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„Wir haben Helmut Markwort inspiriert“

Focus-Gründer Helmut Markwort will zusammen mit einem Unternehmer den Web-Friedhof stayalive.de starten. Neu ist die Idee nicht. Neben Web-Friedhöfen, die es seit Jahren in den USA gibt, betreibt Markworts früherer Ressortleiter Forschung & Technik, Martin Kunz, mit einem Partner emorial.de. Das Angebot ist dem stayalive-Konzept sehr ähnlich. Hat Markwort sich von der Idee seines Mitarbeiters inspirieren lassen? MEEDIA sprach mit Kunz über seine Erfahrung mit der Online-Trauer.

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Das neue Web-Projekt von Helmut Markwort und Matthias Krage, stayalive.de, sieht vom Konzept her Ihrer Website emorial.de verdammt ähnlich – hat Ihr Ex-Chef Ihnen da etwa die Idee geklaut?

Es gibt tatsächlich erstaunlich viele Ähnlichkeiten. So sind das digitale Dienstleistungsangebot, Personen durch einen käuflichen Internet-Eintrag unsterblich zu machen, für den Verstorbenen Kerzchen anzuzünden und Kondolenztexte verfassen zu können, ja auch das Grundkonzept von emorial.de. Wir gingen 2008 online und sind mittlerweile mit mehr als 230.000 Einträgen der größte Internet-Friedhof in Deutschland. Ich würde aber niemals behaupten, stayalive oder das Portal trauer.de, das nun auch Kerzchen hat, hätten uns diese oder eine andere Idee geklaut.

Wie erklären Sie sich dann die Ähnlichkeiten der beiden Projekte, wusste Helmut Markwort von ihrem Portal?

Als pflichtbewusster, langjähriger Focus-Ressortleiter habe ich mir meine Nebentätigkeit – die Gründung und den Betrieb von emorial.de – natürlich im Jahr 2008 vom Chefredakteur Helmut Markwort genehmigen lassen. Er war da sehr großzügig und hat mir keine Steine in den Weg gelegt, sondern das Projekt unterstützt. Ich habe auch gespürt, dass ihn dieses Thema interessierte und – weil ich in den täglichen Konferenzen immer links neben ihm saß – fragte er öfters nach, wie es bei emorial so läuft. Der Erfolg von emorial hat ihn und andere vielleicht inspiriert. Dass Herr Markwort sich da engagiert, ist für mich nur der beste Beweis, dass dies ein Zukunftsmarkt ist – er hatte bei seinen Medienaktivitäten schon immer ein sicheres Gespür für Goldadern. Außerdem war es sehr fair von ihm, mich über das mögliche Konkurrenz-Projekt stayalive zu informieren, als ich mich im August von Focus verabschiedete. Es ist doch kurios, dass wir beide, nach 18 gemeinsamen Jahren bei Focus, im digitalen Trauermarkt aktiv sind.

Was war Ihre Grundidee bei emorial.de?

Ich fand es immer sehr schade, dass von vielen interessanten Menschen nur eine Schublade voller staubiger Souvenirs und einiger vergilbter Fotos übrig bleibt. Mit emorial.de/at/ch haben wir einen schönen, pietätvollen Platz im Internet für Erinnerungen an geliebte Menschen geschaffen. Alles, was diese Personen unvergessen machen kann, ist da abgespeichert: Das können Texte, Dokumente, Bilder, Musik-Dateien oder auch Videos – etwa vom Sommerurlaub – sein. Und auch weit über den Erdball verzweigte Familien haben so die Möglichkeit, den Verstorbenen zu gedenken.

Wie ist bisher die Resonanz?

