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Middelhoff: keine Klage gegen Bertelsmann

Harte Zeiten für den ehemaligen Vorzeigemanager: Vergangene Woche wurden seine Geschäftsräume wegen des Verdachts auf Untreue durchsucht. Jetzt wehrt sich Middelhoff im Focus-Interview gegen angeblich falsche Behauptungen zu seiner Person in der jüngst erschienenen Bertelsmann-Chronik. Darin wird er bezichtigt, den damaligen Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn zu einer Fusion mit AOL gedrängt zu haben. Dennoch sieht Middelhoff von einer Klage ab. Er geht nicht davon aus, dass sich der Verkauft noch stoppen lasse.

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Für Thomas Middelhoff kommt es derzeit knüppeldick. Vergangenen Donnerstag durchsuchten Beamte der Staatsanwaltschaft Köln und Bochum Wohn- und Geschäftsräume wegen des Verdachts der Untreue im Zusammenhang mit Arcandor. Jetzt wehrt sich der ehemalige Bertelsmann-Chef im‘> gegen pikante Details im bald erscheinenden Jubliäumsbuch des Medienkonzerns. Angeblich enthalte es “Lügen” über seine Person. Bertelsmann nimmt die Vorwürfe zur Kenntnis, möchte die Sache aber nicht kommentieren. Middelhoff sieht außerdem von einer Klage gegen die Bertelsmann-Chronik ab. Das teilte ein Sprecher Middelhoffs der Neuen Westfälischen mit. Jetzt gehe es Middelhoff darum, seine Rolle an der Spitze des Konzerns "von unabhängiger Seite" und nicht "in einem von Bertelsmann bestellten Beitrag" beleuchten zu lassen.

Erfolgsgeschichte mit unschönem Ende
Dabei legte der studierte Betriebswirt bei Europas größtem Medienkonzern eine Bilderbuchkarriere hin. 1986 wechselte Middelhoff als Assistent der Geschäftsleitung der Graphischen Betriebe Mohndruck in Gütersloh zur Bertelsmann AG. 1989 stieg er zum Geschäftsführer auf. 1990 war Middelhoff schon Vorstandsmitglied des Bertelsmann-Unternehmensbereiches Druck- und Industriebetriebe. Vier Jahre später wurde er in den Vorstand der Bertelsmann AG berufen und übernahm fortan die Leitung der Zentralen Unternehmensentwicklung sowie die Koordination der Multimedia-Geschäfte von Bertelsmann. Von November 1998 bis Juli 2002 war Middelhoff dann Vorsitzender des Vorstandes der Bertelsmann AG. In seiner knapp vierjährigen Amtszeit konnte er trotz einiger Misserfolge den Umsatz der Bertelsmann AG verdoppeln.

1995 ging Bertelsmann mit AOL Deutschland ein Joint Venture ein. Nachdem AOL aber mit dem direkten Konkurrenten Time Warner fusionierte, zog sich Bertelsmann im Sommer 2000 zurück. Und verkaufte seine 50-Prozent-Anteile für 7,5 Milliarden Euro. Das war der höchste Gewinn, der bis dato mit einem Dot-Com-Unternehmen erzielt worden war.

In der Jubiläumsschrift behauptet nun der Historiker Hartmut Berghoff, dass Middelhoff Reinhard Mohn zu einer von ihm angestrebten Fusion mit dem ehemaligen Internet-Riesen gedrängt haben soll. Das sei „komplett falsch“ und ein „Skandal“, sagte Middelhoff dem Focus. Angeblich gebe es keine Grundlagen für diese Behauptung. Der Konzern verteidigt seine vor einem Monat erschienene Anthologie: "Die Autoren der Anthologie sind renommierte, unabhängige  Wissenschaftler und Publizisten. Prof. Berghoff schildert die Ära Thomas Middelhoff in der Anthologie mit positiven und weniger positiven Entwicklungen. Bertelsmann respektiert die in der Anthologie vorgenommene externe und unabhängige Bewertung durch Prof. Berghoff. Die Autoren waren frei, im Rahmen der Gesamtkonzeption des Buches einen objektiven Blick auf ihren thematischen Gegenstand zu werfen. Im Ergebnis liegt ein fachlich fundiertes Werk vor, das in der Geschichtsdarstellung ausdrücklich auch kritische Stimmen zulässt", teilte eine Sprecherin des Unternehmens auf Anfrage von MEEDIA mit.

Fest steht, dass Middelhoff das Unternehmen im Streit verließ. Offiziell aufgrund von Differenzen mit Firmenpatriarch Reinhard Mohn. Dabei ging es vor allem um die Frage, ob das Unternehmen an die Börse gebracht werden sollte. Angeblich hatten Mohn und Middelhoff auch völlig unterschiedliche Auffassungen zur Unternehmenskultur.

Middelhoff kritisiert Bertelsmann
Die Fronten zwischen Bertelsmann und Middelhoff scheinen auch noch acht Jahre später verhärtet zu sein. Im Interview mit dem Focus erklärt er, noch nicht einmal zur Jubiläumsfeier Mitte September in Berlin eingeladen worden zu sein. Geladen waren rund tausend Gäste aus dem In- und Ausland. Obwohl er die Bewertung seiner Leistung als nicht gerechtfertigt empfindet, hält er mit seiner Kritik zur Geschäftsstrategie seines ehemaligen Arbeitgebers nicht hinterm Berg.

In seinem Gastkommentar im Handelsblatt zum 175-jährigen Firmenbestehen erteilt der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Führung eine Abfuhr. Die über Jahrzehnte propagierte Trennung des Unternehmensschicksals von den Interessen der Familie Mohn sei zunehmend aufgeweicht. “Dieser Wechsel war einer der größten Eingriffe in die Strukturen, in das System Bertelsmann, ohne dass dies den meisten Führungskräften bis heute bewusst geworden wäre”, so Middelhoff. Im Focus kritisiert er zudem, dass man in Gütersloh mit der RTL Group zu „abhängig“ vom Fernsehmarkt sei. Es sei höchste Zeit, dass „strategisch etwas Neues“ nachwachse, weil auch das Fernsehen einem „Lebenszyklus“ unterliege. „Aber da kommt nichts“, so Middelhoff.

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