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IFA: Zeit des großen Kinos ist vorbei

Ach, was waren das noch für Zeiten: Thomas Gottschalk und Günther Jauch live im Zweiten - von der Internationalen Funkausstellung (IFA). Doch wenn heute zum 50. Mal die Internationale Funkausstellung ihre Pforten öffnet, ist von diesem Zauber nichts mehr über. Und dennoch zeigen die Sender Präsenz, das ZDF mit einer 30 Meter breiten TV-Wand, SuperRTL belegt gar eine ganze Halle und die ARD sendet immerhin noch täglich ein bisschen aus Berlin.

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Das Team von SuperRTL hatte gerade eine Übertragung über die Bühne gebracht als Claude Schmit mit seinen Kollegen in der engen Regie hinter dem Trubel saß. Weil die Kamera da noch lief, fiel ihnen auf, dass plötzlich das Bild abriss. "Einer, der nachschauen wollte, was da los war, kam völlig entgeistert zurück und rief: Die Kamera ist weg!", erinnert sich Schmit. Da hatte jemand also wirklich das wuchtige Ding einfach über seine Schulter geworfen und war davongerannt.
Wenn Fernsehmacher wie SuperRTL-Chef Schmit an die Internationale Funkausstellung (IFA) denken, fallen ihnen viele Geschichten ein. Jeder in der Branche hat mindestens ein Erlebnis parat, Schmit eben die von der gemopsten riesigen Studiokamera, mit der überhaupt nur echte Profis etwas anfangen können. Doch diese anekdotenreiche Zeit ist vorbei.

Die IFA ist längst nicht mehr das, was sie einst mal war, "großes Kino", wie ihr Dauerbesucher Schmit das nennt. Früher hielt die Messe sogar noch für die große Samstagabend-Unterhaltung her. Da traten etwa Thomas Gottschalk und Günther Jauch im ZDF auf, um sich über neue Standards zu belustigen – "16 zu 9" oder "PAL+" waren da noch echte Neuerungen. Und Jürgen von der Lippe wie auch Harald Schmidt wandelten im Ersten live durch den "Sommergarten" der IFA.

Eine prächtige Zeit, an die sich auch Walter Kehr noch erinnert, der sonst als Sprecher die Sendungen des Zweiten Programms schönredet, seine Anstalt dafür aber eben auch auf den Messen der Republik vertritt. "Das schaukelte sich in den neunziger Jahren richtig hoch", sagt Kehr, "vor allem als die Privatsender dazukamen." Die hätten "ganz Hollywood" in Berlin eingeflogen, von James-Bond-Darstellern bis Bruce Willis.

"Das ging so weiter, bis Ende des Jahrzehnts die Luft draußen war", erinnert sich Kehr. Seitdem hat sich die IFA gewaltig gewandelt – und damit auch, wie sich die Sender auf ihr präsentieren. Viele Private zeigen etwa seitdem gar keine Präsenz mehr. Bloß ARD und ZDF hielten der Messe mit üppigen Ständen durchweg die Treue, verzichteten bis auf Techniktests von wenigen Minuten aber darauf, Programm zu fahren.

Die IFA, die in diesem Jahr zum 50. Mal ihre Pforten öffnet, zog zuletzt immer mehr Fachbesucher an. Das Tempo, mit dem die Hersteller vor allem ihren Fernsehern immer neue Fähigkeiten verpassen, hat kräftig zugelegt und die IFA sich an diesen Innovationszyklus angepasst: Schon seit 2005 bringt sie ihre Besucher nicht mehr nur alle zwei Jahre sondern in jedem Sommer auf den neusten Stand. Das hilft Fachbesuchern, auf der Höhe der Zeit zu bleiben, ist aber auch eine Entscheidung, die dafür sorgt, dass die IFA kein Spektakel mehr ist: Wenn jedes Jahr IFA-Jahr ist, wird das Technikevent für die Masse langsam aber sicher zur Gewohnheit.

