Rachs Bratpfannen-Bootcamp auf RTL

Christian Rach begleitet zwölf Arbeitsuchende in "Rachs Restaurantschule" auf ihrem Weg zu einer beruflichen Chance. Das Trümmerfeld der "Weinhexe", eines ehemaligen Restaurants im Hamburger Chile-Haus, ist Spielfeld der pädagogischen Nachreifung bislang Gescheiterter. Zwischen toten Kakerlaken, Staub und Schutt findet der Meister große Worte: "Diese Sendung ist mir eine Herzensangelengeheit!" Und: "Ich setze meine eigene Reputation mit aufs Spiel." Wow, denkt man, oder auch: Ach, Rach….

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Christian Rach ist Deutschlands führender Koch-Coach. Diese Bezeichnung ist zwar fachlich irreführend, weil Coaching als professionelle Beratungsleistung auf die Weiterentwicklung der Fähigkeiten von Klienten setzt und das von Rach praktizierte "Ersatzmanagement" tendenziell ablehnt. Dennoch, Rach als Küchen-Coach ist Menü-Marktführer: Das Gesicht zur Suppe, die sich andere eingebrockt haben. Da kommt kein Lanz mit und schon gar kein Florian König. Rach ist Kaiser. Mindestens.
In der zweiten Woche läuft sein neues Format montags zur Primetime auf RTL:
"Rachs Restaurantschule" will innerhalb von zwei Monaten im Hamburger Chilehaus aus einem Trümmerhaufen ein neues Restaurant gestalten und hat dafür – mit zwölf Menschen – Schicksale gecastet, die bislang auf Trümmern ihres Lebens erfolglos nach Boden gesucht haben: Sie sollen einen Job (oder einen Ausbildungsplatz)  erhalten und – auf dem medialen Weg dahin – vom Meister für RTL christianisert werden. Mit Kochen hat das zunächst nur an der Oberfläche zu tun.
Das Salz in der Suppe des neuen Rach-Formates ist eher gebaut aus Kristallen einer eventgetriebenen, pädagogischen Nachreifungs-Saga: Im Bratpfannen-Bootcamp sollen Christians pädagogische Korrekturen ursprünglicher Erziehungsdefizite aus Losern Erwachsene machen. Chance statt Chaos,  Hollywood in Hamburg: Statt wie in USA aus Tellerwäschern Millionäre, formt Rach aus Arbeitssuchenden Tellerwäscher und Köche. Doch vor die Verwirklichung von Träumen der ALG-Empfänger hat RTL den Meister gesetzt: Und der entscheidet nach einem zweitägigen Eignungstest aller Bewerber, wen er mitnimmt. Wer also von ihm hautnah erfahren darf, was Eltern, Schule und Gesellschaft nicht vermitteln konnten.
Rach selbst erfüllt als Master of Desaster innerhalb seiner Mission auch visuell in breites Rollenspektrum: Die deutsche Mischung aus George Clooney und José Mourinho erinnert im weißen Koch-Kittel manchmal an einen Pfleger in der Jugendpsychiatrie, im blauen Hemd an Roland Bergers Schwiegersohn, der mit Gestrandeten schnell mal eben ein Top-Restaurant bauen wird. Selbst im grünen Parka auf dem Weg ins Chile-Haus "gibt der Meister einen Streetworker", der ihn selbst als Original und Thomas Sonnenburg ("Die Ausreißer", RTL) als lausige Kopie erscheinen lässt.
Zunächst  werden Restaurants und Arbeitslose restauriert. Für Rach bedeutet das neue Format einen Paradigmenwechsel: vom Fachmann, der mit seinem Restauranttest als Superunternehmer übers Wasser gescheiterter Lokalbetreiber lief, zur gruppendynamischen Leitfigur. Vom Task-Force-Guru zum Jugendwart. Rach wird erfolgreich sein, das scheint sicher. Und nicht wenige Sozialpädagogen in spe werden auf der anderen Seite der Mattscheibe in Erwägung ziehen, ihr Studium zugunsten einer Koch-Ausbildung abzubrechen.
Eine Gruppe von Kandidaten, die sich im ALG-Hartz IV-Alltag überlegen müssen, wie genau sie sich ihr Geld für Nahrungskäufe einteilen, zu möglichen Mitarbeitern eines Top-Restaurants zu machen,  klingt ebenso paradox wie ambitioniert. An den gewohnten  Stellen macht Rach das übrigens gut: klare Ansagen und Regeln, Kompetenz, manchmal sogar Fürsorgliches. Rach hat ohne Zweifel Stärken. Man spürt: Das kann erfolgreich werden, weil Rach erfolgreich ist. Allein: kein Magier ohne Makel.
