Was sich bei den Medientagen ändern sollte

Drei Tage dauerten die Münchner Medientage und prägten die Berichterstattung der Fachpresse in der vergangenen Woche. Doch es gab auch kritische Stimmen: zu beliebig und altbekannt sei vieles gewesen, was im Kongresszentrum in die Mikrofone gesprochen wurde. Von Münchner Mainstreamtagen war die Rede, und auch viele Besucher äußerten in den Kaffeepausen, dass sie von der Veranstaltung mehr Impulse und innovative Ansätze erhofft hätten. Die Manöverkritik: Was sich bei den Medientagen ändern sollte.

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Drei Tage dauerten die Münchner Medientage und prägten die Berichterstattung der Fachpresse in der vergangenen Woche. Doch es gab auch kritische Stimmen: zu beliebig und altbekannt sei vieles gewesen, was im Kongresszentrum in die Mikrofone gesprochen wurde. Von Münchner Mainstreamtagen war die Rede, und auch viele Besucher äußerten in den Kaffeepausen, dass sie von der Veranstaltung mehr Impulse und innovative Ansätze erhofft hätten. Die Manöverkritik: Was sich bei den Medientagen ändern sollte.
Besonders harsch fiel der Verriss von Medienberater Thomas Knüwer aus, der nicht nur an der ergebnisarmen Elefantenrunde zum Auftakt Anstoß nahm, sondern auch bilanzierte, dass "die Kluft zwischen dem Wissen der Medienentscheider und der Realität" immer größer werde. So sei der Name "Facebook" in der Elefantenrunde nur ein einziges Mal erwähnt worden und stattdessen immer nur von Google die Rede gewesen.
Gerade die nach dem Proporz-Prinzip besetzte traditionelle Elefantenrunde steht seit Jahren unter Beschuss, und es ist nicht zu leugnen, dass sie auch diesmal für eine vertane Chance stand, die Zuhörern (und wohl auch den überaus diplomatisch aufgelegten) Branchengrößen eher Zeit stahl, als dass sie neue Erkenntnisse gebracht hätte. Doch damit hätte man gut leben können, wenn die folgenden Panels konzentrierter und kontroverser gewesen wären.
Leider war das nicht oder zu selten der Fall. Was "Wert(e) der Medien in der digitalen Welt" sind, blieb oft im Bereich grundsätzlicher Beliebigkeit und führte unterm Strich nicht zu fassbaren Ergebnissen. Genau kann man dies ohnehin kaum beurteilen, weil die Präsenz von 500 Experten als Podiumsgäste bei insgesamt 90 Veranstaltungen von niemandem unter den 6.000 Messebesuchern auch nur annähernd ganzheitlich erfasst werden konnte. Wo steuern die Verlagshäuser, Radio- oder Fernsehsender hin, was ändert sich im Werbegeschäft? Wer darauf eine Antwort suchte, lief schnell Gefahr, sich im Geflecht etlicher, teils parallel verlaufener zu verirren.
Das ist auch der erste Punkt, an dem die Veranstalter ansetzen könnten. Eine Straffung des Veranstaltungsprogramms und die Fokussierung auf konkrete Lösungsansätze könnten die Ergebnisse der Diskussionen deutlich verbessern. Im Münchner Messezentrum blieb zu vieles im luftleeren Raum, fehlte es an nicht nur abstrakten Konzeptionen. Hinzu kam, dass zu den beherrschenden Themen auch die politischen Debatten um Leistungsschutzrecht oder Netzneutralität gehörten, wo die Positionen vielfach ausgetauscht und sattsam bekannt sind.
Auch die von den Teilnehmern verbreitete Grundstimmung geriet zum Problem. In München wurde der branchenübliche Optimismus noch eine Spur dicker aufgetragen als bei anderen Events. Die Zahl der von Psychologen als "Alles-klar-Melder" bezeichneten Berufsfröhlichen jedenfalls schien rekordverdächtig. Natürlich sei allen gegönnt, nach Jahren der Beklemmung wieder den Aufwind zu spüren und durchzuatmen. Dennoch bleiben in etlichen Geschäftsbereichen die strukturellen Probleme trotz des aktuellen Werbeschubs virulent – und eben darauf hätte das Hauptaugenmerk der Diskussionen liegen sollen.
Viele Teilnehmer waren aber offensichtlich bemüht, PR in eigener Sache oder der ihres Medienhauses zu machen. Es war interessant, aber nicht unbedingt sachdienlich, etwa zu beobachten, wie viel der eloquente Google-Europachef Philipp Schindler darüber verbreitete, was sein Konzern angeblich NICHT macht als darüber, wie die Suchmaschine tatsächlich agiert. Oder dem Yahoo-Geschäftsführer Terry von Bibra zuzuhören, wie dieser das Kunststück vollbringt, die Geschichte des Internets zu referieren, ohne ein einziges Mal das Wort Google in den Mund zu nehmen.
Und wenn die Chef-Innovatoren der Web-Units von gleich drei Großverlagen auf einem Podium sitzen, dann hätte man sich gewünscht, dass diese ganz konkret darüber debattieren, wie ihre Apps aussehen und welchen tatsächlichen Mehrnutzen diese bieten, damit Nutzer auch tatsächlich namhafte Abogebühren dafür zahlen. Fertige Apps liegen bei allen inzwischen in den Schubladen, nur reden will man über die Zukunftsprojekte offenbar ungern. Hier sollten die Medientage mehr Workshop-Charakter bekommen, in dem ein interdisziplinärer Ideen-Austausch erfolgt. Davon hätten die Besucher deutlich mehr als vom Posing der Podiumsgäste mit der eigenen Marke. Vor allem zum heißen Thema iPad und Apps wurde in München viel kalter Kaffee serviert.
Immerhin beim Diskurs "Wert und Werte von Social Media" ging’s zur Sache. "Social Media Marketing kann jeder Depp – Ergebnisse erzielen nur Experten", konterte etwas Thomas Kaspar, Chefredakteur Community bei Chip Xonio Online den reichlich verkopften Vortrag seines Vorredners aus der Unternehmensberatung und fügte einen prägnanten Vergleich hinzu: "Social Media Marketing ist wie eine Herz-OP. Ein Fehler kann tödlich sein." Das war eben nicht das übliche Schaulaufen, und deshalb sollte man sich dieses Panel für 2011 schon mal vormerken.

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