Dieses Problem treibt offenbar auch die Macher der Messe um. Zumindest sagte Schmit, zuletzt sei die IFA auf die Sender zugegangen – nicht mehr wie früher als noch die Sender die Bittsteller waren und regelrecht für den eigenen Platz kämpfen mussten. "Die sagten uns, sie wollten versuchen, wieder ein klassischer Publikumsmagnet zu werden, Familien mit Kindern anzulocken und baten um Unterstützung", berichtet Schmit. Nach 13 Jahren IFA-Abstinenz probiert SuperRTL in diesem Jahr deshalb, ob es sich wieder lohnt, in Berlin dabei zu sein. Mit seiner "TOGGO"-Tour belegt der Sender gleich eine ganze Halle. "Bob, der Baumeister" und eine Halfpipe inklusive.

Für Schmit war ein IFA-Besuch ohnehin auch in den Jahren Pflicht, in denen sein Sender nicht prominent Flagge zeigte: "Wir Fernsehmacher wissen natürlich schon vor solchen Messen, was auf uns an neuer Technik so alles zukommt", sagt der Senderchef. Die IFA sei aber "immer noch eine Gelegenheit, Produkte zum ersten Mal wirklich zu sehen und in die Hand zu nehmen, die vorher nur als Theorie herumgeisterten".

Für ZDF-Mann Kehr ist die IFA sogar "nach wie vor die wichtigste Messe der Branche – und das weltweit" und "ein wichtiger Indikator für die Trends". Das Zweite wird in diesem Jahr dennoch erstmals keinen eigenen Stand haben: Es räumt komplett das Feld für seinen Ableger ZDFneo, dem in der Branche wohl umstrittensten TV-Nachwuchs, mit dem die Mainzer Anstalt den Privatsendern die Jugend abjagen will. Kehr beteuert, das sei keine Kürzung, Budget und Standgröße hätten sich nicht verändert.

Stars und Sternchen lassen sich auch diesmal blicken, nur auf anderem Niveau. Bei ZDFneo, das mit einer 30 Meter breiten Videowand auf sich aufmerksam machen will, schauen etwa Christian Ulmen, Nora Tschirner und Kommissar "Wilsberg" vorbei. Kehr: "Heute wird eben niemand mehr erster Klasse aus L. A. eingeflogen. Fernsehstars gibt’s aber trotzdem."

Die Sender hoffen darauf, dass nicht nur die Besucher auf ihre Kosten kommen, sondern auch die Programmmacher selbst. Menschen wie Werner Eiben, der das erste Mal 1985 auf der Messe war und damals den "ARD Sporttreff" betreute, der mit Olympiastars wie Christian Neureuther täglich von der IFA sendete. Eiben, seit Jahren IFA-Beauftragter der ARD, musste erleben, wie die Live-Strecken weitgehend gestrichen wurden. Schlimm sei das nicht, denn die IFA gebe "uns die Gelegenheit, unser Publikum zu treffen".

So wie das ZDF wird auch die ARD den Messebesuchern etwa ihre Mediathek erklären und die Möglichkeit, die Internetauftritte auf den Fernsehern anzusteuern: Das Schlagwort dieser Messe heißt "HbbTV". Der Standard, auf den immer mehr Gerätehersteller setzen, bringt das Internet auf sogenannte Hybrid-Fernseher. Sender setzen darauf große Hoffnungen, weil sich so bei bequemer Steuerung über die Fernbedienung Abrufinhalte und weiterführende Informationen mit den Live-Programmen kombinieren lassen.

Und wenn "Tatort"-Kommissare und die Truppe aus der "Lindenstraße" auf den Ständen vorbeischauen, schaltet auch das Erste tatsächlich noch eine kleine Programmstrecke von der Messe, werktäglich von 12.15 bis 13 Uhr im seichten Serviceformat "ARD Buffet". Zu den alten Zeiten ist aber auch das natürlich überhaupt kein Vergleich mehr.
Der Text erschien auch in der Print-Ausgabe der Berliner Zeitung.

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