„Nicht entschlossen und schnell genug“

Am Freitag meldete der um Vertrauen ringende neue News-Dienstleister dapd den Wegzug des Schraubenimperiums Würth aus Deutschland - ein dapd-"Thema des Tages", das sich als Falschmeldung entpuppte. Nun nimmt der Chefredakteur Stellung, wenn auch nur intern. Cord Dreyer spricht von einem "individuellen Versagen" einer Mitarbeiterin, aber auch davon, dass im eigenen Haus "nicht entschlossen und schnell genug reagiert" worden sei. Das MEEDIA-Tickerblog über ein echtes Schuldeingeständnis.

Anzeige

Am Freitag meldete der um Vertrauen ringende neue News-Dienstleister dapd den Wegzug des Schraubenimperiums Würth aus Deutschland – ein dapd-"Thema des Tages", das sich als Falschmeldung entpuppte. Nun nimmt der Chefredakteur Stellung, wenn auch nur intern. Cord Dreyer spricht von einem "individuellen Versagen" einer Mitarbeiterin, aber auch davon, dass im eigenen Haus "nicht entschlossen und schnell genug reagiert" worden sei. Das MEEDIA-Tickerblog über ein echtes Schuldeingeständnis.
Das, was am vergangenen Freitag dem dapd durchrutschte, war durchaus gewaltig: Eine Exklusivmeldung, die nicht nur falsch war, sondern die vor allem zuerst von der Konkurrenz berichtigt wurde, nicht vom News-Dienstleister dapd selbst (die Chronologie des Vorfalls: "Steckt der dapd in der Wachstumsfalle?"). Der Fall "Würth" ist damit ein tiefer Kratzer im Image jener Agentur, die den Marktführer dpa "verzichtbar" machen will. Und er ist ein Wachrütteln, für einen Dienst, der zuletzt stark auf Expansion gesetzt hat, dabei aber bedrohlich das Kerngeschäft aus den Augen verloren zu haben scheint. Gut möglich, dass sich das jetzt ändert – vor allem im Management um Cord Dreyer, der ehrgeiziger Chefredakteur wie knallharter Geschäftsführer zugleich sein will.
Dreyer jedenfalls schrieb noch am Sonntagabend eine opulente E-Mail an seine Mannschaft, Betreff "Umgang mit Fehlern – Leitlinien", Priorität "hoch". Darin notierte er: "Eine solche Falschmeldung hat nicht zu unterschätzende Folgen: Das Unternehmen Würth ist verärgert, die Menschen in der betroffenen Region verunsichert und unsere Kunden, vor allem die, die diese Meldung verbreitet haben, zweifeln möglicherweise an der Qualität unserer Arbeit. Selbstverständlich reagieren Kunden und Medien auf Falschmeldungen sehr sensibel und fragen sich, ob unsere Arbeitsabläufe und Sicherungsmechanismen ausreichend ausgebildet sind."
Dreyer verschont seine Mitarbeiter nicht mit deutlicher Selbstkritik und rekonstruiert in seinem Schreiben die redaktionellen Abläufe. "Am Anfang und im Kern der Geschichte" stehe jedoch zunächst "das individuelle Versagen" einer Mitarbeiterin, das nicht zu erklären sei: "Sie stand im schriftlichen Emailverkehr mit dem Unternehmen und hat den Inhalt aus nicht ersichtlichen Gründen falsch wiedergegeben." Die Mitschuld der Autorin lässt sich derzeit nicht zweifelsfrei klären: Sie will sich bisher trotz Kontakt mit dem MEEDIA-Tickerblog nicht öffentlich äußern.
Während dapd-Sprecher Wolfgang Zehrt noch am Freitag im Gespräch mit MEEDIA und dem Spiegel den Eindruck zu erwecken versuchte, die Schuld für diesen Lapsus liege allein bei der externen Kraft, von der sich der dapd "umgehend" getrennt habe, geht Dreyer mit seiner Redaktion hart ins Gericht. Den "redigierenden Stellen" in Stuttgart und Berlin hätten zwar keine Hinweise auf mögliche Fehler vorgelegen, zumal Würth selbst als Quelle angegeben worden sei. Übersehen worden sei indes nicht nur von der Autorin, sondern auch "vom Landesdienst, vom Ressort und vom Newsdesk, dass es ganz und gar unwahrscheinlich ist, dass die Verlegung des Konzernsitzes eines ‚prominenten‘ Unternehmens in die Schweiz auf diesem Weg – ohne eigene Mitteilung des Unternehmens (man denke an die Folgen für die Mitarbeiter) – bekannt wird", so Dreyer weiter.
Geradezu ermahnend schrieb der Chefredakteur an seine Leute: "Das hätte bei der doppelten Prüfung in Stuttgart und Berlin auffallen müssen und eine zusätzliche Überprüfung der Fakten (z.B. auf der Würth-Website) vor dem Senden auslösen müssen." Ein Appell, untermauert mit einer Liste an Grundregeln. Die hätte er auch einfach von seinem einstigen Arbeitgeber, der dpa, kopieren können – siehe "Lehren aus Bluewater" mit dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner bei den Kollegen vom Bildblog.
In der dapd hat sich längst rumgesprochen, dass sowohl Würth, vor allem aber auch die freie Autorin des Stücks rasch auf eine Korrektur gedrängt haben. Selbst Dreyer notierte dazu: "Nachdem wir Kenntnis davon bekommen hatten, dass es Probleme mit der Kern-Information der gesendeten Stücke gab, wurde – auch am Newsdesk – nicht entschlossen und schnell genug reagiert. Autorin, Landesbüro und Ressort hätten unter Beteiligung des Newsmanagers umgehend gemeinsam und parallel an der Aufklärung der Faktenlage arbeiten müssen, so wie es im Agenturgeschäft üblich ist."
Hätten das zuständige Landes-Büro in Stuttgart und die Zentralredaktion in Berlin das vorliegende Material "neu beurteilt", dann wäre "der KILL eher gesendet worden", also der Rückruf des Materials per Eilmeldung an die Agentur-Abonnenten. "In solchen Fällen hat die umgehende Aufklärung und Korrektur höchste Priorität, um Schaden von unseren Kunden abzuwenden", so Dreyer weiter, dessen Leute sagen, der Fall "Würth" sei "Fluch und Segen" zugleich. In den meist chronisch unterbesetzten – auch für Stuttgart sind schon länger weitere Stellen ausgeschrieben – stöhnen sie schon lange, größtenteils von dem Um- und Ausbau der neuen Agentur abgeschnitten zu sein, die aus ddp und AP-Deutschland entstand. Einer im Land flucht gar: "Uns hier draußen haben sie einfach vergessen. Würth soll ihnen eine Lehre sein!" Andere sagen, mit der Erkenntnis, die dem peinlichen Vorfall folge, nehme "hoffentlich der manische Drang nach Exklusivität und Eigenprofil ab".
Dreyer dürfte nun tatsächlich wissen, unter welchem Qualitäts-Druck er steht und überdies unter Beobachtung seitens der Redaktionen in Sendern, bei Zeitungen und bei Online-Diensten. Immerhin heißt es in seinem Mahn-Mailing: "Nur auf eine Nachrichtenagentur, die absolut vertrauenswürdig ist, werden sich die Redakteure unserer Kunden verlassen." Genau daran wird er noch sehr hart arbeiten müssen.
Folgen Sie @tickerblog auf Twitter. Fragen zum Agenturmarkt? Ungewöhnliche Beobachtungen? Einschätzungen im Off? Bitte an: daniel.bouhs@meedia.de

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige