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Markwort: von „King Gong“ zu Mister Focus

Wenn Helmut Markwort heute die Chefredaktion des von ihm gegründeten Focus offiziell an Wolfram Weimer abgibt, geht eine Ära im deutschen Journalismus zu Ende. Helmut Markwort kann man sich gar nicht mehr anders vorstellen, außer als Mister Focus. Obwohl er in seinem Berufsleben noch viele andere Rollen ausfüllte und ausfüllt: Unternehmer, Blattmacher, Vorstand, Schauspieler, Moderator. Seine Karriere ist ein Spiegelbild der Saus-und-Braus-Jahre im deutschen Mediengeschäft.

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Der Aufstieg von Helmut Markwort begann in den Wirtschaftswunderjahren zwischen 1956 und 1966. Damals arbeitete er für die Lokalteile von Zeitungen in Darmstadt, Wuppertal, Nürnberg und Düsseldorf. In der Stadt am Rhein leitete er auch mal das dortige Büro des Stern. Von der Pike auf gelernt, sagt man dazu. Er war auch mit dabei, als der legendäre Verleger und Gründer der Wirtschaftszeitschrift DM, Waldemar Schweitzer, mit Die Zeitung schon einmal eine Konkurrenz zum Spiegel aufbauen wollte und scheiterte. Vielleicht wurde damals die Idee zum Focus geboren. Markwort ging schließlich nach München, damals als Medienstadt das lustigere, barockere, lebensfrohere Gegenstück zum zugeknöpften Hamburg. Markwort passte nach München und umgekehrt. Er hatte seinen Kiez gefunden.

In diesen Anfangstagen liegt vielleicht schon alles, was Helmut Markworts Karriere in späteren Jahren ausmachte. Der Aufbruchsgeist der Aufschwungjahre hat ihn geprägt. Kein Weg war zu weit, kein Ziel zu hoch. Dabei war er immer eher der hemdsärmelige Macher, ein Zwitterwesen, Unternehmer und Journalist in einer Person. Das war und ist die wahrscheinlich hervorstechendste Eigenschaft bei Helmut Markwort, neben seinem handwerklichen Talent als Blattmacher. Manchmal, in späteren Jahren, standen sich die beiden Markworts, der Journalist und der Unternehmer, auch ein bisschen im Weg. Etwa wenn er sich über kritische Artikel in der Süddeutschen ärgerte und gegen den Autoren, immerhin ein ehemaliger Spiegel-Mann, polterte.

Im München machte er die Fernsehzeitschriften Bild + Funk und Gong groß. Beim Gong Verlag entwickelte er dann noch Hefte wie die Aktuelle und Ein Herz für Tiere. Allesamt große Erfolge. Seine Gründungen haben Bestand, auch wenn sie heute manchmal inhaltlich dünner daherkommen, als zu Markworts Tagen. Aus dieser Zeit hat er auch seinen wohl berühmtesten Spitznamen: King Gong. Das passte und er hat es vermutlich gerne gehört. Ein kleines Ego würde man einem großen Blattmacher wie Helmut Markwort niemals unterstellen.

Zum Königreich des King Gong gehören nicht nur bunte Blätter, sondern auch viele Wellen. Markwort war Geschäftsführer bei Radio Gong und wurde 1985 geschäftsführender Gesellschafter bei der Medienpool GmbH. Dort hat er immer noch seine mittlerweile mannigfaltigen Rundfunkbeteiligungen gebündelt. Allein mit diesem Radio-Imperium wäre mancher den ganzen Tag lang beschäftigt, nicht aber Markwort.

Er gehörte in jenen wilden Münchner Tagen, als das Mediengeschäft noch ein echtes Saus-und Braus-Business war, auch zum Autoren-Zirkel des ungarischen PR-Zaren Josef von Ferenczy. Seine Kollegen dort waren u.a. der heutige Quartals-Irre von Bild, Franz Josef Wagner, und Patricia Riekel, Markworts Lebensgefährtin und amtierende Über-Chefin bei Bunte. Das war so eine Münchner Clique, die von den Hamburger Herren-Journalisten vielleicht ein bisschen hochnäsig beäugt wurde. Die Münchner waren, wenn man den Erzählungen der Alten glauben darf, und warum sollte man das nicht, immer ein bisschen besser drauf. Aber auch ein bisschen näher dran an der Wirtschaft und der Politik. Und Politik heißt in Bayern nun mal CSU.

Nach Markworts Wechsel zu Burda im Jahr 1992 kümmerte er sich zunächst um die Schweriner Volkszeitung. Das eigentliche Projekt, das ihm am Herzen lag, war aber ein zweites deutsches Nachrichtenmagazin. Ein publizistisches Gegengewicht zum damals noch viel deutlicher links stehenden Hamburger Spiegel. Der Focus war die zur Zeitschrift geronnene Weltanschauung von Helmut Markwort – und er war damit erfolgreich. Markwort schuf mit dem Focus eine Zeitschriften-Marke und erfand sich selbst als Medienmarke. Der Mann mit den Walle-Haaren, der in Redaktionskonferenzen ruft “Fakten, Fakten, Fakten und immer an die Leser denken” – das ist bis heute das Bild Helmut Markworts, das die meisten Leute immer noch im Kopf haben. Er etablierte den Focus als drittes großes aktuelles Wochenmagazin neben Spiegel und Stern und damit seinen Verlag als eines der großen Medienhäuser der Republik. Und zwar nicht nur vom Umsatz her, sondern auch von der publizistischen Bedeutung.

Die Zeiten haben sich geändert – Helmut Markwort blieb der alte. Das erklärt vielleicht ein Stück weit, warum sein Focus in der jüngeren Zeit nicht mehr so ganz taufrisch daherkam. Am 1. Oktober tritt er offiziell als Chefredakteur ab. Sein Nachfolger Wolfram Weimer ist schon eine ganze Weile an Bord.  Als Herausgeber bleibt Markwort seinem Focus verbunden – wie könnte es anders sein? Die, die ihn kennen, haben keinen Zweifel, dass der rastlose Mister Focus auch mit über 70 noch neue Betätigungsfelder finden wird. Zu tun gibt es für Helmut Markwort immer etwas. Die Walle-Haare sind grau geworden. Aber die Augen darunter blitzen noch wie früher.

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