Der Wanderzirkus der „Supertalente“

Die Show "Das Supertalent" bei RTL holt auch in der neuen Staffel Top-Einschaltquoten. Am Samstag ließ die Freak-Show den ZDF-Familiendampfer "Wetten dass..?" in der Zielgruppe hinter sich. Was macht den Reiz von "Das Supertalent" aus? Das ganze ist eine TV-Variante des klassischen Wanderzirkus. Früher wurden Menschen mit körperlichen Abnormitäten auf Jahrmärkten ausgestellt, heute kommen Sie ins Fernsehen. Einige der "Supertalente" ziehen dabei zusammen mit dem Show-Format rund um die Welt.

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Die besten Beispiele sind der berüchtigte "Kunstfurzer" Mr. Methane aus der vorigen Staffel von "Das Supertalent" und die extrembusige Frau, die sich Busty Heart nennt, aus der aktuellen Staffel. Beide sind "Supertalent"-Veteranen. Mr. Methane trat bereits in der englischen Variante der Show, "Britain’s got Talent", im Mai 2009 auf, bevor er seine Flatulenzen vor Dieter Bohlen, Sylvie van der Vaart und Bruce Darnell bei RTL vorführte.

Busty Heart zertrümmerte bereits 2008 bei "America’s got Talent" mit ihren grotesk vergrößerten Brüsten Wassermelonen. Jetzt darf sie gleiches bei RTL in der aktuellen Staffel von "Das Supertalent" tun. Die Frau leitet eigentlich einen Strip-Club – man kann sich sich ungefähr vorstellen, aus was für einem Milieu sie kommt. In die gleiche Kategorie der extremen Freaks zählt der Penis-Maler Tim Patch. Unter seinem Künstlernamen "Pricasso" tourt er durch Sex-Messen und TV-Shows auf der ganzen Welt. Bezeichnenderweise schaffte "Pricasso" es in den USA auf eine satirisch gemeinte Liste von "20 Personen, die wir bei der nächsten Staffel von ‚America’s got Talent‘ sehen wollen". Auch der Schotte Stevie Starr, der in der jüngsten Folge allerlei Zeugs verschluckte und wieder auswürgte, war schon in einer englischen Castingshow dabei.
Die massive Beteiligung von solch professionellem Kandidaten-Material zeigt, dass das "Supertalent" in Wahrheit gar keine Casting-Show ist. Es ist ein perfekt choreografierter televisionärer Wanderzirkus. Die beschriebenen Freaks gehören genauso dazu wie die singenden Underdogs. Seit die englische Hausfrau Susan Boyle und der untersetzte Telefonverkäufer Paul Potts aus der englischen Variante der Show heraus Weltkarrieren starteten, dürfen die singenden Dicken nicht fehlen.

Bei der vorigen Folge vom "Supertalent" war es eine stimmgewaltige, korpulente Dame, diesmal ein arbeitsloser Bahnarbeiter mit Backen-Bart, der den Joe Cocker gab. Wie gut, dass der Cocker gerade wieder eine neue Platte veröffentlicht hat. Da steht dem gemeinsamen, ebenso herzzerreißenden wie absatzfördernden Auftritt in einer der nächsten Folgen nichts mehr im Wege.

Ebenso zur Show gehören die Totalausfälle, die gar nichts können, über die man sich lustig machen darf und die wieder weggeschickt werden. Und natürlich die Kinder. Bei der aktuellen Folge gaben zwei paralysiert wirkende Zwillings-Jungen auf ihren Akkordeons eine Bayern-Polka zum besten und ein nur Vierjähriger "Orlando" , der ganz offensichtlich gar nichts konnte, wurde eifrig belacht, beklatscht und wieder weggeschickt.

Die Jury bei "Das Supertalent" ist genauso eine Inszenierung wie die ganze Show. Dieter Bohlen ist halt Dieter Bohlen und feuert unermüdlich seine Sprüche ab. Sylvie van der Vaart sieht gut aus und ist schrecklich emotional. Bruce Darnell ist witzig und regt sich so herrlich auf. Jeder bleibt in seiner Rolle. Dann gibt es immer Schnitte auf entsetzte Gesichter, wahlweise im Publikum und/oder bei der Jury, wenn wieder so ein Superdepp die Bühne betritt. "Das Supertalent" ist keine Castingshow, es ist die Parodie auf eine Castingshow.

Doch das Seltsame ist: Man kann sich der Show kaum entziehen, wenn man sie anschaut. Liest man, was dort alles vor sich geht, denkt man unweigerlich: was für ein Dreck. Aber wenn man zuschaut, kann man nicht umschalten. Man muss über Bohlens Sprüche lachen und man schaut mit Faszination und Abscheu auf die dargebotenen Absonderlichkeiten und ertappt sich, wie man in gleicher Weise entsetzt die Hand vor den Mund nimmt, wie die Jury und die Leute aus dem Publikum im Fernsehen. Die Show spricht tief sitzende Schaulust-Instinkte an, genauso wie man früher vielleicht über die bärtige Jungfrau oder den Zwerg in einem Kuriositäten-Panoptikum gestaunt hätte. Im Falle von Mr. Methane gibt es sogar ein historisches Vorbild. Der Franzose Joseph Pujol trat Ende des 19. Jahrhunderts als "Le Pétomane" im Pariser Moulin Rouge als Kunstfurzer auf. Er furzte u.a. die Marseillaise.

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