So zeigt Rach Neigungen, ins Divenhafte zu kippen, und man hat Teil an Momenten überflüssiger Selbstinszenierung: Im Chile-Haus beim Mittagessen, wenn der Meister vor laufender Kamera seine Abwesenheit für den Rest des Tages damit begründet, dass er im "Tafelhaus für eine große Abendgesellschaft noch kochen" müsse. Oder vorher, am Ende des Eignungstests, als er den zwölf Nachreifungsaspiranten als verpflichtende Hausaufgabe zum Lesen sein Buch verteilen lässt und man als Zuschauer denkt: "Ist der Mann erfolgreich. So beschäftigt. Wie hat der Meister nur die Zeit finden können, auch noch ein Buch schreiben zu lassen?" Wohlwollend betrachtet bilden diese Momente Lehrstunden in Self-Marketing für Arbeitssuchende. Kritsch betrachtet, wirkt das, wie Friedmann im Weißkittel.
Und manchmal packt der Meister jene Kränkungen aus, die belegen, dass er nur begrenzt mit Empathie geschlagen scheint: Angelika, 44, von der wir erfahren, sie habe drei Ausbildungen hinter sich gebracht, überreicht Rach am Mittagstisch einen Topf mit selbstgekochter Fischsuppe: "Ich habe mir noch die Mühe gemacht zuhause und hab Ihnen was Leckeres gekocht, damit Sie mir nicht verhungern!" Aus dem Off wird hämisch mit Verweis auf einen bisherigen Kritikpunkt Rachs kommentiert: "Hoffentlich ist es kein ungesalzenes Rührei!"  
Rach lächelt kurz,  greift in die blaue, billige Kühltasche Angelikas, der man fast anzusehen meint, wie liebevoll Angelika sie für diesen Moment geputzt haben mag.  "Das ist eine Fischsuppe, die ich mal in Dortmund gekocht habe, und das ist mein Lieblingsessen", erzählt Angelika, die es wirklich einfach nett gemeint haben mochte.
Rach hätte "Danke, das ist lieb!" sagen können, doch er holt zum humoristischen Brüller aus: "Vor wieviel Wochen haben Sie die denn in Dortmund gekocht?" Angelika: "Die habe ich gestern gekocht."
Rach setzt nach: "Stand die im Kühlhaus…Kühlschrank?" Andrea bejaht. Rach dreht sich ab: "Also…vielen Dank…ich werde das gleich….testen" und wendet seine Aufmerksamkeit den anderen zu, die am Tisch ungelenk versuchen, das zubereitete Huhn zu zerschneiden: "Machst Du Hackfleich, oder was?" Empathisch auch des Meisters spontanes Lachen, als der neben ihm sitzende Türke Can seine Motivation mit den Worten bekundet: "Ich möchte mich um 360 Grad drehen. Ich will das wirklich."
Ja, wo gehobelt wird, fallen halt Späne. In diesen Szenen jedenfalls hobelt Holzkopf Christian Rach gewaltig an den Brettern vor den Köpfen seiner Kandidaten herum. Mit Erfolg: Angelika und ihrer lieb gemeinten Fischsuppe hat er eben diese jedenfalls gründlich versalzen: Im Hinterzimmer lässt er Mitarbeiter an der Suppe riechen und kommentiert: "Die stinkt. Die ess ich nicht."
Das Leben ist halt nicht billig: Ohne Rach nicht, und mit dem Meister schon gar nicht. Für durchgängige Wertschätzung im Kontakt, so merkt man, helfen weder Bücher, noch sein Philosophiestudium oder Fernsehpreise. Dass Rach als Typ mit Ecken und Kanten die Zustimmung der Zuschauer genießt, ist gesetzt. Nun, so scheint es manchmal,  muss er aufpassen, dass er als Diva nicht die Bodenhaftung verliert: Dass leise Ideen, er nutze andere letztlich als Vehikel für die eigene Bühne, nicht lauter werden. In "Rachs Restaurantschule" könnte auch dieser Aspekt zu einer kleinen, aber wichtigen, qualitativen Gretchenfrage werden.
Natürlich wird  Rach sein Restaurant im Chile-Haus verwirklichen. Doch nicht für jeden seiner Kandidaten wird es einen Platz geben. So interessieren in den kommenden Folgen vielleicht weniger der Koch und Unternehmer Rach, als sein Niveau – in der ganzen Breite des Spektrums – gelebter Teamcoach-Fähigkeiten. Man darf gespannt sein auf Momente, in denen Kandidaten kaninchenäugig auf ihr Urteil warten: Ob Schlangenmeister Rach wohl kocht – vor Wut?
"Rachs Restaurantschule" wird die Kandidaten auf dem Weg zu Ihrer Chance verfolgen: Es wird Sieger und Verlierer geben, Kämpfer und Versager. Rückblicke in das Leben, aus welchem sie gestartet sind und Szenen aus den vom Sender zur Verfügung gestellten Wohnungen, in welchen innerhalb eines Hauses die Arbeitssuchenden miteinander ihr Privatleben zu organisieren haben. Das zu erwartende Gemisch von Kooperation und Konkurrenz wird weitere Spannungsbögen liefern. Für Rach gilt mehr denn je: Kochen war gestern.
"Ich brauch Feuer! Versteht Ihr: Feuer! Ohne das geht’s nicht", sagt Rach am Mittagstisch den ansatzweise desolaten Azubis in spe. Stimmt, möchte man antworten. Nur manchmal, auch für Meister, ist neben Feuer auch Wärme wichtig.

Mehr über den Autor: www.lesko.ch

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