Zehn kritische Fragen an Wikileaks

Wikileaks hat seinen weltweiten Medien-Scoop wiederholt. Erst Ende Juli veröffentlichten Spiegel, New York Times und Guardian die Auswertung von ca. 90.000 Geheim-Dokumenten aus dem Afghanistan-Krieg. Jetzt bringen dieselben drei Medien die Essenz aus knapp 400.000 Wikileaks-Dokumenten zum Irak-Krieg. Wo die Flut an Dokumenten herkommt, wie Wikileaks arbeitet, das bleibt unklar. MEEDIA hat zehn kritische Fragen an Wikileaks zusammengestellt, die noch immer nicht beantwortet sind.

Anzeige

1. Wie finanziert sich Wikileaks?

Eine wesentliche Fragen, um eine Organisation beurteilen zu können, ist die, wie diese Organisation ihren Betrieb finanziert. Denn an Fragen des Geldes können stets auch Fragen von Interessen gekoppelt sein. Die Finanzierung von Wikileaks ist nach wie vor ein großes Geheimnis. Angeblich lebt die Organisation alleine von Spenden. Ein Teil der Spenden wird über die in Berlin ansässige Wau Holland Stiftung verwaltet. Die hat nach eigenen Angaben aber bisher nur rund 50.000 Euro an Spendengeldern gegen Quittungen an Wikileaks ausgeschüttet. Wieviel Geld die Wau Holland Stiftung insgesamt für Wikileaks verwaltet, ist unbekannt. Hinzu kommen laut Wikileaks-Mastermind Julian Assange zwei steuerbefreite Charity-Organisationen in den USA, deren Namen er nicht nennt. Wie sich mit diesem undurchsichtigen Spenden-Konstrukt der Betrieb einer komplizierten und technisch aufwändigen Organisation wie Wikileaks aufrecht erhalten lässt, bleibt rätselhaft.

2. Wer stellt bei Wikileaks eigentlich Geheimdokumente ein?

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Informanten von Wikileaks anonym bleiben. Selbst Wikileaks muss die Informanten nicht kennen, da diese ihre brisanten Dokumente via Internet hochladen. Man muss sich aber fragen, wer so etwas eigentlich macht. Wer im Besitz eines geheimen, brisanten Dokuments ist, das er oder sie veröffentlichen will, sollte in der Regel ein großes Interesse daran haben, nicht als Informant aufzufliegen. Das Hochladen bei einer Website birgt aber immer ein unkalkulierbares Risiko. Im Falle von Wikileaks muss ein Informant den Aussagen von Wikileaks vertrauen, dass das alles schon sicher ist.

3. Wie werden die Original-Dokumente bearbeitet?

Wikileaks brüstet sich damit, unverfälschte Original-Dokumente zu veröffentlichen. In Wahrheit werden die veröffentlichten Dokumente geprüft und bearbeitet. Schon der Video-Mitschnitt eines US-Kampfhubschraubers wurde von Wikileaks zu dem berühmten “Collateral Murder”-Video zusammengeschnitten und mit kommentierenden Untertiteln versehen. Auch die unglaubliche Masse an Afghanistan- und Irak-Dokumenten wurde bearbeitet, zumindest um einzelne Personen unkenntlich zu machen und vor Repressalien zu schützen. Inwieweit dies gelingt, ist fraglich. Ob und wie einzelne Wikileaks-Dokumente bearbeitet sind, wissen letztlich nur die Leute von Wikileaks selbst.

4. Wie ist die Wikileaks-Organisation aufgebaut?

Neben der Finanzierung ist die Organisation und Struktur von Wikileaks ein einziges Rätsel. Als Gesicht tritt nur der ebenso charismatische wie exzentrische Julian Assange in Erscheinung. Der zweite bekannte Wikileaks-Vertreter, der Deutsche Daniel Domscheit-Berg, hat die Organisation verlassen. In Veröffentlichungen haben sich mittlerweile einzelne weitere Wikileaks-Aktivisten, wie die Isländerin Birgitta Jonsdottir, zu Wort gemeldet, um Assange zu kritisieren. Wer aber welche Aufgaben im Schattenreich von Wikileaks hat, wie mit Informationen und Dokumenten umgegangen wird, das bleibt im Dunkeln. Als Argument für die notorische Geheimniskrämerei muss immer wieder der Quellenschutz und die Gefahr von staatlichen Repressalien herhalten.

5. Welche Rolle spielt Wikileaks-Galionsfigur Julian Assange?

Alle Merkwürdigkeiten und Rätsel von Wikileaks führen zu diesem Mann, der genauso geheimnisvoll ist, wie die Organisation, die er repräsentiert. Seine Biographie ist größtenteils unbekannt. Es wird nur stets von einem genialen Ex-Hacker geraunt, einem Australier, der auch schon als Journalist gearbeitet hat. Die Motivation von Julian Assange, was ihn antreibt, wo er herkommt, wo er hinwill, was genau seine Vision mit Wikileaks ist – all dies bleibt diffus bis unbekannt. Kritiker werfen ihm vor, er führe Wikileaks wie ein Tyrann. Er wird als herrisch, genial und arrogant beschrieben. In Interviews reagiert er unwirsch auf Fragen, die ihm unbequem erscheinen. Jüngst brach er sogar ein CNN-Interview vor laufender Kamera ab und marschierte aus dem Studio, weil ihn die Reporterin nach den Vergewaltigungs-Ermittlungen, die in Schweden gegen ihn laufen, fragte.

