„Das Medium“: RTL nudelt im Nirvana rum

RTL bietet die Bühne: Medium Kim-Anne Jannes verbindet am morgigen Reformationstag Lebende mit Toten. Trauerbewältigung soll geleistet, Ungeklärtes geklärt werden. Zugpferd des Piloten bildet der Impuls einer ehemals öffentlichen Person: Freya Barschel auf der Suche nach einem Stückchen Wahrheit über den Tod ihres Mannes Uwe Barschel. Nicht nur das Thema der Sendung, sondern auch das Medium selbst bietet leise Brüche. Glaubwürdigkeit bildet die zentrale Frage des RTL-Zwischenwelt-Events.

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Schaut man auf die Website von Kim-Anne Jannes, findet man unter der Überschrift „Über mich“ ganze drei Sätze. Geschrieben in der dritten Person, als würde eine Fremde von außen beschrieben.  Das irritiert doppelt: Quantitativ und qualitativ. Jemand, der eine seiner zentralen Kompetenzen in der direkten Verbindung zwischen Dies- und Jenseits sieht, besetzt nicht nur ein Marktsegment, von welchem T-Mobile, Vodafone & Co träumen würden: Nein, wer – ganz ohne Nekrophilie – Lebende mit Verblichenen in Beziehung bringt, dem könnte zugetraut werden, mehr und persönlicher über sich selbst zu schreiben.
RTL sendet am Sonntag den Piloten der Zwischenwelt-Connection „Das Medium“ um 19.05. „Es ist soweit, das Warten hat ein Ende!“ kommentiert Medium Jannes auf Ihrer Startseite im Web diesen Termin in einem Anfall jener überschäumender Emotionalität, die man ihr für Ihre „Über mich“-Seite gewünscht hätte. Die Solingerin, die von RTL in einem weltmännischen Impuls präziser Globalisierung wahrscheinlich deshalb als Schweizerin bezeichnet wird, weil sie seit 2003 bei den Eidgenossen siedelt, nudelt also im Nirwana herum und verlinkt (Link oder link?) Physische mit den Meta-Physischen, Irdische mit Unterirdischen.
Zum Beispiel Uwe Barschel, dessen Tod in einer Badewanne des  Genfer Hotels Beau Rivage in den Details bis heute ungeklärt ist. Barschel war als CDU-Ministerpräsident Schleswig-Holsteins verstrickt in die nach ihm benannte Affäre, innerhalb derer nicht nur der SPD-Wettbewerber Engholm bespitzelt wurde, sondern Barschel selbst den dichter werdenden Beweisen seiner Schuld mit einer unvergesslichen Pressekonferenz entgegentrat: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind“.
Die Affäre selbst zog die Kreise eines Kieselsteins, den man ins Wasser wirft: Barschel mit Faktotum Pfeiffer gegen SPD-Frontman Björn Engholm, anonyme Steuer-Anzeigen, Abhörwanzen, Rufschädigung durch lancierte Aids Erkrankungen. Später Engholm in der Schusslinie, der BND, die Stasi, Rücktritte, Vernichtungen, ungeklärte Vermutungen über Todesursachen: Selbst der ermittelnde Schweizer Staatsanwalt und sein deutscher Kollege vertraten in deutsch-schweizerischer Konkurrenz diametrale Auffassungen zu Tathergang und Todesursache. Das platte Land  im Norden hatte seine langweilige, politische Unschuld verloren: Schleswig Holstein zwischen Camorra und Omerta. Der Spiegel festigte seinen Ruf als Recherchemedium Nr.1, das Titelbild des Stern ging um die Welt: Uwe Barschel als Wasserleiche mit Hemd und Krawatte.
Dass ein CDU-Ministerpräsident, dessen Saubermann-Image zerstört war, voll bekleidet ausgerechnet in einer Badewanne stirbt, scheint symbolisch paradox genug.
Dass seine Ehefrau nach über zwanzig Jahren via RTL und Medium Kontakt zum Ehemann herstellen möchte, mögen spirituell orientierte Zuschauer vielleicht nachvollziehen können. Aus der rationalen Distanz transzendental Nichtswürdiger allerdings bleibt die Frage: wozu? Unterstellte man einmal Freya Barschel statt Altersverwirrtheit ansatzweise lautere Motive, bliebe immer noch die Frage, wozu genau sie RTL für die Verdrahtung mit dem verstorbenen Gefährten brauche. Ein Medium ohne Fernsehen hätte in der Sache gereicht.
Mit Kim-Anne Jannes als Medium ist immerhin eine Fachkraft am Werk, die innerhalb ihres Lebensweges jene deutsch-schweizerische Verbindung herstellte, die den konkurrenten Staatsanwälten seinerzeit verwehrt blieb. Die Bildzeitung von heute bewegt die Frage: „Warum sendet RTL so einen Hokuspokus?“ und zitiert RTL-Sprecherin Anke Eickmeyer: „Wir zeigen, wie Kim-Anne Jannes durch ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten Menschen bei der Trauerbewältigung hilft. Jeder muss selbst wissen, ob er daran glaubt oder nicht.“
Ein leise genervter Satz, der Jannes nicht nur herausragende Fähigkeiten attestiert, sondern die spirituellen Verdrahtungskünste des Mediums am protestantischen Reformationstag auf die Ebene von Glauben und Religion katapultiert.
