Hü, Hott, herrlich und gefährlich

Die Spitzelaffäre lässt die Telekom nicht los. Kürzlich veröffentlichte die WiWo eine Telekom-Liste der “gefährlichsten Journalisten”. Jetzt entschuldigte sich der Konzern dafür - auf die übliche ungelenke Art. Der künftige Stern-Vize Dominik Wichmann dürfte einen Generationswechsel einleiten - aber das muss nicht automatisch eine Schwächung der Chefredaktion bedeuten. Außerdem: Das Berliner Landgericht spielt Hü und Hott, und die Frankfurter Rundschau freut sich über ihren gelungenen iPad-Einstand.

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Die Telekom ist zwar ein Kommunikationsunternehmen, hat aber weiter ihre liebe Not mit anständiger Kommunikation. Da hat die WirtschaftsWoche jüngst enthüllt, dass die Telekom im Rahmen ihrer Journalisten-Bespitzelungsaffäre eine Liste mit den “gefährlichsten Journalisten” anfertigen ließ. Nach der WiWo-Veröffentlichung verschickte der Telekom-Kommunikationschef Philipp Schindera Briefe an die “gefährlichen Journalisten”, in denen er sich entschuldigte. Dabei ist erstens bemerkenswert, dass sich der Unternehmens-Sprecher im Namen des Chefs entschuldigt und nicht etwa Vorstandschef René Obermann persönlich. Zum anderen schreibt Schindera in dem Entschuldigungs-Brief: “… möchte ich mich auch im Namen des Vorstandes und von René Obermann in aller Form für die Unannehmlichkeiten, die Ihnen womöglich durch die Veröffentlichung der Wirtschaftswoche entstanden sind und die letztlich von der Deutschen Telekom verursacht wurden, entschuldigen.”
Dass sich die Telekom zu allererst für die Unannehmlichkeiten entschuldigt, die durch die Veröffentlichung der Liste entstanden sind, lässt tief blicken. Auch eine klare Aussage dazu, ob und welche Konsequenzen der Konzern intern oder im Umgang mit PR-Dienstleistern gezogen hat, suchten die Betroffenen im Schreiben vergebens.

Die Personalie der Woche vermeldete am Donnerstag Gruner + Jahr in Form eines Neuzugangs: Dominik-Wichmann, 39, soll die Stern-Chefredaktion verjüngen und frischen Wind in die Magazinflure bringen. Seit zehn Jahren ist Wichman Chefredakteur des hochgelobten SZ-Magazins. Noch ein Jahr länger ist das Stern-Führungsduo "Osterpetz" im Amt. Deshalb war allen Beteiligten klar, dass die Meldung unweigerlich auch Diskussionen nach sich ziehen würde, wie lange die Rekordamtszeit (sieht man mal vom Gründer Henri Nannen ab) der Chefs noch dauern und ob Wichmann sie dereinst beerben wird.
Thomas Osterkorn wird dieses Jahr 57, Andreas Petzold ist 55, da kann man schon mal die Grundsatzfrage stellen. Dennoch deutet derzeit nichts darauf hin, dass ein Wechsel an der Spitze in jetzt absehbarer Zeit erfolgt. Zu groß sind die Verdienst der beiden Amtsinhaber, außerdem hat Vorstandschef Bernd Buchholz erst kürzlich genüsslich allen Aspiranten auf den von ihm in Personalunion ausgeübten Posten des Zeitschriftenvorstands die Tür vor der Nase zugeschlagen, indem er erklärte, er werde diesen auf Jahre hinaus nicht nachbesetzen. Für eben dieses Amt war immer wieder Andreas Petzold gehandelt worden.
Dass die Stern-Chefetage, in der neben Osterkorn und Petzold bislang nur der Berliner Polit-Statthalter Hans-Ulrich Jörges Platz fand, nun für einen vierten Mann geöffnet wird, dürfte die Amtszeit der anderen eher verlängern. Denn so kann ein potenzieller neuer Chefredakteur umsichtig aufgebaut werden. Der Letzte, der diese Form der Nachwuchsarbeit beim Stern sträflich vernachlässigte, war Werner Funk, der vom damaligen Vorstandschef Schulte-Hillen schließlich deswegen abserviert und gegen den Österreicher Michael Maier ausgetauscht wurde. Maier verdanken die Stern-Leser so lustige Titel wie "Bellen, Beißen und Gehorchen – 100 Jahre Deutscher Schäferhund". Das Experiment ging im Rekordtempo in die Hose und führte dazu, dass Maier nach nur sechs Monaten gehen und das Büro für den von ihm zuvor kalt gestellten Thomas Osterkorn räumen musste.

Man kann sich schon fragen, wie manche Entscheidungen des als presseunfreundlich bekannten Berliner Landgericht zustande kommen. Zuerst erlässt das Gericht ein umfassendes Berichts-Verbot via Einstweiliger Verfügung im Fall um den brandenburgischen Innenminister Rainer Speer. Nachdem vor allem Bild und Bild.de sich mit einer Kampagne gegen diese Vor-Zensur und für die Pressefreiheit ins Zeug gelegt haben und auch der DJV die Gerichts-Entscheidung scharf kritisierte, wird mit aller Macht zurückgerudert. Speer, dem vorgeworfen wird, seiner ehemaligen Partnerin beim Erschleichen von Sozialleitungen behilflich gewesen zu sein, tritt zurück und das Gericht hebt das Berichts-Verbot auf. Wieso bewerten die Richter den Sachverhalt nun plötzlich anders? Neue Fakten sind augenscheinlich nicht hinzugekommen. Lediglich die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Fall wurde durch zahlreiche Medienberichte dramatisch erhöht. Eigentlich sollte so etwas bei Gerichts-Entscheidungen keine Rolle spielen. Eigentlich.

Die Frankfurter Rundschau hat in dieser Woche für ihre iPad App zu Recht viel Lob bekommen. Gerade auch im Vergleich zu den bisher veröffentlichten iPad-Apps von Axel Springer, die Vorreiter im Markt waren, nutzt die Frankfurter Rundschau die Möglichkeiten des iPad viel besser und konsequenter. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Bereits am zweiten Tag nach der Veröffentlichung ist die FR App in der Hitliste des App Store auf Platz zwei der meist heruntergeladenen Apps (nach dem populären Medienabspieler VLC). Und auch die Nutzer-Kommentare sind fast durchweg sehr positiv. Einige beklagen sich zwar, dass die App bei ihnen technisch nicht läuft, aber das dürften Kinder-Krankheiten sein, die bald behoben sind. Die iPad-App hat schon jetzt für das angekratzte Image der Frankfurter Rundschau sehr viel erreicht.

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