X Factor: „George, was macht die Blase?“

Der mediale Anschub des VOX-Wettsingens "X Factor" in der RTL-Primetime hat sich gelohnt: Nach einem schwierigen Start gegen den Bundesligaauftakt konnte die Show am Samstag mit 21,3 % (10,4% Gesamtpublikum) deutlich zulegen. Und das Konzept ist durchaus eigenständig. Erster Eindruck: Wer Casting-Shows mag, findet mit "X Factor" ein - auch in den leisen Tönen - liebevoll und aufmerksam produziertes Format, welches den Casting-Alternativen ebenso ähnlich ist, wie es sich von ihnen unterscheidet.

Anzeige

Oberflächlich betrachtet, sind Casting Shows gebaut aus identischen Zutaten einer immer gleichen Suppe.
Es beginnt mit einem markanten Titel, der mit lebensfernen Marketing-Sprüchen so angereichert wird, dass alles fürchterlich wichtig klingt: ProSieben und die ARD suchten Stars für norwegische Hauptstädte, um Europa zu erobern. RTL sucht Superstars und Super-Talente. ProSieben sucht mit „Popstars“, die erfolgreichste Girl-/Boy-Sonstwas-Group oder das erfolgreichste Gesangs-Paar. RTL/VOX suchen Solisten, Duette und Gruppen, die den „X Factor“ haben. Alles ist irgendwie super und top: Von Klums kachektischen Kleiderständern bis zu Michael Hirte, Bohlens bravem Bläser, der mit seinem Schicksal und seinem Nachnamen so gut in die Vorweihnachtszeit passte. Wahrheitsgehalt und Halbwertzeit der hohlen Glücksversprechen haben die Substanz von Mogelpackungen und die Kurzatmigkeit von Wahlversprechen.
Die Zutaten: Suppen-Jurys sind üblicherweise gebaut aus einem Frontman / einer Frontfrau, die dem jeweiligen Format einen wesentlichen Teil der sogenannten Farbe gibt. An seiner / ihrer Seite bieten die Gremien vordringlich farblose, fluktuierende Trabanten: Häufig Sekundär-Statisten, denen Regie und Drehbuch ebenso angestrengt wie erfolglos versucht, in der Außenwirkung einen Hauch von Persönlichkeit einzublasen.
Dies misslingt in der Regel deshalb, weil paranoid befürchtet wird, jene Jury-Dekorationen könnten der so wichtigen, frontalen Identifikationsfigur Räume nehmen und so den Erfolg des Formates beschädigen. So bleiben sie – tragischerweise – selbst an guten Tagen kaum sichtbarer als Tränen im Regen.
Die Kandidaten der Events: erst Stimmen. Dann: Hoffnungen und jene multimorphen Einzelschicksale, die den senderinternen Randgruppen-TÜV ohne Mängel bestanden haben. In ihrer Biographie der eine oder andere alkoholkranke -inzwischen verstorbene – Kandidatinnen-Vater, anreichernde Migrationshintergründe, kleinere Körperbehinderungen, oder etwa eine lebensgeschichtlich bedingte, ausweglose Schuldensituation. Gerne dabei: Von Elternehrgeiz getriebene, junge Mädchen als Leistungszicken, die eine Bühne suchen. Die Anerkennung wollen und eigentlich Liebe meinen. Eltern, die hinter der Bühne jene Becker-Faust ballen, die man ihnen von der anderen Seite der Mattscheibe am liebsten ins liebesleere Elterngesicht bohren möchte. Oder jene jungen Verlorenen, die so unantastbar herzlich, sympathisch und rein sind, dass man als Zuschauer ebenso sprachlos ist, wie man auch weiß: Die werden das Ding hier nicht gewinnen. Nicht die. Leider.
Gewürze gruppendynamischen Zickenkrieges in Kandidatengruppen unter dem Druck des Wettbewerbes, böse Jury-Sprüche an den einen oder anderen Suppenkaspar und vorselektierten Verlierer runden die Casting-Suppe ab.
Kai Sturm, Chefredakteur von VOX, hat im Interview mit Meedia über den Start von "X Factor" gesprochen. Er hat also angerichtet. Was genau? Nach zwei Folgen in der Primetime von RTL und vor dem Wechsel in den Dienstagabend auf VOX ist ein erster Eindruck darüber entstanden, ob Sturms Ankündigungen Boden haben oder Worthülsen sind.
Die Antwort: Befürchtete man – suppentechnisch – mit dem Start eines wieder neuen Casting Formates den Tunnel am Ende des Lichts, sah man sich getäuscht. Kein Würgereflex, im Gegenteil. "X Factor" ist aus einem ganzen Bündel von Gründen wirklich sehenswert. Das Format unterscheidet sich in der Tat in einigen Aspekten von Wettbewerbsformaten und hat (Stand heute…) einen eigenen Platz auf der Speisekarte verdient.
Zunächst: Breite und Dichte guter, hörenswerter Stimmen bewegen sich auf einem hohen Niveau. Auch wenn kein Sender dem Zuschauer in den ersten Castings quotenvernichtenden Durchschnitt präsentiert, fällt die hohe Qualität vieler Kandidaten auf: In der Tat gibt es eine ganze Reihe von Künstlern mit sichtbarem Potenzial. Das ist durchaus nicht Standard, einige von ihnen sind wirklich phantastisch. Die Kategorie „Gesangsgruppen und Duette“ bestätigt bislang – in der Breite – diese Einschätzung (noch) nicht ganz: Mehr, sehr gute, Duette hätte man sich wünschen können.
