Wissenschaft seziert “Casting-Gesellschaft”

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und der Hamburger Linguist Wolfgang Krischke veröffentlichen im September als Herausgeber das Buch “Die Casting-Gesellschaft. Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien“. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung druckte nun den Einleitungstext, in dem die Autoren die Mechanik der populären Casting-Shows im Fernsehen analysieren und kritisch beleuchten. MEEDIA fasst die wichtigsten Thesen der beiden Wissenschaftler zusammen.

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Die Grundannahmen, die Pörksen und Krischke beschreiben, sind zunächst nichts wesentlich Neues. “Sein heißt hier zuerst: medial stattfinden. Und man findet statt, indem man – je nach Format, je nach Publikum – das Gewünschte liefert. Geschichten, starke Bilder, Konflikte, illustrative Schicksale, Personen, die Spannung erzeugen, plakative Formulierungen, deutliche Wertungen”, schreiben die beiden in ihrem Text. Dass Aufmerksamkeit, zumal mediale Aufmerksamkeit, als Währung der Postmoderne gilt, ist spätestens seit dem Georg-Franck-Buch “Ökonomie der Aufmerksamkeit” sattsam bekannt. Nicht umsonst wird das Buch auch von “Deutschland sucht den Superstar”-Zampano Dieter Bohlen als eines seiner Lieblingsbücher angegeben.

Die Akteure, also die Teilnehmer an Casting-Shows wie “Popstars”, “Germanys next Topmodel”, “DSDS”, “Das Supertalent” oder “X-Factor”, würden Intimität gegen Publizität tauschen, meinen Pörksen und Krischke. Ihre These: Bei Casting-Shows gehe es nicht primär um die Suche nach Talenten, sondern darum “ein Melodram aus Hoffen und Bangen, Aufstieg, Absturz und Verzweiflung, Sentimentalität, Kampf und Intrige zu weben.” Dafür seien bestimmte Rollen notwendig: die Zicke, der Streber, der Underdog, der Sensible, die Peinliche usw.

Das kennt man in der Tat aus den diversen Sendungen. Auch die Beobachtung, dass Konflikte und Stress-Situationen oft redaktionell gesteuert wirken, lässt sich nachvollziehen. Soweit bestätigt der Text von Pörksen und Krischke gängige Vorstellungen über Castingshows. Auf den Punkt gebracht: Bei Casting-Shows geht es nicht um Talentsuche, sondern darum, die persönlichen Geschichten der Kandidaten auszubeuten und medial zu verwerten.

Interessant ist dabei aber, dass die Autoren auch das beliebte Argument auseinanderpflücken, “man” wisse doch ohnehin, dass bei solchen Unterhaltungsshows vieles getürkt ist: “Die moralische Empörung über die Diffamierungen als naiv abzutun und stattdessen den fiktionalen Charakter der Castingshows zu betonen, scheint für ein besonders reflektiertes Medienverständnis zu sprechen. Doch es beruht auf einem Irrtum”, schreiben sie. Trotz aller Inszenierung seien es nämlich noch immer echte Menschen, die dort vorgeführt werden und eben keine Schauspieler. “Und sie werden vom Publikum auch nicht als Schauspieler wahrgenommen: Pöbeleien, Telefonterror und Hass-Kommentare im Internet erleben sie als reale Personen in ihrem Alltag, nicht als Figuren eines Drehbuchs.”

Das Buch „Die Casting-Gesellschaft. Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien“ erscheint im September im Kölner Herbert von Halem Verlag und kostet 18 Euro.

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