6. Wie sind Meldungen über eine Mitarbeiter-Revolte innerhalb von Wikileaks einzuschätzen?

Bekannt ist, dass der zweite prominente Wikileaks-Mitarbeiter, Daniel Domscheit-Berg, sich von Julian Assange und Wikileaks losgesagt hat. Domscheit-Berg begründete seinen Ausstieg u.a. damit, dass er eine Veröffentlichung von zig-tausenden Dokumenten ohne fundierte Bearbeitung für nicht vertretbar halte. Er kritisierte außerdem den autokratischen Führungsstil von Assange und die Fixierung von Wikileaks auf Aktionen, die gegen die USA gerichtet sind. Laut Domscheit-Bergs Aussagen gibt es eine Reihe von weiteren Wikileaks-Mitarbeitern, die mit Assange unzufrieden sind und ihn zum Rücktritt bewegen wollen. Server-Ausfälle von Wikileaks in der Vergangenheit sollen auf Protestaktionen von Technikern zurückgehen. Ob dies alles so zutrifft, ist mal wieder unbekannt. Auf Nachfragen in Interviews dementiert Assange, dass es eine Protestbewegung gegen ihn gibt. Domscheit-Berg, sei der einzige der gegangen ist, nachdem er ihn wegen “ungebührlichen Benehmens” suspendiert habe.

7. Wie sicher sind Informanten, die bei Wikileaks Dokumente hochladen?

Das ist unklar, wie so vieles. Tatsache ist, dass bisher noch keine Wikileaks-Informanten durch Fehler von Wikileaks aufgeflogen sind. Jedenfalls ist nichts davon bekannt. Der US-Militärangehörige Bradley Manning, der Wikileaks angeblich die Afghanistan- und womöglich auch die Irak-Dokumente zur Verfügung gestellt haben soll, flog auf, weil er sich selbst mit der Aktion brüstete und dann verpfiffen wurde. Wikileaks bestätigt oder dementiert nicht, dass Manning Dokumente hochgeladen hat, hat aber angekündigt, ihn bei seinem Prozess in den USA zu unterstützen. Wie genau diese Unterstützung aussieht, ist, natürlich, unbekannt.

8. Hat Wikileaks eine politische Agenda?

Auffallend ist, dass Wikileaks in jüngerer Zeit nur noch mit spektakulären Aktionen gegen die USA in Erscheinung tritt. Vor dem “Collateral Murder”-Video hat Wikileaks auch für Aussehen gesorgt, indem beispielsweise die deutschen Toll-Collect-Verträge oder interne Bank-Dokumente aus Island zur Finanzkrise veröffentlicht wurden. Kritiker werfen Wikileaks-Vordenker Julian Assange vor, einen Medien-Feldzug gegen die USA zu führen. Assange hat eine andere Perspektive. Der New York Times sagte er: “Wir wurden von den USA angegriffen und in eine Position gezwungen, in der wir uns verteidigen müssen.” Ob und welche politische Agenda Wikileaks verfolgt, ist unklar. Allerdings zeigen die Auswahl und Bearbeitung der Themen, dass bei Wikileaks sehr wohl interpretiert wird.

9. Wie kann sich sich Wikileaks vor Manipulationen schützen?

Bei eine Organisation, die derart auf Geheimhaltung setzt wie Wikileaks, sind Manipulationen prinzipiell möglich. Wikileaks beteuert, dass hochgeladene Dokumente auf ihre Echtheit geprüft werden. Wie dies geschieht, weiß kein Außenstehender. Und ob ein paar Handvoll Freiwilliger bei einer völlig intransparenten Finanzierung und undurchsichtiger Organisation die Prüfung von hunderttausenden von komplexen Dokumenten bewerkstelligen können, bleibt zumindest zweifelhaft. Die Möglichkeiten, dass Interessengruppen, gezielt Informationen über Wikileaks  streuen, wird von Wikileaks stets kategorisch ausgeschlossen. Auch hier muss man sich wieder auf das Wort von Julian Assange verlassen. Letztlich läuft es bei Wikileaks immer auf ihn hinaus. Glaubt man Julian Assange oder glaubt man ihm nicht.

10. Wie sieht die Zukunft von Wikileaks aus?

Die Ereignisse um Wikileaks haben sich in den vergangenen Monaten seit der Veröffentlichung des “Collateral Murder”-Videos dramatisch beschleunigt. Julian Assange tauchte immer häufiger in Interviews und TV-Shows auf, gab Pressekonferenzen. Es folgte die spektakuläre Veröffentlichung der Afghanistan- Dokumente und jetzt die Veröffentlichung der Irak-Dokumente. Gleichzeitig wartet der angebliche Wikileaks-Informant Bradley Manning in den USA auf seinen Prozess und es häufen sich Meldungen über Auflösungserscheinungen in der Wikileaks-Organisation. In Schweden wird gegen Assange wegen Vergewaltigung und Nötigung ermittelt und man hat ihm eine Aufenthaltserlaubnis verweigert. Daniel Domscheit-Berg hat sich von Wikileaks abgewandt und angekündigt, eine eigene Whistleblower-Plattform aufbauen zu wollen. Die Frage, wie es weitergeht mit Wikileaks, ist wie die anderen Fragen, nicht zu beantworten. Allerdings macht die Organisation um Julian Assange zunehmend einen instabilen Eindruck. Die hunderttausende Irak-Dokumente scheinen schon länger im Besitz von Wikileaks zu sein. Ihre Veröffentlichung jetzt ist der Höhepunkt der bisherigen Entwicklung der Whistleblower-Plattform. Man kann es auch als Signal von Assange an seine Kritiker lesen. Für die Zukunft von Wikileaks wird entscheidend sein, ob die Plattform auch Dokumente zu anderen Themenfeldern, außer den USA-Kriegen in Afghanistan und Irak liefern kann und und ob Julian Assange sich als Führungsfigur hält.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige