„Journalistisch der Sprung in eine neue Welt“

Morgen startet mit der Frankfurter Rundschau die erste Zeitung aus dem DuMont-Konzern mit einer iPad-App. Die Frankfurter stellen dabei nicht nur die Print-Inhalte für das iPad zur Verfügung, sondern haben sich vorgenommen, für jeden Tag ein echtes digitales Magazin zu produzieren. In Sachen Aufwand und Interaktivität sucht die iPad-Ausgabe der FR in Deutschland bislang ihresgleichen. MEEDIA sprach mit Chefredakteur Rouven Schellenberger über die neuen digitalen Ambitionen der Frankfurter Rundschau.

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Sie haben sich ja Ihre Hand verletzt – eine Folge des intensiven hin und her Switchens auf dem iPad bei der App-Entwicklung?

Nein, nein, das hat einen ganz anderen, banalen Grund. Ich habe mir die Hand beim Umzug verletzt…

War denn von Anfang an klar, dass die Frankfurter Rundschau eine iPad App bekommen soll, als der Hype um das Gerät losging?

Dass wir eine iPad App brauchen, war allen maßgeblichen Entscheidungsträgern in der FR, bei unserem Hauptgesellschafter M. DuMont Schauberg und unserem Mitgesellschafter ddvg von Anfang an bewusst. Wir alle erkennen hier eine neue Chance. Dass wir nicht die allerersten auf dem iPad waren, liegt daran, dass wir einen anderen Ansatz verfolgen als andere Verlage. Manche wollten einfach ganz schnell ihre Zeitungen auf das neue Gerät bringen – egal wie.

Sie beschreiben die Methode Axel Springer.

Viele Auftritte erinnern noch ein wenig an die Anfangszeit des Fernsehens. Da wurde im Fernsehen auch erstmal Radio gemacht, weil Journalisten noch in den Gesetzen des alten Mediums dachten. Wir wollten uns aber von Beginn an auf die Nutzungsmöglichkeiten des Tablet-PC einlassen. Dabei ist ein Konzept entstanden, dass sich optisch zwischen Magazin und gedruckter Zeitung bewegt. Auf dem iPad arbeiten wir viel mehr mit Bildern und lassen dennoch die Ruhe zum Lesen zu. Beim Design haben wir uns nicht an Online-Vorbildern orientiert, sondern wir haben ein sehr printlastiges, ein magaziniges Design gewählt. Unsere iPad-App hat die Anmutung eines Print-Produktes, nicht die einer Website. Aber mit allen Vorteilen, die ein digitales Medium bietet.

Ist es bei der Entwicklung von Vorteil gewesen, dass die FR im Tabloid-Format erscheint? Das kleine Tabloid-Format ist optisch näher am iPad als ein großes, nordisches Zeitungsformat.

Das ist vor allem mit Blick auf die Arbeitsprozesse ein riesiger Vorteil. Mit dem Print-Tabloid haben wir gelernt, Themen entweder sehr groß oder sehr klein zu machen. Den klassischen 60-Zeiler wollen wir vermeiden. Die großen Geschichten brechen wir auf verschiedenen Darstellungsebenen auf. Diese Art des Geschichtenerzählens ist wie geschaffen für das iPad. Wir müssen auf dem iPad nur eine Balance zwischen harter Information und schöner Darstellung finden. Und zudem noch den Spieltrieb der Nutzer befriedigen.

Wie lief die Entwicklung der App ab?

Wir waren uns schnell darüber im Klaren, dass wir mit unserer App in diese Richtung marschieren wollen. Dann haben wir eine Test-App entwickelt – das hat ungefähr vier bis sechs Wochen gedauert. Diese haben wir mit zwei Fokus-Gruppen in Berlin getestet. Die Reaktionen der Leser auf die App waren außergewöhnlich gut. Die Testpersonen haben sofort gespürt, dass hinter dem Produkt ein gewisser Aufwand und eine Idee steckt. Sie haben die App mit anderen Produkten am Markt verglichen und waren von dem Anspruch, den wir vermittelt haben, begeistert. Aus diesen Tests haben wir wichtige Hinweise für die Navigation und Nutzbarkeit der App gewonnen.

Digitales Tagesmagazin: Zwei exemplarische Titelseiten der iPad-App der Frankfurter Rundschau
Waren das Testleser, die alle schon Erfahrung mit dem iPad hatten?
Ja, wir haben uns bei den Testgruppen an iPad-Nutzern orientiert. Es gibt noch keine Grundgesamtheit, die iPad-erfahrene Leser einer bestimmten Tageszeitung umfasst. Dafür sind noch nicht genug Geräte im Markt.

Wie haben die Testleser auf die App reagiert?

Unsere Testnutzer machten einen deutlichen Unterschied zwischen Online und iPad. Die Leser wollen auf dem iPad eine abgeschlossene Ausgabe, das ist der Vorteil der App. Eine klare Navigation mit Anfang und Ende war sehr wichtig für die Testleser. Und die Nutzer spüren sehr genau, ob sie einfach nur einen weiteren Vertriebskanal für das gleiche Produkt angeboten bekommen oder ob sie eine speziell für das Gerät aufbereitete Ausgabe vor sich haben. Unsere App wird jeden Tag mit Blick auf die iPad-Nutzer komponiert – nicht mit Blick auf die Zeitungskäufer oder Online-Leser. Diesen Anspruch werden iPad-User künftig an alle Medien-Apps stellen.

Die iPad-Ausgabe der FR kostet 79 Cent pro Ausgabe, die gedruckte 1,60 Euro. Die iPad-Ausgabe ist also deutlich billiger. Was ist der Gedanke hinter dieser Preispolitik?

Einerseits sparen wir Druckkosten: Das geben wir an die Kunden weiter. Zudem bieten wir für das iPad eine Art Best-of der Zeitung plus Zusatz-Elemente. Wir reagieren hier auch auf Erfahrungen mit den Testgruppen. Dort hatten wir zunächst noch eine viel umfangreichere App angeboten, aber das war vielen Lesern zuviel. Die iPad-Nutzer wollen sich nicht in der App verlieren. Außerdem wollen wir eine App konstruieren, die keine zu lange Download-Zeit hat. Hier gibt es auch technische Grenzen, zumindest derzeit. Wir haben jetzt eine bestimmte Anzahl von täglichen Geschichten, die wir multimedial präsentieren. Dann gibt es eine Pflicht-Berichterstattung, eine Anzahl von Kurzmeldungen, spezielle Nachrichten aus der iPad-Welt, die eine oder andere multimediale Spielerei, Rätsel und Grafiken. Auch einen Liveticker, der sich im Online-Modus lädt, haben wir integriert.

Wie viele Geschichten wollen Sie täglich multimedial aufbereiten?

Wir haben intern unterschiedliche Kategorien geschaffen. Wir wollen pro Tag drei bis vier Top-Geschichten in die App bringen. Das sind Geschichten, die wir sehr aufwändig multimedial mit allen verfügbaren Möglichkeiten ausbauen. Diese Geschichten müssen wegen der anspruchsvollen Produktion schon früh festgelegt werden. Eine zweite Kategorie von Geschichten wird mit Bilderstrecken oder kleinen Info-Zusätzen angereichert. Und drittens gibt es ganz normale Geschichten mit Bildern und Text. Die Leser sollen nicht überfrachtet werden, nicht jede Geschichte darf ein multimediales Feuerwerk sein. Neben den Multimedia-Fähigkeiten bietet das iPad auch dem ruhigen, entspannten Lesen eine Chance – und das muss die App auch bieten. Wie sich diese Mischung entwickelt, wird auch vom Nutzungsverhalten der Leser abhängen. Schon jetzt bieten wir allerdings zwei Modi für jeden Artikel an: Die Multimedia-Variante bekommt man, wenn man das Gerät horizontal hält, im vertikalen Lesemodus fallen die Zusatzelemente weg.

Opulente Optik und viele interaktive Elemente
Wie aufwändig werden ihre Top-Geschichten produziert – werden beispielsweise auch eigene Videos gedreht?

Zunächst haben wir die üblichen Kooperationspartner und Agenturen, über die wir Videos für den Digital-Bereich beziehen. Im Netz gibt es aber auch viele Möglichkeiten Videos zu finden, die man auch verwenden darf, bei der Nasa beispielsweise. Im Lokalen drehen wir auch selbst Videos. Die Sportredaktion widmet sich hier Eintracht Frankfurt. Und unsere Fotografen produzieren auch Audio-Slideshows mit Fotos und Videos.

Die FR hat sich mit ihren neuen Lokalausgaben sehr stark regional positioniert. Wie schlägt sich das in der App nieder?

Wir haben die Top-Inhalte aus dem Lokalen und der Region auch in der App. Wir werden gerade zu Beginn sehr genau auf die User-Reaktionen achten. Wir wissen ja nicht, wie viele iPads es im Verbreitungsgebiet unserer Regionalausgaben gibt. Je nach Nutzer-Reaktionen können wir die Mischung der Inhalte für die App anpassen. Generell gibt es regional aber drei starke Themenfelder, die wir mit der App abdecken. Das sind die Stadt Frankfurt, die großen Hessen-Themen und alles rund um Eintracht Frankfurt. Die Frankfurter Rundschau bleibt auch auf dem iPad die Frankfurter Rundschau. Es ist dabei durchaus denkbar, dass wir auf mittlere Sicht zwei iPad-Ausgaben produzieren, eine regionale und eine überregionale. Welche Rolle die lokalen Inhalte in der App auf Dauer spielen, das entscheiden am Ende die Leser.


