„Unsere Feinde sind das TV und das Internet“

Die Super Illu ist mit 20 Jahren so alt wie das wiedervereinigte Deutschland. Als Chronist der Einheit hat Wessi-Chefredakteur Jochen Wolff (geboren im bayerischen Furth im Wald) das Blatt zum meistverkauften und meistgelesenen Magazin in Ostdeutschland gemacht. Heute hat Wolff das Bundesverdienstkreuz und fast die gleichen Probleme wie seine West-Kollegen: Auflagen-Verfall und Abwanderung der Jungen ins Internet. MEEDIA sprach mit ihm über eine immer noch geteilte Medienrepublik und den Verbleib von Christos Henne.

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Herr Wolff, wissen Sie, wie der Osten tickt?
Man kann nicht pauschal von "dem Osten" reden. Ich habe gelernt, dass jeder Ostdeutsche seinen eigenen Blick auf die DDR und die Vergangenheit hat. Da gibt es den Angepassten, den ehemaligen Parteibonzen, den Ingenieur, den Widerständler, den Unglücklichen, den Republikflüchtling. Das ist ganz anders als in der alten Bundesrepublik. Da gab es früher einen gewissen Mainstream in der Sichtweise aufs eigene Land. In Ostdeutschland gab und gibt es dagegen ganz viele Blickwinkel.

Sie haben das Bundesverdienstkreuz für Ihre Verdienste zum Zusammenwachsen von Ost und West erhalten. Was haben Sie dazu beitragen können?
Wir haben mit unserer Berichterstattung eine Brücke des Dialogs geschaffen und das Verständnis für die jeweils ost- und westdeutsche Sicht geschärft. Wir haben versucht, den Ostdeutschen Selbstvertrauen, Mut und Lust auf das Leben im vereinten Deutschland zu geben. Darum stellen wir Erfolgsgeschichten so heraus: um zu zeigen, dass es sich lohnt, sich anzustrengen.

Sie fragen auf den Titeln der Super Illu u.a.: "Was wurde aus unseren Sport-Idolen?" oder "Sind unsere Ost-Stars noch zeitgemäß?" Ist das Ostalgie?
Das ist aber nur ein Teil der Super Illu. Natürlich gibt es die Unterhaltungs- und Sportstars aus der DDR, die im Westen kein Mensch kennt. Aber hier gibt es ein Interesse an denen. Vergangene Woche ist Helga Göring gestorben. Das interessiert im Westen keinen, weil keiner weiß, wer Helga Göring war. Hier war sie die Inge Meysel des Ostens und eines der bekanntesten Fernsehgesichter. Trotzdem ist der Super-Illu-Titel dieses Woche Blacky Fuchsberger mit dem Todesfall seines Sohnes. Wir bewerten den Titel also durchaus gesamtdeutsch. Wir haben den strategischen Vorteil, dass die West-Stars in Ostdeutschland auch bekannt sind. Hier kennt auch jeder Thomas Gottschalk oder Stefan Raab. Aber umgekehrt kennt im Westen keiner Gerd Christian oder Helga Göring. Wir bilden beide Welten ab. Darum sind wir gerade im People-Bereich viel mehr eine gesamtdeutsche Zeitschrift, als die Magazine aus der alten Bundesrepublik. Ich wette mit ihnen um eine gute Flasche Champagner, dass sie im Stern oder der Bunten keine Zeile über Helga Göring finden.

Da wette ich lieber nicht, das glaube ich Ihnen aufs Wort. Die Super Illu wird fast ausschließlich in Ostdeutschland gekauft und gelesen. Stern, Bunte und Spiegel werden vor allem in Westdeutschland gekauft und gelesen. Haben Sie eine Erklärung?
Der Westdeutsche hat 40 Jahre lang die Marktwirtschaft gehabt. Da hat man die Chance gehabt, sich etwas aufzubauen. Die Kinder im Westen können heute davon profitieren, dass die Eltern etwas geschaffen haben. Das alles ist in Ostdeutschland nicht so. Die Ostdeutschen mussten 40 Jahre in der Zwangswirtschaft leben und sind mit mehr oder weniger Null in die Einheit gegangen. Die bauen sich ihre Existenz und ihr Leben jetzt erst auf. Deshalb haben die Leute in Ostdeutschland auch andere Themen bei der Bewältigung des Alltags. Vieles ist einfach komplett neu: das Verwaltungsrecht, der Verbraucherschutz, neue Medikamente, Lebensmittel, die man vorher nicht kannte. Das ganze Leben ist neu. Da versuchen wir auch Hilfestellung zu leisten. Das finden die Leute hier bei der Super Illu eher als in westdeutschen Magazinen.

