Die Instant-Kritik an “Tatort Internet”

Es ist gar nicht einfach, sich eine differenzierte Meinung zur RTL-II-Sendung “Tatort Internet - Wer schützt unsere Kinder” zu bilden. Umso so leichter ist es, die Sendung und ihre Protagonisten mit der Pranger-Keule pauschal zu verurteilen. Kritik an der krawalligen Machart des Formats ist zu Teilen gewiss berechtigt. Zahlreiche kritische Gegenstimmen beschränken sich aber auf sehr platte Witzchen über die Schirmherrin der Sendung, Stephanie zu Guttenberg, und bedienen Klischees von der Stange.

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Es ist gar nicht einfach, sich eine differenzierte Meinung zur RTL-II-Sendung “Tatort Internet – Wer schützt unsere Kinder” zu bilden. Umso so leichter ist es, die Sendung und ihre Protagonisten mit der Pranger-Keule pauschal zu verurteilen. Kritik an der krawalligen Machart des Formats ist zu Teilen gewiss berechtigt. Zahlreiche kritische Gegenstimmen beschränken sich aber auf sehr platte Witzchen über die Schirmherrin der Sendung, Stephanie zu Guttenberg, und bedienen Klischees von der Stange.

Die Frau des Verteidigungsministers stellt für den Spott der Kritiker-Gemeinde ein leichtes Ziel dar. Man kann sich wahlweise über ihre Adels-Herkunft (“Freifrau”-Show) oder ihr gutes Aussehen (“Moral-Barbie”) lustig machen. Und wenn man gleich dabei ist, kann man den Haupt-Moderator, den ehemaligen Hamburger Innensenator Udo Nagel, als tumb und wenig telegen abkanzeln und die Journalistin Beate Krafft-Schöning, die in der Sendung die eigentliche Kinderschänder-Jägerin ist, als eine Art Groß-Inquisitorin brandmarken, die arme Pädophile mit ihren doofen Fragen nervt. Der Beifall großer Teil der Netzgemeinde ist einem dabei sicher.

Das mag teilweise gar nicht falsch sein und es stimmt auch, dass die Sendung reißerisch gemacht ist und sehr an der Oberfläche bleibt. Und doch nimmt die massive Kritik gegen das Format mittlerweile selbst inquisitorische Züge an. Man kann den Eindruck gewinnen, zahlreiche Blogs und Medien verfallen wieder in einen Herdentrieb. Es fällt allzu leicht, die Sendung “Tatort Internet” zu zerreissen und über sie mit vorgestanzten Formulierungen herzufallen. “Voyeurismus statt Aufklärung”, “Telepranger”, "TV -Pranger" – sowas ist schnell hingeschrieben. Lange nachdenken muss man für solche Instant-Kritik nicht.

Man formuliert was zum mangelnden Datenschutz, Jugendschutz, Täterschutz, überlegt sich ein paar flotte Umschreibungen für die kantige Person der Journalistin Krafft-Schöning  und wirft der Sendung vor, dass sie die Identitäten der Männer preisgibt. Dabei verfremdet der Sender RTL II die Männer, die via Chat den sexuellen Kontakt zu Minderjährigen suchen, durchaus deutlich. Dass sie teilweise trotzdem erkannt werden und jemand, wiederum im Internet, wo auch sonst, ihre Realnamen veröffentlicht, kann natürlich nicht Sinn der Sache sein. Aber sind hier nicht jene in erster Linie verantwortlich, die die Namen der Männer tatsächlich veröffentlichen? Natürlich will niemand einen Pädophilen in den Selbstmord treiben. Dass Kritiker unterstellen, die TV-Macher hätten die Offenlegung der Identitäten bereits einkalkuliert ist genau jener Zynismus, den sie eigentlich der Sendung vorwerfen.

Für die Kritiker sind RTL II, Krafft-Schöning und die “Freifrau” (Höhö) zu Guttenberg die Doofen, die nicht kapiert haben, dass die überwiegende Zahl von Missbrauchsfällen im familiären oder sonstigen Umfeld von Kindern stattfinden.  Aber dass das eine richtig ist (zahlreiche Missbrauchsfälle in Familie und Umfeld), macht das andere (Missbrauchsanbahnung via Online-Chat) noch lange nicht falsch. Es gibt sie nun mal, die seltsamen Online-Chats mit bezeichnenden Niedlich-Namen in die man seine Kinder lieber nicht reinlassen möchte, wenn man sich mal anschaut, wie dort kommuniziert wird. All diese Chats werben vordergründig mit dem Jugendschutz und dem geschützten Umfeld, das sie angeblich bieten. Zwei Klicks weiter präsentieren sich minderjährige Mädchen in aufreizenden Posen und Kerle kommentieren im Stil von “Dich würd’ ich gerne mal bumsen.” Da muss man kein Experte sein um zu erkennen, dass man sein minderjähriges Kind in einem solchen Umfeld nicht unterwegs sein lassen möchte.

Und dann setzen die Fernsehleute die armen potenziellen Kinderschänder auch noch dem Mob der Öffentlichkeit aus. Dabei wird der engagierten Krafft-Schöning vorgeworfen, sie betreibe eine Hexenjagd und koste die Konfrontation mit den Überführten aus. Stimmt. Aber es gibt eben auch die andere Seite: Die Männer die da im TV überführt und vorgeführt werden haben nun mal via Online-Chat sexuelle Kontakte zu vermeintlich Minderjährigen gesucht. Das ist kein Kavaliersdelikt. Da mögen sie es die Online-Onkels auch aushalten können, dass ihnen die knorrige Krafft-Schöning die Meinung geigt. Dass die Männer meist auch in eine Therapie gehören, ist dabei nicht in Abrede zu stellen.

Wer selbst Kinder hat und einigermaßen verantwortungsvoll ist, wird sich schon seine Gedanken machen, wie man den Nachwuchs vor manchen Online-Auswüchsen schützen kann. Selbstverständlich gibt es im Internet das Wahre, Gute und Schöne, aber gleich nebenan auch das Perverse, Böse und Schlimme. Das Internet selbst ist weder böse noch gut. Das Internet ist immer nur so, wie die Leute, die davor sitzen. Und es haben eben nicht nur pfiffige Blogger und Intellektuelle einen funktionierenden Netz-Zugang, sondern auch Pädophile und Perverse. Durch die Online-Technik und allgegenwärtige Vernetzung kommen nun Personen und Welten viel leichter miteinander in Berührung, als dies ohne Internet möglich wäre.

Vielleicht ist es die größte Schwachstelle von “Tatort Internet”, dass die krawallige Aufmachung der Sendung es schwer bis unmöglich macht, sich von den Jagdszenen auf verfremdeten Cyber-Groomer zu lösen. Es werden zwar in der Sendung auch Tipps und Beispiele gegeben, wie man Kinder tatsächlich schützen kann. Dies geht in der aufgeheizten Diskussion aber komplett unter. Den vielleicht besten und Tipp gab Moderator Udo Nagel auch in einer der Folgen: PCs raus aus dem Kinderzimmer und rein ins Wohnzimmer, wo Kinder beim Chatten nicht alleine sind. Das zwar unendlich banal, aber wirkungsvoll.

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