Baselitz-Welt als Bild/Text-Schere

Einen ganzen Sommer lang hat Georg Baselitz Bilder für die Jubiläums-Welt zu 20 Jahren deutsche Einheit gemalt. Das Ergebnis: Die Ausgabe am heutigen Freitag sieht beeindruckend gut aus. Die Zeitung blättert sich hervorragend, weil alle Layouts ein einheitliches Look and Feel haben. Die andere Seite der Medaille: Für einen Tag verabschiedet sich die Welt aus dem Tagesgeschäft. Denn die Ausgabe zeigt auch: Nur mit Foto existiert eine Nachricht tatsächlich.

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Die Blattmacher sind sich der Problematik natürlich bewusst: "Ein ungewöhnlicher Anblick für Zeitungsleser: Gemälde und Gouachen zwischen Artikeln über Arbeitsmarktzahlen und Klinikdurchsuchungen", schreibt Cornelius Tittel, Feuilleton-Chef der Welt-Gruppe und stellvertretender Chefredakteur, in einem Editorial auf der Titelseite der Welt. Weiter heißt es: "Wie werden Sie, wie werden die Leser auf eine Zeitung reagieren, die unter einem Bericht zum Prozessauftakt gegen die frühere RAF-Terroristin Verena Becker kein Bild der Terroristin zeigt, sondern einen Adler im Flug? Wir wissen es nicht, hoffen aber, dass Sie genauso irritiert und begeistert sind wie wir."

Das Titelblatt der heutigen Welt

Irritiert, wenn nicht gar verwirrt werden die Leser sicherlich sein. Wahrscheinlich völlig unbeabsichtigt zeigt die Welt, wie groß die Macht der Bilder längst geworden ist. Vor allem durch das Fernsehen ist eine Gesellschaft entstanden, die eine Nachricht oder eine Katastrophe nur dann für wahr hält, wenn es auch Fotos des Ereignisses gibt.

Gestern erst hat der Bürgerprotest in Stuttgart gegen das Bahnhofsprojekt einen neuen Höhepunkt erreicht und ein erstes Gesicht bekommen. Es ist das Foto eines Mannes mit blutenden Augen. Er ist, so suggeriert es zumindest das Bild, ein Opfer des harten Polizeieinsatzes. In der Welt gibt es heute nur einen Bericht, "Stuttgart 21: Verletzte bei Demo". Ohne die Fotos mit verletzten Kindern und den Polizei-Wasserwerfern verliert die Nachricht ihre emotionale Sprengkraft – und gerade Zeitungen leben von der emotionalen Kraft ihrer Geschichten.

Welt-Chefredakteur Jan Eric Peters hatte Baselitz gefragt, ob er seine Bilder zum Jubiläumsausgabe zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit beisteuern wolle, weil er den 72-Jährigen für den deutschesten aller deutschen Maler hält. Baselitz weigerte sich jedoch die Zeitung zu illustrieren. "Ich gebe keine Kommentare zur Geschichte, ich bin Teil der Geschichte". Die Folge: Die gesamte Ausgabe ist mit Bildern geschmückt, die Titel wie "Bergspitze" oder "Gut grau" haben und unter Artikel über die Arbeitslosenzahl oder einen offenen Immobilienfonds stehen. Die so entstehende Text/Bild-Schere schafft die Zeitung nicht aufzufangen.

Dafür gibt es diesmal aber Web. "Allen, die einen Tag ohne Fotos nicht überstehen, sei Welt Online empfohlen. Hier steht heute nichts auf dem Kopf", verspricht das Editorial. Im Netz gibt es die gewohnten tagesaktuellen News samt Bildern.

Der Einführungstext endet mit der etwas zu selbstbewussten und überschwänglichen Aussage: "Wir sind uns sicher: Wenn der Maler ein Teil der Geschichte ist, so wird diese Ausgabe Geschichte schreiben."

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