"X Factor" ist an vielen, "kleinen" Stellen liebevoll und aufmerksam produziert: Einige Kandidaten werden beispielsweise auf ihrem Weg zum Jury-Casting von einem Mitarbeiter der Produktionsfirma begleitet. Beginnt das Playback, ist der Daumen des Toningenieurs sichtbar, der den Regler hochfährt.
Man mag das für Banalitäten halten, doch es ist mehr: Man hat (für die Kandidaten auf ihrem Weg und für die Zuschauer vor Playback-Beginn) in Details darauf geachtet, dass Verbindung entsteht. Auch das ist nicht selbstverständlich – es ist "in den leisen Tönen" achtsam, sensibel und klug.
In exakt dieser Haltung wird auch die Jury als Team präsentiert: Natürlich sitzt Frontfrau Sarah Connor in der Mitte der Jury und ist deutlich häufiger im Close Up. Vielleicht zuviel. Aber: Diese Jury ist keine "Bohlen-Jury", keine "Detlef-D!-Soost-Jury", sondern zeigt sich als ein Team von Fachleuten mit spürbar lebendigen, natürlichen Kooperationsbeziehungen auf Augenhöhe. Sarah Connor, Till Brönner und George Glueck wirken – verglichen mit Gremien von Wettbewerbs-Formaten-  darüber hinaus erfrischend locker und normal. In Zeiten, in denen Jury-Meinungen letztlich dramaturgisches Vehikel für jenen Moment abbilden, in welchem der Meister seinen ironischen Vernichtungsspruch absetzt, wirkt das wohltuend.
"X Factor" stellt auch den Umgang mit tragischen Randgruppenschicksalen nicht in den Vordergrund. Natürlich gibt es die: Casting-Formate brauchen Geschichten. Bei "X Factor" jedoch degenerieren sie nicht zum Wesentlichen. Bislang blieben den Zuschauern glücklicherweise Jurorenrollen erspart, die auf dem Wege professioneller Deformation im Laufe von Jahren zu Pseudo-Therapeuten mit ganz großen Plastikgefühlen mutiert sind und Kandidaten schon nach zwei Vorstellungssätzen als Beleg Juroren-eigener, therapeutischer Empathie auf ihre innere Couch zwingen.
Sieht man von – vielleicht in Casting-Formaten notwendigen – Jury-Inszenierungen ab, zeigt die "X Factor"-Jury – bei allen Peaks – einen fachlich guten, fairen und beziehungsvollen Umgang mit den Kandidaten.
Statt Pomp und Psycho sorgt die Regie für die Verbindung von Juroren und Zuschauern: Man sieht Gespräche der Jury in den Pausen beim Erdbeer-Essen, oder erlebt, wie -während des Castings vor Zuschauern – Till Brönner – über die mittige Sarah Connor hinweg – George Glueck ansieht: "George, was macht die Blase?" Brönner und Glueck stehen auf, verschwinden und Frontfrau Connor sitzt mit dem Publikum alleine da und kommentiert die Blasenschwäche von Männern.
Gelernt, vom Drehbuch vorgeschrieben – vielleicht. Allein: Dies alles ist so normal, interessiert und natürlich, wie die Kamerafahrt auf den verdeckten Bereich des Jury-Pults, der nach Frage des Moderators Jochen Schropp Berge von Hustenbonbons und Kölnisch Wasser sichtbar werden lässt, während Sarah Connor (Glueck und Brönner sind wahrscheinlich auf der Herrentoilette…) die Geschichten zu den Utensilien erzählt.
All dies ist nicht laut, aber in Details bedacht und gut gemacht.
Diejenigen, die den Moderations-Newcomer Jochen Schropp visuell als Marco Schreyl für Arme abgebucht haben mochten, machen eine andere Erfahrung: Schropp ist in gutem Sinne nett – weder aufdringlich, noch getrieben, oder künstlich: einfach ein netter Typ, der seine Rolle natürlich gestaltet. Nie aufgeblasen, oder übersteuert. Ohne Profilneurose, mit manchmal passender Belanglosigkeit, aber auch glaubhaft herzlichem Witz.
Man kann VOX zu den getroffenen Personalentscheidungen ebenso gratulieren, wie zur Philosophie von X Factor, die auf den Schwung extremer Polarisierungen bislang verzichtet. Auch, wenn Sarah Connor als zentrale Identifikations-Figur gelten darf, achtet man auf Jury-Teamgeist. Dies ist deshalb bemerkenswert, weil "X Factor" das einzige Casting Format ist, welches den Konkurrenten-Status der Jury-Member konzeptuell implementiert: Jeder Juror coacht Protagonisten einer Kategorie und steht im Wettbewerb zu seinen Kollegen. Das Ende kennt man von Highlander: Es kann nur einen geben. 
Im Suppensumpf der Casting-Bühnen kann man X Factor konsumieren, ohne Magenschmerzen zu bekommen – auch, wenn Gourmets das eine oder andere Haar in der Suppe finden mögen. Berücksichtigt man, dass manche Wettbewerber so viele Haare auf den Teller schmeißen, dass kaum noch Platz für die Suppe bleibt, ist das bemerkenswert.


Mehr über den Autor: www.lesko.ch

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige