Großes Kino im Segment der Totgesagten

The Empire strikes back: Seit Donnerstag liegt ein neues Magazin am Kiosk, von dem sich die Bauer Media Group ein Revival im vielfach totgesagten Segment der Kino-Magazine erhofft. Auch wenn Empire auf den ersten Blick optisch ungewohnt wirkt, bringt die Zeitschrift doch einen nicht zu unterschätzenden USP mit: den direkten Zugang zu den Top-Playern in Hollywood. Ob sich das laut Star-Regisseur Steven Spielberg "beste Movie-Magazin der Welt" in Deutschland durchsetzt, muss sich allerdings erst zeigen.

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Die Zeiten, als Neustarts von gut gemachten Magazinen Selbstgänger schienen, sind ohnehin lange vorbei. Auf dem Zeitschriftenmarkt, der trotz der Krisenjahre bislang insgesamt noch unbereinigt und übervoll wirkt, ist derzeit kein Launch ohne Tücken. Doch wer nichts riskiert, kann auch nichts gewinnen, sondern allenfalls durch Kostenoptimierung an der Renditeschraube drehen. Nachdem Bauer mit Happinez in diesem Jahr bereits ein mutiges Experiment startete und auf die Esoterik-affinen weibliche Käuferschaft zielt, ist Empire als Männer-Titel konzipiert. "Eine junge, männliche Zielgruppe mit hoher Film- und Technikaffinität" hat TV Movie-Verlagsleiter Malte von Bülow – der auch für das Kinoheft verantwortlich zeichnet – im Auge.
Empire hat eine vergleichsweise lange Geschichte. 1989 startete die Zeitschrift in Großbritannnien und wurde zuletzt in diesem Jahr als "Magazine of the Year" ausgezeichnet. Über die Jahre expandierte das Magazin und erscheint inzwischen mit Ablegern u.a. in den USA, in Australien sowie in Russland. Anders als viele Kinohefte, die im wesentlichen auf die allgemein zugänglichen Quellen und das PR-Material der Studios angewiesen sind, hat die internationale Empire-Redaktion beste Kontakte zu den Produktionsstätten und vielen Protagonisten. Nicht ohne Stolz zitiert Bauer in der Verlagsmitteilung neben Spielberg auch die Branchengrößen Quentin Tarantino ("Mein Lieblings-Film-Magazin") sowie George Lucas ("Ich ziehe meinen Hut vor Empire") als Referenzen für das Ansehen des Blattes im Maschinenraum der Traumfabrik.
Warum Bauer den Titel als Lizenz ausgerechnet jetzt, wo die Hochzeiten von Zeitschriften wie Cinema (Verkaufte Auflage: 81.000 Hefte inklusive Sonderverkäufe) oder ehemals Widescreen lange vorbei sind, begründet Verlagsleiter von Bülow so: "Die Begeisterung für Film, ob im Kino, auf DVD, Blu-ray oder Online hat in Deutschland in den letzten Jahren wieder deutlich zugenommen." Empire bringe dabei eine "einzigartige Kompetenz" und sei "einfach die Filmautorität".
Dass diese Autorität vornehmlich in den Redaktionen in London und den USA sitzt, wird bereits dadurch deutlich, dass TV Movie-Chefredakteur Stefan Westendorp sowie sein Vize Jörg Ebach die Empire-Chefredaktion in Personalunion mitausüben und auch das Redakteursteam der Fernsehzeitschrift das Kinoheft mit produziert. Letzteres muss sich hier und da an die Tonart der Zeitschrift offenbar noch gewöhnen. Besonders bei den Bildunterzeilen wirkt unangebrachte Flapsigkeit einige Male störend, ebenso Banalitäten wie "Kris Kristoffersen ist auch ganz schön alt geworden".
Aber das sind Nebensächlichkeiten. Im Kern geht schließlich darum, die über Jahre gewachsene Kompetenz der internationalen Autoren sowie deren "enge persönlichen Kontakte zu den großen Schauspielern, Produzenten und Regisseuren" zu nutzen. Im Ergebnis sollen die ins Deutsche übersetzten Texte eine Fülle von exklusiven Inhalten bieten, die freilich auch ihren Preis hat: Empire kostet 3,90 Euro, nicht gerade wenig für die 116 Seiten-Startausgabe.
