Das Rededuell zum Tag der Einheit

Bundespräsident Christian Wulff und sein früherer Konkurrent Joachim Gauck haben am Wochenende zur deutschen Einheit gesprochen. Moderates Lob von vielen Medien erntete Wulff: "Er hat eine Rede gehalten, die kein Glanzstück war, aber auch kein totaler Ausfall", schreibt SpOn. Für eine "respektable Rede" hält es die SZ. Verglichen mit Gauck zieht er jedoch knapp den Kürzeren. Gauck redete "inhaltlich nicht unbedingt besser als Wulff, aber freier, ohne Zwänge", kommentiert Zeit Online.

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"Ein echter Wulff eben: der Präsident macht es allen recht, eckt nicht an, setzt aber so auch keine Botschaften, die länger als 24 Stunden in Erinnerung bleiben", beschreibt Sebastian Fischer von Spiegel Online seinen Eindruck. "Kurz gesagt, seine Aussagen bleiben sehr allgemein." Auch Zeit Online sieht in der Rede keinen großen Erfolg: "Wulffs kurze Ansprache – sie war eine ganz normale Bundespräsidenten-Rede. Ein Neuanfang aber war sie nicht."
Noch kritischer geht Faz.net mit dem Bundespräsidenten ins Gericht: "Ein Wort, das die zutiefst aufgewühlte Gesellschaft befriedet und mit ihrer politischen Führung versöhnt hätte, war sicher zu viel verlangt. Wulff aber hat nicht einmal nach dem Erreichbaren gegriffen: einer Rede, die aufhorchen ließe."
Lob kommt indes von Stern.de. Das Nachrichtenportal formuliert: "Wäre Altbundespräsident Richard von Weizsäcker ein Hip Hopper, er hätte gesagt: ‚Respekt, Digga.’" Die Süddeutsche Zeitung hält Wulff zwar für keinen guten Redner, sieht aber wichtige Themen angesprochen: "Er beherrscht zwar die Kunst der großen Rede nicht, aber er hat zum zwanzigjährigen Jubiläum der Einheit eine gute, respektable Rede gehalten; sie war zwar nicht rhetorisch, aber inhaltlich reichhaltig."
Vergleicht man die Wulff-Rede mit der von Joachim Gauck, fällt das Medienecho sehr unterschiedlich aus. Spiegel Online lobt Gaucks Ansprache in höchsten Tönen: "Es war eine herausragende Rede", schreibt die Nachrichtenseite. Sie fährt fort: "Wo der 70-Jährige sich einer bilderreichen Sprache bediente (‚Wer Herren stürzen kann, vor dem stürzen Mauern ein‘), da ist Wulffs Sprache kühler (‚Die Ostdeutschen haben sich selbst aus der Diktatur befreit, ohne Blutvergießen‘). Wo Gauck selbst Erlebtes berichten kann, muss Wulff auf Zitate anderer zurückgreifen."
Lutz Kinkel von Stern.de sieht das indes anders: "Gauck intonierte seine Ausführungen zu Migranten nahezu ausschließlich aus der Perspektive des starken Staats, der dieser Gruppe Anpassung, Deutschkenntnisse, Gesetzestreue und wirtschaftliche Unabhängig abfordert." In seiner Headline kommentiert Kinkel sogar "Wulff überholt Gauck links".

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