Wolfram Weimer und sein Focus-Labor

Wolfram Weimer ist mit einiger Experimentierfreude an die Neuausrichtung des Focus gegangen. Sein Mut wird schon belohnt. Erste Ausgaben unter Weimers Regie laufen am Kiosk ziemlich gut. Die Hysterie um Google Street View dürfte sich spätestens mit dem Ende der sommerlich bedingten Themenarmut erledigt haben. Wired-Boss Anderson erweist sich erneut als Großmeister im Anstoßen von Debatten, und ARD und ZDF rühren in ihren Nachrichtensendungen eifriger denn jeh die Werbetrommel für ihre Websites.

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Schaut man sich die Titel der Focus-Ausgaben der vergangenen Wochen an, kann man allein aufgrund der Titelbilder und Themen sehr genau sehen, ab wann Wolfram Weimer das Blatt übernommen hat. Die Hefte 24, 25 und 26 waren noch typische Focus-Ausgaben der alten Nutzwert-Schule. “Hilfe für den Rücken”, “Und immer zahlt die Mittelschicht”, “Im Team gegen Krebs”. Dann kam Weimer und hob “Lady First” (Bettina Wulff) auf den Titel, machte auf mit dem “Kanzler in Reserve” (zu Guttenberg) und “Angriff aufs Gymnasium”. Es folgten Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, Wirtschafts-Minister Brüderle, “Kachelmann exklusiv” und zuletzt der sehr reduzierte aber starke Titel “Ist unser Staat zu feige?”. Einzig das Titel-Thema von Heft 32 (“Die Biologie der Entspannung”) schien in alte Focus-Muster zurückzufallen. Man muss Weimer attestieren, dass er ganz offenbar Mut zum Experimentieren hat. Ein Mut, der auch schon belohnt wird. Das jüngste in der Auflagenstatistik ausgewiesene Focus-Heft 28 (Doppelcover “Kanzler in Reserve”/”Angriff aufs Gymnasium”) wurde am Kiosk über 120.000 mal verkauft. Das letzte Heft unter Helmut Markworts Regie (“Im Team gegen Krebs”) kam auf knapp 106.000 verkaufte.

Die Hysterie, die Google mit dem bevorstehenden Street View-Launch in Deutschland ausgelöst hat, ist schon erstaunlich. Als der Dienst vor einigen Jahren international startete, waren viele noch begeistert über den virtuellen Stadtbummel durch San Francisco. Heute herrscht Angst, die eigene Bude könnte von außen im Internet zu sehen sein. Geschürt wird die überzogene Hysterie von Massenmedien – von Stern über Bild bis zur Tagesschau. Jede Wette: Wenn Street View im Herbst an den Start geht, regt sich kaum einer mehr auf. Dann gibt es nämlich wichtigere Themen.

Man kann von dem US-Magazin Wired und seinem umtriebigen Chefredakteur Chris Anderson halten was man will – der Mann hat auf jeden Fall ein Riesengespür dafür, wie man Themen setzt und Debatten anzettelt. Das gelingt im nach dem Long Tail, der Debatte um die Gratis-Kultur (“Free!”) nun mit dem Artikel “The Web is dead. Long live the Internet” nun schon zum dritten Mal. Klar, die Zahlen-Belege sind hinterfragenswert, und letztlich geht es beim Wired-Abgesang aufs Web nicht zuletzt um Begrifflichkeiten (Was gehört nun zum “Web” und was nicht?). Aber alle reden darüber. Und wenn Anderson noch ein Buch zum Thema nachschiebt, dann wird sich auch das wieder gut verkaufen.

Ein gutes Gespür fürs Selbst-Marketing haben auch ARD und ZDF. Die beiden großen öffentlich-rechtlichen Sender werden von den Verlagen häufig dafür kritisiert, dass sie ihre Online-Aktivitäten so stark ausbauen. In Interviews reden die Oberen von ARD und ZDF ihre Digital-Angebote dann gerne klein. Zuletzt ZDF-Programmchef Thomas Bellut im Gespräch mit der Süddeutschen. “In meinem Bereich ist auffällig, dass alles, was sich direkt mit dem Programm beschäftigt oder aber das Programm über das Internet wiedergibt, für unser Publikum entscheidend ist”, sagte Bellut in geschraubtem TV-Beamtendeutsch der SZ. Was er wohl meinte ist, dass das ZDF für die Verlage online keine Konkurrenz sei, weil sich die Leute im Internet in erster Linie mit den Programm-Inhalten des ZDF befassen würden. Schaut man aber die ZDF-Nachrichten heute oder heute journal oder auch die ARD-Tagesschau oder Tagesthemen, ergibt sich ein anderes Bild. Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Moderatoren nicht ausführlich auf weiterführende Inhalte der Internet-Seiten hinweisen. Seit einiger Zeit, zumindest im ZDF, sogar mit ausführlichen Screenshots und Animationen, die die hauseigenen Websites ins rechte Licht rücken. Die Hinweise aufs Internet haben mittlerweile einen klar werblichen Charakter angenommen. Bei Privatmedien würde man von Teasing reden. Über solche öffentlich finanzierten Kanäle des Massenmarketings für die eigenen Websites verfügen die meisten Verlage nicht.

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