Das  Medium hat bereits (TV-)mediale Erfahrung. Auf der Vita: Neben ihrer Gastrolle bei ihrem  „Kollegen“ Pfarrer Jürgen Fliege kontaktierte sie auf RTL-Mattscheiben 2003 Opfer auf der Suche nach ihren Mördern und trat beim wissenschaftlichen Fachmagazin des Wettbewerbers ProSieben, Galileo Mysterie, auf.
Kim-Anne Jannes selbst sieht sich als Dolmetscher. Der Verlinkungsprozess geschieht durch eine Mischung von Begegnung im Kontakt mit den lebenden Angehörigen und die innere Aufnahme von Gefühl, Thema, Atmosphäre, von Orten und Geschichte. Mit scheinbar grundsätzlicher Sensibilität, inneren Antennen und der behaupteten Fähigkeit, Verbindungen zu jenen Realitäten herstellen zu können, die sich logisch abendländischen Kausalzusammenhängen entziehen, scheint sie angedockt an ein Bündel vielen Sterblichen verborgener Wahrheiten.
Denen verleiht sie Sprache und nutzt die Mitteilungen der Seelen der Verblichenen. Sagt sie jedenfalls. Die mit diesem Verfahren verbundene, zentrale Frage ist die der Glaubwürdigkeit. Hier beginnt das strategische Dilemma für jene, die nach Beweisen suchen:
Abendländisch reduzierten Endusern vor Mattscheiben wird es so ergehen, wie Hauptschülern bei der Beurteilung von Feinheiten chinesischer Dialekte. Die gewohnten Methoden des Gewinns von Sicherheit und Beweis taugen als Zugang zu Glaubensfragen nicht. Die klassische spirituelle Antwort auf hartnäckige Fragen nach Beweisen und auf Zweifel besteht standardmäßig entweder im Verweis darauf, dass Beweise kein Instrument seien, um sich dem Thema zu nähern, oder darin, dass zweifelnden Kritikern selbst Fähigkeit, Offenheit und Bereitschaft zum Zugang fehlten. Wie der Solinger Volksmund sagt: Man steckt nicht drin im Medium.
Man muss es glauben können. Glauben wollen. Vielleicht auch: Glauben wollen können. Wer also Kim-Anne Jannes sucht, darf sich nicht darüber beschweren, dass er Jean Pütz nicht finden kann.
Was also wird betrachtenswert sein am morgigen Abend?
Zunächst: Die Glaubwürdigkeit des Mediums Kim-Anne Jannes. Dann: Dramaturgie des Spannungsbogens und Qualität der Produktion des Formates. Schließlich auch die Quote und – über „Badewannen-Barschel“ – hinaus die Frage, wie viele Mitglieder einer schweigenden Mehrheit heimlicher, deutscher Esoteriker vor Bildschirme gezogen werden können.
Denn Spiritualität, Sinn, Identität und „das Gute“ ganz weit weg „im Außen“ bilden einen boomenden Wirtschaftsmarkt: Auch und gerade, weil in digitalisierten, virtuellen Alltagswelten ein Stück  emotionaler Heimat verlorengeht. Weil sich  Tempo und Werte verändern, Bindung beliebiger wird und spirituelle Neigungen ein Gegengewicht zu Facebook, Twitter & Co. auf der anderen Seite der Waage bilden mögen.
Freya Barschel als Zugpferd des Piloten
Zwischen bedauernd leisem Kopfschütteln, zwischen Verwunderung, Respekt und Ironie reitet man als Zuschauer auf jener Rasierklinge, die auch Freya Barschels Zuhause gewesen sein mochte:  Damals, als der Tod Ihres Mannes ihr jeden Boden unter den Füßen genommen haben mochte. Als die vergebliche Suche nach Beweisen und Wahrheit ihren Tunnel am Ende des Lichtes bedeuteten. Jahre, in denen Wirklichkeit keine Orientierung mehr lieferte und das innere Bild von Wirklichkeit Ersatz schuf. In denen ein Bild zum Motiv und Interpretationen der Wirklichkeit  zur primären Realität geworden sein mochten. All dies ist ebenso einsam, wie ein wenig traurig und peinlich. Und: Niemand braucht das wirklich.
No way out: Mit unserer Geburt sind wir dazu verurteilt zu sterben. Letztlich sind die Löffel irdischer Existenz nur geliehen und müssen abgegeben werden. Die meisten Menschen verbringen die Zeit zwischen den beiden „Events“  Geburt und Tod damit, sich den Umstand eigener Endlichkeit möglichst wenig anzuschauen. Wenn also eine Form von Sicherheit und Verbindung ins ungewisse Danach möglich wäre, wäre das marketingtechnisch nicht nur eine ganz große Nummer, sondern auch eine ziemliche Erleichterung. Auch für Freya Barschel.
RTL hat in den an Journalisten versendeten Promotion-DVDs die wohl entscheidenden letzten zehn Minuten der Sendung zum Fall Barschel ausgespart. Dieser Inhalt sollte bis zur Ausstrahlung am Sonntag unter Verschluss bleiben. Doch die Bildzeitung veröffentlicht vorab Barschels Bestätigung des Verdachtes seiner Frau. Via Medium teile Barschel mit, er sei ermordet worden. Barschels "Geist" sei bedrückt und niedergeschlagen gewesen.
Vielleicht wäre es für Dramaturgie und Quote auch zu lapidar, wenn das Medium morgen im Kontakt zur Zwischenwelt einen alten Rentner-Karaoke-Titel mit Leben erfüllt und Barschel schlicht hätte sagen lassen: „Guten Morgen, schöne Welt“.
Wer den Titel gesungen hat?
Das Medium Terzett.

Mehr über den Autor: www.lesko.ch

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