Raue: „Zeitungen verlieren Stammleser“

Geht es nach Paul-Josef Raue, dann versagen Verlage auf ganzer Linie. Auf einem Kongress in Rom sagte der WAZ-Mann: "Die Zeitungen schaffen es inzwischen sogar, ihre Stammleser zu verlieren." Die Schuld schreibt er den Journalisten zu und fordert ein radikales Umdenken. In Italien wiederum starten gleich zwei Printprodukte durch - ein Hoffnungsschimmer. So floriert in Italien die Tageszeitung Il Fatto Quotidiano, die erst Mitte 2009 an den Start ging.

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Nach Rom geladen hatten die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), um die Zukunft des Journalismus in Deutschland und Italien zu diskutieren. Raue, bis 2009 noch im WAZ-Verbund Chef der Braunschweiger Zeitung und heute der Thüringer Allgemeinen, sagte dort wörtlich: "Die Zeitungen schaffen es inzwischen sogar, ihre Stammleser zu verlieren, die älteren, nicht mehr nur die jüngeren. Und ich sage: Der Großteil der Schuld dafür liegt bei uns Journalisten selbst."

Der Chef der Thüringer Allgemeinen mahnte, Journalisten müssten endlich die Bedürfnisse der Menschen entdecken, die sie erreichen wollten. Raue, eine Hauptfigur des bpb-Lokaljournalisten-Netzwerkes, forderte gar ein radikales Umdenken in seiner Zunft. "Wir müssen wieder der ursprünglichen Aufgabe des Journalismus nachgehen, nämlich Nachrichten zu entdecken statt sie bloß zu verwalten", mahnte Raue.

In Rom erfuhren die angereisten deutschen Medienmacher gleich mehrfach, dass geschickt positionierte Printprodukte durchaus Erfolg haben können. So floriert in Italien die Tageszeitung Il Fatto Quotidiano, die erst Mitte 2009 an den Start ging. Wie der italienische Star-Journalist Marco Travaglio ausführte, der auf Leyendecker-Niveau seit Jahren konsequent Silvio Berlusconi nachsteigt und das Blatt mit ins Leben rief, hat Il Fatto Quotidiano mit einer Auflage von 45.000 Exemplaren bereits mehr als doppelt so viel Resonanz erfahren als überhaupt nötig war, um die Gewinnzone zu erreichen. Die Folge: Die junge Redaktion konnte weit mehr Recherchen finanzieren als sie zunächst geplant hatte und erhöhte das Gehalt für die Mitarbeiter. Il Fatto Quotidiano setzt auf absolute politische Unabhängigkeit, wird von den Autoren selbst getragen und – anders als der überwiegende Teil der italienischen Presse – nicht von Parteien, Regierungschef Berlusconi oder seinen Gefolgsleuten kontrolliert.

Auch ein Erfolgsmodell: die Redaktion von Chiarelettere, ebenfalls lediglich ein paar Monate alt. Sie verlegt weder Zeitung noch Magazin, sondern setzt auf hoch aktuell recherchierte Bücher, quasi lange Spiegel-Geschichten. Herausgeber Lorenzo Fazio sagte auf der bpb/KAS-Tagung: "Von den 20 meistverkauften Büchern sind aktuell fünf von uns." Die Titel entstehen laut Fazio binnen weniger Wochen und kosten – je nach Umfang – maximal 15 Euro. Fazio: "Mit diesem tiefgehenden journalistischen Format erreichen wir vor allem junge Leser."

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