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Bildzeitung in 3D: Guttenberg als Posterboy

Sonst heißt es morgens am Kiosk: "Gib mal Zeitung." Heute hörte man: "Gib mal Zeitung mit Brille." Denn die Bild wagt eines der spannendsten Print-Experimente der letzten Monate: eine komplette Ausgabe in 3D. Das Ergebnis kann sich – natürlich nur mit Brille – sehen lassen. Auch wenn das Blatt leicht inaktuell wirkt, was wohl den vielen vorbereiteten Stücken geschuldet ist, haben die Berliner eine überraschende Ausgabe produziert. Der Bild gelingt es mal wieder, sich selbst als Marke zum Thema zu machen.

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In einem kurzen Editorial schreibt Kai Diekmanns Stellvertreter Florian von Heintze: "Exklusiv, aktuell, überraschend, anders – und das jeden Tag: Das ist der Anspruch von Bild. Heute allerdings ist auch für uns, die Bild-Macher, ein ganz besonderer Tag. Zum ersten Mal seit der Gründung von Bild vor 58 Jahren haben wir eine Ausgabe komplett in 3D-Optik produziert." Damit macht er auch klar, dass die optisch andere Bild vor allem eine technische Herausforderung war. 3D schafft Raumgefühl, aber nicht unbedingt auch (redaktionelle) Tiefe.
Aufmacher der heutigen Ausgabe ist Verteidigungsminister Theodor zu Guttenberg in Flieger-Montur vor einem Eurofighter. Headline: "Minister Guttenberg fliegt im Kampfjet." Weitere große 3D-Storys sind ein großes Foto von Merkels Kanzler- Schreibtisch, eine Homestory mit Wolfgang Joop oder eine Reportage über ein Mobiles Einsatzkommando: "So trainiert die Polizei für den Ernstfall." Drei Themen, die wir – zweidimensional – gefühlt schon hundertfach gesehen haben. Für die Sonderausgabe verzichtete die Redaktion auf das obligatorische Seite 1-Girl. Sie räkelt sich dieses mal erst auf Seite 15.
Die beiden Höhepunkte der Ausgabe sind zum einem ein Bild von Wladimir Klitschko, wie er dem Zuschauer seine Faust entgegenstreckt und ein Foto von „Avatar“-Regisseur James Cameron, das zeigt, wie dieser eine 3D-Bild in der Hand hält. Der Kino-Blockbuster war auch letztendlich verantwortlich dafür, dass die Bild-Redaktion sich ernsthaft Gedanken machte, ob es überhaupt möglich ist, eine ganze dreidimensionale Ausgabe zu machen.
Bei aller Sympathie für das Print-Experiment hat die heutige Ausgabe zwei Nachteile: Bis auf die Sportberichterstattung wirkt das gesamte Blatt inaktuell, und ohne Brille sind die Bilder und Werbeanzeigen kaum zu konsumieren. Die Anzeigenkunden werden jedoch zufrieden sein, denn die ebenfalls in 3D zu besichtigenden Motive der Samstagsausgabe dürften vom Gros der Leser ebenso neugierig betrachtet worden sein wie die redaktionellen Bilder.
Passend zur Print-Ausgabe wagt sich auch Bild.de in die dritte Dimension. So präsentiert das Online-Portal große Fotogalerien, selbst produzierte Videos, Clips von internationalen Pop-Stars, Kurzfilme und Spiele in 3D. Um das Special auf Bild.de zu sehen, reichen ein normaler Computer-Bildschirm und eine 3D-Brille.


Die Bild-Brille kann am  Samstagabend auch gleich noch einmal am Fernseher aufgesetzt werden. Denn der deutsch-französische Fernsehsender arte hat am Samstag noch einen Themenabend zu 3D terminiert.
Ob die Bild-Redaktion weitere dreidimensionale Ausgaben produzieren will, ist noch unklar. „Die 3D-Bild ist ein (vorerst) einmaliges Experiment“, schreibt von Heintze. "Aber so haben viele große Neuerungen begonnen. Wer weiß, was die Zukunft bringt."
Fazit: So unwahrscheinlich es ist, dass 3D bei gedruckten Zeitungen jemals eine signifikante Bedeutung erlangen wird, so deutlich ist der Imagegewinn für Springers roten Riesen, der als Boulevardblatt eigentlich Old Fashioned Media verkörpert. Doch im Verbund mit Bild.de-Chef Manfred Hart hat Chefredakteur Kai Diekmann sein Blattmacher-Team seit Jahren gezielt um junge Kollegen ergänzt, die es ihm ermöglichen, neue Formate und Vertriebskanäle virtuos zu nutzen. Das umstrittene, vor allem aber viel beachtete 100-Tage-Blog war dabei das herausragende Beispiel. Die 3D-Bild signalisiert nun, dass die Marke Bild keine Innovation scheut und dass die Redaktion auch eine den "Holzmedien" scheinbar so konträre Inovation wie die 3D-Technologie für ihr Tagesgeschäft zu nutzen versteht. So gesehen ist die 3D-Bild weniger Service für den Leser als Statement eines Marktführers, der seine Anpassungsfähigkeit im Zeitalter des digitalen Umbruchs unter Beweis stellen will.

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