Eine Erinnerungsseite für Verstorbene war 2008 für die meisten natürlich ein völlig neues, unbekanntes Angebot. Deshalb können wir nicht Millionen von Visits im Monat erwarten. Derzeit haben wir täglich mindestens mehrere hundert, immer häufiger auch mehrere tausend Besucher. Im vergangenen Jahr haben wir dann bemerkt, dass die Erinnerungsseiten, wir nennen sie Memorials, wirklich genutzt werden. Die Leute besuchen verstorbene Freunde und Verwandte regelmäßig, schreiben Texte oder zünden die digitalen Kerzen an, die bei emorial.de eine Woche flackern. Am häufigsten besucht werden natürlich die Prominenten-Gräber, die für unser Portal wichtig sind, denn der Besuch von emorial.de soll so interessant sein, wie der Spaziergang über einen gepflegten Friedhof. Da bleibt man ja auch gern mal an einem schönen Blumengebinde oder dem Grabstein eines bekannten Menschen stehen.

Wie ist Ihr Geschäftsmodell?

Für den Premium-Eintrag, das ist eine eigene Homepage mit eigener Internet-Adresse, verlangen wir derzeit einmalig 19 Euro. Dort können unser Kunden Bilder, Texte oder andere Dateien speichern – und wenn man will, kann man den Zugang auch verschlüsseln, so dass nur Angehörige das Memorial öffnen können. Wir sehen in unseren Memorials eine sinnvolle Ergänzung zur herkömmlichen Traueranzeige. Künftig wird in der Zeitung dann eine Kondolenz-Anzeige stehen mit dem Internet-Link zu emorial. Zum Kondolieren ist das ideal. Es ist höchste Zeit, dass der Trauermarkt – ähnlich wie schon die anderen Rubrikanzeigen – auch die Chancen des Internets ausnutzt. Da bieten wir Bestattern und Verlagen nun Kooperationen an.

Wie weit sind Sie mit solchen Kooperationen?

Derzeit erarbeiten wir mit einem Verlag eine zukunftsfähige Applikation, um den gewaltigen Traueranzeigenmarkt gemeinsam digital zu erschließen. Es wird schon bald so sein, dass große, renommierte Verlage, aber auch kleinere Regional- oder Lokalzeitungen ihren Kunden Kondolenz-Anzeigen mit Internet-Link zum Memorial anbieten können. Dieses Geschäftsmodell wird ein Gemeinschaftsprojekt sein, alle Beteiligten profitieren davon. Die Zeitungsverlage wollen diesen Millionenmarkt natürlich nicht auch noch verlieren, wie bei den Stellenanzeigen geschehen sowie dem Automarkt oder den Partnerschaftsanzeigen. Deshalb sind wir uns sicher, dass viele Verlage an einer solchen Win-Win-Kooperation Interesse haben werden.

Arbeiten Sie auch schon mit Bestattern zusammen?

Wir haben bereits einigen innovativen Bestattern Zugänge für die einfache Erstellung und Abrechnung von Memorials geschaltet. Die ersten Aufträge in Form von Premium-Einträgen zeigen, dass dies auch eine wichtige Säule des Geschäftsmodells ist.

Gab es bei Nutzern eine gewisse Hemmschwelle, das sensible Thema Tod und Trauer ins Internet zu bringen?

Natürlich ist es für viele Menschen noch ungewöhnlich, Bilder oder Texte vom Opa ins Internet zu stellen. Deshalb muss man sehr vorsichtig mit den Befindlichkeiten, Wünschen, Ängsten und Nöten der Kunden umgehen. Wenn aber Menschen sterben, die schon zeitlebens in den Medien waren, empfindet man den Internet-Gedenkplatz als ganz normal. Der Kondolenz-Blog von Loki Schmidt bei Zeit.de hat mehr als 2.500 Einträge, bei emorial.de brannten dutzende Kerzchen für sie! Und wir sehen durch das stark zunehmende Interesse, dass sich diese Hemmschwelle stetig senkt. Meine Prognose ist, dass in fünf Jahren zehn bis 20 Prozent der Kondolenzen auch im Internet stattfinden.

Was war Ihr bisher ungewöhnlichstes Erlebnis mit emorial.de?

Es hat mich am Anfang regelrecht erschüttert, als die ersten Kunden sehr emotionale Erinnerungen – etwa an jung verstorbene Kinder – verfassten. Wenn man dann sieht, dass manche dort regelmäßig ein Kerzchen anzünden, ist das wirklich digitale Trauerarbeit, die da stattfindet.

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