Die geheime Finanzierung von Wikileaks

Zu den Geheimnissen, die die Whistleblower-Plattform Wikileaks umranken, gehört auch deren Finanzierung. Bislang ist nur bekannt, dass sich Wikileaks über Spenden finanziert und ein Teil der Spenden über die in Berlin ansässige Wau Holland Stiftung verwaltet wird. Über die Höhe der Spenden und die Verwendung gibt es bisher nur sehr ungenaue, sich widersprechende Angaben. Das Wall Street Journal hat einen Versuch unternommen, die komplizierte Finanz-Struktur von Wikileaks zu durchleuchten - und ist gescheitert.

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Viel Konkretes konnten die Reporter des Wall Street Journal nicht zutage fördern. Zu dicht ist der Nebel an Schein-Informationen, den Wikileaks-Gründer Julian Assange um seine Aktivitäten gelegt hat. Nach der aufsehenerregenden Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumente in New York Times, Guardian und Spiegel, fürchtet Wikileaks, dass ihre Finanzquellen und ihre technische Infrastruktur angegriffen werden könnte. Damit rechtfertigt die Organisation die Verschleierung der eigenen Finanzierung und Infrastruktur.

Laut Assange wurde seit Beginn 2010 rund eine Mio. US-Dollar an Spenden für Wikileaks eingesammelt. Wo dieses Geld herstammt und wo es ankam, ist unbekannt. Als Dreh- und Angelpunkt der Wikileaks-Finanzen gilt die in Berlin ansässige Wau Holland Stiftung. Die Stiftung wurde 2003 im Andenken an den 2001 gestorbenen Hacker und Mitgründer des Chaos Computer Clubs, Wau Holland, gegründet. Nach deutschem Gesetz muss die Stiftung Namen von Spendern nicht nennen und sie kann wegen Wikileaks-Aktionen nicht verklagt werden. Bislang hat die Wau Holland Stiftung nach eigenen Angaben rund 50.000 Euro gegen Quittungen an Wikileaks ausgezahlt. Wieviel Geld auf dem Wikileaks-Konto bei der Stiftung liegt, ist unbekannt.

Laut einem Sprecher der Stiftung benötige Wikileaks zwischen 10.000 und 15.000 Euro pro Monat, um laufende Kosten für den Betrieb der Website zu decken. Ende vergangenes Jahr seien allerdings nur 2.000 bis 3.000 Euro pro Monat an Spenden eingegangen, so dass der Betrieb der Website gefährdet war. Daraufhin habe Wikileaks die Funktion zum Hochladen von Dokumenten abgeschaltet und nur noch das Spendenformular online gelassen. Daraufhin habe sich das Spendenaufkommen um das 20-fache erhöht, sagte Hendrik Fulda von der Wau Holland Stiftung dem WSE. Die durchschnittliche Spende an Wikileaks über die Stiftung betrage rund 20 Euro. Die größte Einzelspende habe 10.000 Euro betragen und sei nach Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumente eingegangen.

Nachdem Wikileaks das Hochladen von Dokumenten wieder aufgenommen hat, sei das Spendenaufkommen wieder zurückgegangen. Die schwankenden Geldströme haben die eBay-Tochter PayPal, über die die Zahlungen teilweise abgewickelt werden, hellhörig gemacht. PayPal hatte offenbar den Verdacht, hier könne Geldwäsche vorliegen. Die Stiftung habe den Verdacht aber entkräftet: “Es ist keine Geldwäsche, es sind nur Wikileaks-Spenden”, habe Hendrik Fulda laut WSE gesagt.

Der Web-Bezahldienst Moneybookers hat nach eigenen Angaben eine Zusammenarbeit mit Wikileaks beendet, weil die Zusammenarbeit nicht den Firmen-Standards von Moneybookers entsprochen habe. Weitere Details wollte die Firma nicht preisgeben. Der schwedische Social-Payment-Dienst Flattr arbeitet dagegen noch mit Wikileaks zusammen, ebenso wie PayPal.

Die Wau Holland Stiftung ist zwar der bekannteste Bestandteil der Wikileaks-Finanz-Architektur, aber nicht der einzige. Laut Assange besitzt die Organisation zwei steuerbefreite Charity-Organisationen in den USA, deren Namen er nicht nennen will, in Australien sei Wikileaks als Bibliothek gemeldet und in Schweden habe Wikileaks eine Zulassung als Zeitung.

Der letzte Punkt sorgte freilich schon häufiger für Kontroversen. So hatte sich Wikileaks in der Vergangenheit oft darauf berufen, dass Informanten unter schwedischen Quellenschutz stehen würden. Dafür hätte Wikileaks jedoch eine spezielle Lizenz als schwedisches Medium haben müssen, die die Organisation nicht hatte. Julian Assange nahm laut der Wikipedia angeblich darum eine Tätigkeit als Kolumnist für die schwedische Tageszeitung Aftenbladet auf, um so den schwedischen Quellenschutz für Wikileaks zu “aktivieren”. Ob dies möglich ist, ist zumindest fragwürdig. Mittlerweile behauptet Wikileaks, mit den Servern nach Island umgezogen zu sein, weil dort ein neues Mediengesetz den besten Quellenschutz biete. Was Assange mit der Aussage im WSE, Wikileaks besitze eine Lizenz als Zeitung in Schweden, genau meint, ist zumindest sehr unklar.

Die Hälfte der Spenden für Wikileaks seien “bescheidene Beträge”, die über das Spendenformular der Website hereinkommen, so Assange gegenüber dem WSJ. Die andere Hälfte stamme von “persönlichen Kontakten” – Millionären, die an ihn herantreten würden und ihm “60.000 oder 10.000”, in welcher Währung auch immer, zur Verfügung stellen würden.

Laut dem deutschen Sprecher von Wikileaks, einem Mann mit dem Pseudonym Daniel Schmitt, benötigt Wikileaks rund 200.000 Dollar pro Jahr um Ausgaben wie Server-Kosten, Hardware und Reisespesen zu decken. Sollte den fünf Vollzeit-Mitglieder von Wikileaks künftig ein Gehalt gezahlt werden, würden die jährlichen Kosten auf 600.000 Euro pro Jahr steigen.

Bemerkenswert ist die Diskrepanz der genannten Summen. Während Assange von einer Million Dollar an Spenden im ersten Halbjahr 2010 spricht, redet die Wau Holland Stiftung von 2.000 bis 3.000 Euro pro Monat. Selbst wenn sich der Betrag von 3.000 Euro während der Zeit, in der Wikileaks außer Funktion war, verzwanzigfacht hat und man großzügig einen Zeitraum von sechs Monaten veranschlagt, käme man “nur” auf rund 360.000 Euro, was etwas über 455.000 Dollar entspräche. Stimmen die ganzen verwirrenden Angaben der Wikileaks-Leute, dann kämen weit über die Hälfte der Spenden aus anderen Quellen und nicht über die Wau Holland Stiftung.

Seltsam auch, dass laut Wau Holland Stiftung bislang insgesamt nur 50.000 Euro (etwa 63.200 Dollar) an Wikileaks ausgezahlt wurden, die jährlichen Kosten für die Website aber angeblich bei 200.000 Dollar liegen. Bei der Finanzierung von Wikileaks bleiben, wie bei der gesamten Organisation, viele Fragezeichen.

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