Das klingt ja gerade so, als sei die Mauer vor einem Monat erst gefallen. Hat sich da in 20 Jahren Einheit so wenig getan?
Das geht alles viel langsamer, als man denkt. Jetzt sind die Kinder, die damals geboren wurden, vielleicht 18 oder 20 und man berät sich mit ihnen über die Berufswahl. Welchen Weg sollen sie gehen, wie funktioniert die Suche nach einem Arbeitsplatz? Die 40-Jährigen von damals kommen jetzt langsam in die Rente – so gibt es immer wieder Themen, mit denen man sich befassen muss.

Anders gefragt: Liegt es am Spiegel, dass er in Ostdeutschland nicht gelesen wird – oder liegt es an den Ostdeutschen?
Das liegt einfach in der Natur der Sache. Die Spiegel-Leser haben eine Sozialisation in Westdeutschland und der Spiegel hat seine Tradition und Geschichte in Westdeutschland. Jeder Chefredakteur schreibt für seine Zielgruppe. Das würde die Leser in Garmisch-Partenkirchen ja völlig verunsichern, wenn der Spiegel plötzlich mit der Sichtweise aus Dresden oder Cottbus daherkommen würde. Bei der Bunten ist es auch so, dass die Chefredakteurin zu Recht die Leute ins Blatt nimmt, die man in München und Düsseldorf kennt. Die Einheit, auch bei den Medien, ist ein Prozess, der dauert. Für uns alle sollte es aber kein Problem sein, wenn eine Zeitschrift wie die Super Illu in diesem Sinne die Presselandschaft bereichert. Ein Beispiel: Zum Tod von Loki Schmidt macht der Stern garantiert einen große Sonderstrecke mit vielleicht 20 Seiten, und zwar zu Recht.

Loki Schmidt war Hanseatin, ein Hamburger Mythos. Die Münchner Bunte macht dann vielleicht sechs Seiten über Loki Schmidt und wir machen eine Doppelseite. Da gibt es eben eine gewisse regionale Verteilung. Redaktionen beurteilen Themen unterschiedlich. Aber genau das macht ja den Reiz aus. Nichts wäre schlimmer, als wenn in jeder Zeitung und Zeitschrift in Deutschland dasselbe stehen würde.

Einheit herrscht zumindest beim Auflagen-Verfall. Auch die Auflage der Super Illu geht seit einigen Jahren zurück. Warum?
Wir leben nicht in einem wettbewerbsfreien Raum und wir werden auch nicht zwangsverteilt. In Ostdeutschland gab es 1990 18,5 Mio Einwohner. Jetzt gibt es 12,5 Prozent weniger, weil viele abgewandert sind. Das ist Leserschaft, die uns fehlt. Und dann müssen wir uns mit denselben Themen auseinandersetzen, mit denen die Printbranche weltweit zu kämpfen hat. Das jüngere Publikum wandert ab ins Internet, das Fernsehen wächst und wächst. Noch nie haben so viele Deutsche Fernsehen geschaut, wie derzeit. Die Sehbeteiligung bei den Unterhaltungsshows der Privatsender ist hoch wie nie. Das ist alles Zeit, die die Leute dann nicht mehr mit einem Printmedium verbringen.

