Slomka und die Rech-Fertigung der Gewalt

Jeder TV-Chefredakteur weiß, dass lange Politiker-Befragungen in Nachrichtensendungen meistens das reinste Quoten-Gift sind. Wird ein Minister oder Oppositions-Politiker länger als eine Minute befragt, wirkt das wie ein Umschalt-Befehl. Anders gestern Abend: Im "heute journal" zerlegte Marietta Slomka den baden-württembergischen Innenminister Heribert Rech nach allen Regeln der Kunst. Bei dem Versuch, den Polizeieinsatz gegen die Stuttgart-21-Demonstranten zu rechtfertigen. redete er sich um Kopf und Kragen.

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Am Donnerstag war in Stuttgart eine angemeldete Schüler-Demo gegen das umstrittene Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 eskaliert. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein, um den Schlossgarten zu räumen. Dort wurden am heutigen Freitag nun die ersten Bäume gerodet. Bilder und Berichte des Einsatzes sprechen eine drastische Sprache.  So ist von "bürgerkriegsähnlichen Zuständen" die Rede,  zudem waren den gesamten gestrigen Nachmittag und Abend Fotos und Filme zu sehen, die unter anderem einen Mann mit blutenden Augen zeigten oder Kinder und Schüler, die mit Gewalt von der Polizei weggetragen oder gezerrt wurden.
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In diese Stimmung platzierte das "heute journal" das Slomka-Interview mit Rech. Gleich die erste Frage brachte den Berufspolitiker so aus der Fassung, dass er um die richtigen Worte ringen musste. Die Journalistin fragte mit ernster, aber unschuldiger Miene: "Braucht man Wasserwerfer, Tränengas und Schlagstöcke um mit einer angemeldeten Schüler-Demonstration fertig zu werden?"

Im Laufe des Gesprächs fing sich Rech nie mehr richtig. Besonders bitter wurde es, als der Minister die Schuld für das harte Vorgehen der Polizei mit der Gewaltbereitschaft der Protestler begründete. Slomkas Einwurf: "Auf den Bildern war kein schwarzer Block zu sehen, wie wir es von den Mai-Demonstrationen kennen. Da sind Anzugträger, da sind Senioren, da sind Familien, da sind Kinder." Rechs harte Antwort: "Ja. Vor allem Letzteres. Wissen sie: wenn Kinder in die vorderste Linie gebracht werden, von ihren Mütter und ihren Vätern, wenn sie instrumentalisiert werden, wenn sich Mütter mit den Kindern der Polizei in den Weg stellen, dann müssen sie eben auch mit einfacher körperlicher Gewalt weggetragen werden." Slomka hakte sofort nach: "Reden Sie jetzt über das schwäbische Bürgertum? Das klingt, als würden sie aus dem Krieg berichten." Die Antwort: "Gottlob haben wir keine kriegsähnlichen Zustände. Das wird dramatisiert." Nur vermitteln seine Antworten und die tatsächlichen Bilder einen ganz anderen Eindruck.

Die Reaktion der Zuschauer ließ nicht lange auf sich warten. Via Twitter und in Kommentaren kritisierte zumindest die Web-Welt Rech. So zwitscherte stellvertretend für viele Lawblogger Udo Vetter: "Keine Analyse ist entlarvender als der O-Ton. BaWüs Innenminister im ZDF".

Die Qualität des Slomka-Interviews lag darin, dass es der Journalistin gelang, den Politiker sich selbst ins Verderben reden zu lassen, indem sie mit höchstem Geschick immer weiter nachfragte. Rechs Auftritt wird seinen Kommunikationsprofis den Schweiß auf die Stirn getrieben haben. Slomka dagegen kann zufrieden mit ihrer Leistung sein. Mit sanftem Druck und ohne jedwede Aggression, sondern nur mit einer geschickten Gesprächsführung, hat die Journalistin aus dem Interview ein hartes Verhör gemacht. Nur konsequent, dass sie am Ende des Gesprächs keinen gehässigen oder bösen Kommentar platzierte. Stattdessen bedankte sie sich artig.

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