„Der Fetisch Exklusivität verliert Bedeutung“

Spredder heißt das neue Online-Projekt der Macher des PDF-Medienmagazins ViSdP, Hajo Schumacher und Sebastian Esser. Die beiden Journalisten wollen mit Spredder einen Online-Shop für Qualitätsjournalismus etablieren. Freie Journalisten können dort ihre Texte zur Zweitverwertung online stellen, Redaktionen dürfen für zwei Cent pro Zeichen zugreifen. Im Gespräch mit MEEDIA erklärt Hajo Schumacher, was er mit Spredder vorhat und warum er keine "hidden Agenda" verfolgt.

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Was war eigentliche Ihre erste Assoziation zum Namen Spredder?

Meine erste Assoziation war das englische Verb to spread, also verbreiten.

Ich muss immer an "Schredder" denken…
Das ist natürlich das klassische Wortspiel, das geschätzte Kollegen machen werden. Was soll ich dazu sagen? Hauptsache man merkt es sich.
Spredder ist jetzt offiziell in der Beta-Phase angekommen. Wie läuft’s?

Wir haben ein paar Partnerzeitungen, die uns ausprobieren. Es geht erst einmal darum, dass Spredder den Alltagstest besteht. Ein Kollege soll mit einer Viertelstunde Zeitaufwand dank  Spredder pro Monat 100 bis 200 Euro mehr verdienen können. Das wird sich dann herumsprechen und Spredder wird wachsen. Wir setzen nicht auf große Reklame, sondern auf den Alltag.

Bei Spredder kosten Artikel pro Zeichen 2 Cent. Sie wollen explizit Qualitätsjournalismus bieten. Ist das kein Widerspruch, wenn man Qualitätstexte nach der reinen Menge verkauft, so als ob man ein Pfund Apfelsinen im Supermarkt abwiegt?

Man muss eben irgendein nachvollziehbares Bezahlmodell finden. Wir sind sehr viele Optionen durchgegangen. Die zwei Cent pro Zeichen sind für uns die eingängigste Lösung. Erfahrungsgemäß machen größere Texte nun mal mehr Arbeit. Das sind dann Reportagen, Interviews oder Serien, die dann ja auch mehr Platz in der Zeitung füllen. Kürzere Texte sind eher Kommentare oder Kolumnen – die schreibt man dann vielleicht auch ein bisschen schneller. Es gibt aber sicher kein Idealmodell. Was auch klar sein muss: Wir sind zwar ein Onlineshop für Qualitäts-Journalismus aber am Ende geht es ganz überwiegend um Zweitverwertungen. Das heißt, wenn ich einen Text für die Berliner Morgenpost schreibe, wird der nur im Großraum Berlin verbreitet. Vielleicht ist der Text aber auch für andere Regionalzeitungen von Interesse. Es ist immer ein Zubrot.

Bleiben wir beim Beispiel Berliner Morgenpost. Die ist bei Axel Springer in die große Welt-Redaktion eingebunden. Wenn der Text überregional von Interesse ist, würde er eher innerhalb der Verlags-Gruppe weiter verwertet. Solche Content-Pools, oder wie man das auch immer nennen will, gibt es mittlerweile einige bei Verlagen und es werden eher mehr als weniger. Wo bleibt da der Markt für Spredder-Texte?

Alles, was schon überregional verbreitet wird, kann ich bei Spredder im Normalfall nicht einstellen. Ansonsten brauchen wir Erfahrungswerte. Von einem amerikanischen Kollegen habe ich zum Beispiel erfahren, dass Interviews sich am besten auf diese Weise zweitverwerten lassen. Aber vielleicht sind wir nach einem halben Jahr Spredder total überrascht, was gut läuft und was nicht.

Sie haben die Preisstruktur geändert. Angekündigt war mal, dass Spredder vom Honorar 50 Prozent einbehält. Jetzt wollen sie, analog zu Apples iTunes, nur noch 30 Prozent. Warum?

Erstens glauben wir, dass diese Apple-Formel mittlerweile gelernt ist. Fifty-fifty erschien uns anfangs als ein faires Modell. Einige Kollegen meinten aber, das sei doch sehr gierig. Das sahen wir zwar nicht so – Entwickeln und Betreiben kostet schließlich auch was –, haben uns aber doch überzeugen lassen. Mit der 70:30 Regelungen sind wir für Autoren jetzt nochmal attraktiver. Das entspricht auch unserem altruistischen Weltbild.

Haben Sie Investoren an Bord?

