordern. "Verbrechen an Journalisten sind keine Kavaliersdelikte, sondern Verbrechen an der Gesellschaft, die nicht ungesühnt bleiben dürfen", sagte Konken.
Der Chefredakteur des Kommersant, Michail Michailin, sieht einen klaren Zusammenhang zwischen dem Überfall und Kaschins journalistischer Tätigkeit. In vielen seiner Artikel widmete sich Kaschin oppositionellen Gruppierungen wie der Jugendorganisation Oborona und der Nationalbolschewistischen Partei (NBP) und recherchierte zu dem Kreml nahestehenden Jugendbewegungen wie Naschi und Molodaja Gwardia. Jüngst berichtete er auch über den Protest gegen die umstrittene Rodung eines Waldstücks im Moskauer Vorort Chimki.
Seit Jahren protestieren Umweltschützer gegen Pläne, einen Teil der Bäume im Chimki-Wald zu fällen, um eine Autobahn zwischen Moskau und St. Petersburg bauen zu können. Im November 2008 wurde bereits der Chefredakteur der in Chimki ansässigen Zeitung Chimkinskaja Prawda und Kritiker des Straßenprojekts Michail Beketow brutal überfallen und schwer verletzt. Nach einer langen Zeit im Koma und der Amputation eines Beines ist Beketows Gesundheitszustand noch immer kritisch.
Laut AFP ist in der Nacht auf Montag erneut ein Journalist in Russland verprügelt worden. Anatoli Adamtschuk von der Tageszeitung Schukowski Westi habe ein Schädeltrauma und eine Gehirnerschütterung erlitten, berichtet die Nachrichtenagentur. Auch er hatte mehrere kritische Artikel über den Bau der Autobahn geschrieben.

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