Beim ersten Blättern wird schnell deutlich, dass sich die Lizenzausgabe eng am englischen Original orientiert. Dies gilt auch für das Layout, das für deutsche Leseraugen ungewohnt und vor allem auf den Einzelseiten zunächst weniger übersichtlich wirkt. Nicht immer trennen sich Seiten und Geschichten deutlich, weiß man auf den ersten Blick, wo eine Story beginnt oder endet. Stolpern dürften einige Leser auch über das Editorial, in denen sie flugs geduzt werden. Hoppla, sind die Leser wirklich so jung?
Trotz des recht wilden Layouts ist die Rubrizierung klar und einfach: Empire ruht auf lediglich Säulen. Die Einstiegsrubrik "The Radar" bringt allerlei Info-Schnipsel rund um die aktuellen (Produktions-)Geschehnisse der Filmszene und ist vielleicht der schwächst Part des Heftes, der künftig vermehrter Aufmerksamkeit und einer auf deutsche Leserbedürfnisse zugeschnittenere Themenauswahl bieten sollte. Danach folgt mit den "Reviews" der Teil der klassischen Filmkritiken. Besonders beeindruckend ist allerdings der dahinter platzierte Heftteil der exklusiven "Features", die in dieser Form und Qualität unter den Kino-Guides einzigartig sein dürften.
Im aktuellen Heft stechen besonders das Feature zum finalen siebten Film von "Harry Potter" hervor, in dem ebenso alle Hauptdarsteller ausführlich zu Wort kommen wie beim Empire-Talk mit den Regisseuren Spielberg, Zemeckis und Cameron über die "Zukunft des Kinos". Dazu finden sich unterhaltende, aber intellektuell anspruchsvolle Themenideen wie die "14 der irrsten Träume Hollywoods", in denen Stars ihre nächtlichen Ausflüge ins Unterbewusstsein beichten. Kostprobe: "Mein Hund fiel wie ein Hotdog auseinander, und ich musste ihn wieder zusammensetzen."
Eine Preview auf kommende Kinofilme sowie eine Re-View (legendäre Szenen der Filmgeschichte) runden das Angebot ab, das trotz der übersichtlichen Seitenzahl überzeugt, weil die Artikel sich von der Beliebigkeit des überall verfügbaren Info-Angebots zu Hollywood-Blockbustern abhebt. Empire ist eine seriöse, gut gemachte Zeitschrift, der man den unpassenden, weil marktschreierischen Claim "Die beste Filmvorschau aller Zeiten!" ersparen sollte.
Dennoch hat Empire ein Problem, wenn auch keins, das im Heft begründet wäre. Als Above the Line-Medium steht die Zeitschrift in Konkurrenz mit dem Internet, das längst einen allumfassenden Service rund um Film und Kino bietet. Das Web verfügt nicht nur über ein Gratis-Überangebot an Kinokritiken und -informationen, Fans können sich dort Filme auch direkt downloaden oder Kinokarten ordern. Mit diesem Gegner steigt Bauer konsequenter Weise gar nicht in den Ring: eine Website zu Empire wird es nach Verlagsangaben vorerst nicht geben.
Trotzdem wird sich genau an dieser Schnittstelle herausstellen, ob es eine Zukunft für den Magazin gibt: Wie entscheidend ist der Faktor Qualität und Exklusiv-Zugang zu den Stars – die das Blatt wohl auch deshalb so lieben, weil es Ihnen nahekommt ohne ihnen zu nahe zu treten – für die Leserschaft, wie lang ist die Halbwertszeit der originären Inhalte, bevor sie über Social Media verbreitet und damit entwertet werden? Das vor 21 Jahren gegründete Empire hat ein weltverzweigtes Printimperium geschaffen, im Internetzeitalter ist diese Festung von allen Seiten bedroht. Und anders als früher Cinema kann das Bauer-Magazin auch nicht mit einer Kassen-Platzierung in den Kinoketten den Heftverkauf ankurbeln.
Empire ist gewiss anspruchsvoll, aber für einen Spätstarter im Segment auch bei aller Professionalität sehr konventionell gestrickt. Ob die Zeitschrift und ihre Themen eine ausreichend große und stabile Käuferschaft binden können, werden die nächsten Monate zeigen. Man möchte es dem untadeligen Magazin wünschen, wetten würde man darauf nicht. Auch großes Kino kann bekanntlich floppen.
Die nächste Ausgabe von Empire erscheint am 21. Oktober.

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