Haben Sie Rezepte dagegen?
Wir müssen unsere Zeitschriften so attraktiv machen, dass sie mit den anderen Medien mithalten können. Unsere Feinde im Kampf um die Aufmerksamkeit sind nicht andere Zeitschriften, sondern TV und Internet. Print muss noch mehr auf die Leser zugehen. Dabei sehe ich zwei große Trends: einmal die Regionalisierung. Bei MEEDIA habe ich gelesen, dass es Zeitungen gibt, die auf der Seite Eins mittlerweile mit regionalen Themen aufmachen. Da findet ein Umdenken statt. Auch wir bei der Super Illu stehen für Regionalisierung. Der zweite Trend ist Nutzwert. Wenn eine Zeitschrift wie der Stern mal wieder Auflage braucht, dann machen die einen Titel wie "Nie wieder Rückenschmerzen" oder etwas zu den Themen Geld, Recht, Versicherungen, Gesundheit. Die Frage, die Print-Medien für die Leser beantworten müssen, lautet: Wie meistere ich den Alltag? Bei solchen Themen haben Printmedien noch einen Vorteil. Bei reiner Unterhaltung läuft das Fernsehen Print den Rang ab.

Sie haben vergangenes Jahr mit einem Jugendspecial namens "Die Jugend von heute" experimentiert. Warum haben sie das nicht wiederholt?
Wir haben dafür etwas anderes gemacht. Wir hatten eine Serie zur Berufswahl, das waren jeweils fünf bis sechs Seiten, im Heft. Diese komplette Serie legen wir in einer Auflage von 200.000 Exemplaren als Sonderdruck jetzt dem Spiesser bei. Das ist eine populäre kostenlose Schülerzeitschrift in Ostdeutschland. Wir tun also etwas für die jüngeren Leser.

Sie haben mit der Goldenen Henne einen mittlerweile schillernden Medienpreis unter der Flagge der Super Illu etabliert. Man konnte zuletzt fast den Eindruck gewinnen, bei der Henne ist der Promi-Auflauf größer als beim Bambi. Wollen sie den Münchner Kollegen von Burda ein wenig die Schau stehlen?
Ach, woher? An den Bambi können wir nicht ranschmecken. Wir wollen mit der Goldenen Henne auch gar nicht so international sein wie der Bambi. Beim Bambi treten ja Weltstars auf, wir versuchen Deutsche oder Leistungen, die in Deutschland erbracht wurden, auszuzeichnen. Deshalb hat auch der Klassik-Pianist Lang Lang die Goldene Henne bekommen: weil die Deutschen seine größten Fans sind und er hier die am meisten umjubelten Konzerte gibt. Wichtig ist, dass die Goldene Henne den ganzen Markt der Medienpreise wiederbelebt hat. Es gibt wieder eine echte Konjunktur an Medienpreisen. Da hat die Goldene Henne die Szene so belebt, wie die Super Illu die Print-Szene. Ein bisschen Wettbewerb schadet nie.

Würden Sie es gerne sehen, dass die Henne im Ersten übertragen wird und nicht im Dritten Programm?
In diesem Jahr hat die Henne drei Stunden und zwanzig Minuten gedauert. Das ist zu lang. Aber selbst mit zweieinhalb Stunden würden wir im Ersten die Sendezeit nicht bekommen. Außerdem findet die Henne Mittwochs statt, da ist dann oft auch Fußball. Es würde also eine Fülle von Problemen geben. Wir fühlen uns beim MDR und beim RBB mit der Henne super aufgehoben. Das passt schon so, wie es ist.

Was ist eigentlich mit der Henne vom Christo passiert?
Die liegt auf meinem Schreibtisch und wird poliert und gepflegt. Es war aus meiner Sicht völlig übertrieben von Herrn Christo, dass er ohne seinen Preis abgereist ist. Wir wollten ihm mit der Verhüllung des Friedrichstadt-Palastes eine Hommage bereiten – das hat er wohl in den falschen Hals bekommen und ist ohne seine Henne beleidigt abgereist. Zu Geschichte eines Preises gehört aber auch mal so ein Missverständnis dazu. Ich bin auch nicht sauer auf ihn. Haken wir das als Anekdote und Künstlerbonus ab.

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