Wir haben in sehr überschaubarem Ausmaß noch zwei kleinere Investoren. Das sind gute Bekannte, die das Projekt gut finden und daran glauben. Wir haben aber keinen Druck, in den nächsten zwölf Monaten gigantische Renditen zu erwirtschaften.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Spredder und einem klassischen Content Syndicator?

Wir haben nicht den Ansatz, ganz viel Geld mit Recycling zu verdienen. Und wir sind selbst freie Journalisten. Wir schauen, was nutzt es den Autoren, was nutzt es den Redaktionen? Was gibt den Zeitungen die Chance, besser zu werden, was gibt den Journalisten die Chance, ein bisschen mehr Geld zu verdienen? Der Fetisch Exklusivität verliert heutzutage an Bedeutung. Zeitungen wie FAZ oder Süddeutsche werden natürlich weiter Exklusives haben wollen, dafür ist Spredder nicht der richtige Kanal. Aber wenn es um Texte von Eckart von Hirschhausen, Henryk M. Broder oder Hellmuth Karasek geht, warum soll eine Regionalzeitungen die nicht auch mal veröffentlichen?

Haben sich von Hirschhausen, Broder und Karasek bei Ihnen denn schon als Autoren angemeldet?

Wir sind in sehr konstruktiven Gesprächen. Hellmuth Karasek zum Beispiel war sehr angetan von unserem System. Egal mit wem wir darüber reden, es findet eigentlich niemand einen Pferdefuß.

Aber haben sich prominente Autoren schon angemeldet?

Wir sind dabei. Die Jungs von Carta haben zum Beispiel Interesse daran, dass ihre Texte weiter verbreitet werden.

Wobei die Carta-Texte ja oft auch schon Zweitverwertungen sind. Das wäre dann ja die Weiter-Verbreitung der Weiter-Verbreitung.

Das macht die Texte aber nicht schlechter. Ein guter Text ist ein guter Text ist ein guter Text. Es geht doch darum, dass ein normaler Redakteur, der nicht weiß wo ihm der Kopf steht, dankbar ist, wenn er eine Maschine hat, bei der er alles sieht, was an diesem Tag an guten Texten zur Veröffentlichung zur Verfügung steht. Der Leser in Ulm weiß doch nicht, dass bei Carta irgendein schlauer Text zum Thema Online-Sicherheit steht. Wir leben in einer Zeit, in der sehr viel über sehr viele Kanäle verbreitet wird, so dass keiner mehr den Überblick über eine wie auch immer geartete Exklusivität hat. Am Ende geht es nicht um Exklusivität, sondern darum, was ein guter Text ist.

Kennen Sie eigentlich Open:tx? Die machen im Prinzip das gleiche wie Spredder.

Ja, ich kenne die anderen Angebote. Aber man muss sich schon darum, kümmern, dass so ein System auch läuft.

Will heißen: Sie kümmern sich und die anderen nicht so richtig?

Das habe ich so nicht gesagt. Das haben Sie so verstanden.

Welche Redaktionen sind in der Beta-Phase mit an Bord?

Drei Regionalzeitungen testen uns gerade, auch einige andere, kleinere Redaktionen. Rund 200 Autoren haben sich angemeldet. Und es gibt viele, die jetzt erstmal gucken. Wenn man mit etwas Neuem kommt, warten die Kollegen erst mal ab. Die wichtigste Ressource in dem ganzen Business ist Vertrauen. In dem Moment, wenn wir das Vertrauen in die Marke Spredder aufgebaut haben, werden all die, die jetzt nur interessiert über den Zaun gucken, dazukommen. Wir haben keine Hidden Agenda. Das ist ein kollegialer Marktplatz, ein Online-Shop für Qualitätsjournalismus.

Wie wollen Sie die versprochene Qualität der Texte sicherstellen?

Wir veröffentlichen Texte erst, nachdem sie von uns geprüft wurden. Und wir behalten uns auch vor, Texte abzulehnen. Das ist natürlich auch eine Menge Handarbeit.

Was erhoffen sich sich im Laufe der Beta-Phase von Spredder?

Es wäre zunächst einmal schön, wenn die ganze Branche nicht hyänenartig über uns herfällt. Es ist mir schon klar, dass das ein Projekt mit einem Hauch von Romantik ist. Die Idee wurde von Sebastian Esser, der auch ViSdP. macht, und mir aus dem täglichen Tun heraus geboren. Wir wollten einfach die Möglichkeit haben, unsere Texte auf einen Marktplatz zu stellen. Wir richten uns mit Spredder gegen niemanden, sondern wir wollen ein Angebot von Praktikern für Praktiker machen. Wenn das ein bisschen dauert, bis es sich etabliert, ist das kein Problem. Wir sind alles, nur nicht ungeduldig.

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