Sport spielt auch in der iPad-App eine wichtige Rolle

Was die Zielgruppe betrifft ist der Start so einer Zeitungs-App aber schon ein Schuss ins Blaue, oder? Man weiß ja noch nicht einmal genau, wie viele iPads es in Deutschland gibt…

Das ist absolut richtig. Aber für uns als Zeitung ist das die einmalige Chance, eine völlig neue Leserschaft zu erschließen. Eine Leserschaft, die wir mit dem Print-Produkt nicht mehr erreichen, die sich zwar in der Online-Welt zuhause fühlt, aber auch das Bedürfnis nach einem abgeschlossenen Lese-Erlebnis hat.

Muss man als Abonnent der Frankfurter Rundschau für die App zusätzlich zahlen?

Wir wissen noch nicht genau, wie die Bundle-Angebote aussehen, aber es wird welche geben. Wir prüfen verschiedene Bundles, mit Abos für die App, auch mit Gerät.

Das heißt, die FR wird ein Apple iPad zusammen mit einem Abo der FR iPad-App verkaufen?

Das haben wir vor, Preise und genaue Konditionen stehen aber noch nicht fest. Und es soll ein Angebot geben für eine Kombination von Zeitungsabo und Digital-Abo.

Wie sind ihre Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Apple?

Unser technischer Projektleiter von DuMontNet hat die Verhandlungen mit Apple geführt. Soweit ich weiß, war die Zusammenarbeit mit Apple sehr gut und berechenbar. Generell gab es in der ganzen Zusammenarbeit mit Apple einen kontinuierlichen Ablauf, und ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, dass etwas verzögert wird. Am Ende eines langen, intensiven Projektes starten wir ein paar Tage später als geplant. Damit können wir bestens leben. Und wir starten von Beginn an mit einer Bezahl-App, dazu stellen wir eine Schnupper-Ausgabe zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Und der Verlag hat auch keine Probleme damit, dass Apple 30 Prozent des Umsatzes mit der App selbst kassiert und die Nutzer-Daten auch für sich behält?

Natürlich hätten wir am liebsten alle Nutzerdaten hier bei uns im Haus. Aber erstens sind hier ja neue Modelle für Abos im Gespräch. Und zweitens ist die Entwicklung dieser App für uns journalistisch der Sprung in eine neue Welt.

Gibt es bei Ihnen auch Pläne, für das Web-Angebot Geld zu verlangen?

Es gibt immer wieder Überlegungen, aber keine Lösungen. Ich kenne noch kein überzeugendes Bezahlmodell für das Web. Ich verstehe, dass Verlage und auch Journalisten einen Gegenwert für ihre Arbeit bekommen wollen. Ich halte es aber für schwierig, die Nutzer über eine lange Zeit an die Kostenlos-Welt im Web zu gewöhnen und dann plötzlich Geld zu verlangen. Eine Hürde für Bezahlmodelle im Web ist außerdem die umständliche technische Abwicklung des Kaufs. Auf dem iPad ist das über iTunes sehr einfach gelöst. Und: Webseiten sind keine abgeschlossenen Produkte, Kunden lassen sich hier nicht leicht zum Kauf bewegen.

Wollen Sie die iPad-Ausgabe auch für andere Tablets anbieten?

Wir haben das Produkt so gestaltet, dass wir es auch für andere Tablets umsetzen können. Schließlich betrachten wir die gesamte Gattung Tablet-Computer als neues Medium. Allerdings gibt es bis jetzt kein wirklich vergleichbares Produkt zum iPad.

Wollen Sie ihre App gleichzeitig auch für das iPhone anbieten?

Das funktioniert unserer Ansicht nach nicht. Die Nutzung des iPads unterscheidet sich wesentlich von der Nutzung der Smartphones. Auf Smartphones suche ich kurze Infos, lese aber keine 300-Zeile-Texte – auf dem iPad schon. Das Lesegefühl auf beiden Geräten ist radikal verschieden. Für Smartphones bieten wir darum eine für Mobilgeräte optimierte Version unserer Website.

Macht die FR hier in Sachen iPad-App den Vorreiter für die anderen DuMont-Zeitungen?

Ich gehe davon aus, dass die anderen DuMont-Zeitungen mit iPad-Apps nicht lange auf sich warten lassen werden. Die FR hat hier aber Pilotfunktion, das wird auch im Konzern so gesehen.

Was erhoffen sie sich wirtschaftlich von der App?

Wir investieren hier in die Zukunft. Im Unterschied zum Web machen wir mit der App aber von Beginn an klar, dass diese Leistung Geld kostet. Es gibt natürlich Business-Pläne, aber wir wissen, dass bei der bisher überschaubaren Anzahl an Geräten im Markt nicht sofort Geld damit zu verdienen ist. Sobald der Marktdurchdringung der Geräte groß genug ist, wissen wir allerdings, wie wir mit diesem Medium umzugehen haben.

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