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Fall Kachelmann: Hetzjagd bei Facebook

Der Fall um den wegen Vergewaltigung angeklagten ARD-Wetterexperten Jörg Kachelmann zeigt nun, wie heikel Verletzungen der Privatsphäre in sozialen Netzen wie Facebook sein können. Während sich klassische Medien bemühen, das mutmaßliche Opfer mit seinem echten Namen und Foto aus der Berichterstattung herauszuhalten, gibt es solche Filter im Internet nicht. In Facebook-Gruppen wie “Free Kachelmann” wird eine virtuelle Treibjagd auf die Frau angezettelt, die Jörg Kachelmann angezeigt hat.

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Noch ist unklar, ob Jörg Kachelmann der Vergewaltigung schuldig ist oder nicht. Der Prozess, der dies klären soll, wird erst Anfang September in Mannheim beginnen. Im Vorfeld veröffentlichten zahlreiche Medien, u.a. Spiegel, Zeit, Süddeutsche Zeitung, Stern, Focus, Artikel, in denen ausführlich aus den Ermittlungsakten zitiert wurde. Zeitweise konnte man den Eindruck gewinnen in den Medien finde eine Art Prozess vor dem Prozess statt.

Auf eines wurde bei der Berichterstattung aber stets geachtet: Das mutmaßliche Opfer der Vergewaltigung wurde nie mit echtem, vollem Namen genannt und ein Foto des mutmaßlichen Opfers war stets nur verfremdet gezeigt worden. Aus den Medien-Veröffentlichungen konnte niemand Außenstehendes auf die Identität der Frau, die Jörg Kachelmann angezeigt hat, schließen.

Im weltgrößten sozialen Netzwerk Facebook entstanden bald nach Kachelmanns Verhaftung Gruppe, die sich “Free Kachelmann” oder "Jörg Kachelmann – Unrecht im Namen des Gesetzes" nennen. “Wir unterstützen Jörg Kachelmann und glauben an seine Unschuld”, ist in der Selbstbeschreibung von "Free Kachelmann" zu lesen. Soweit, so gut. Es bleibt jedem unbenommen, an Kachelmanns Unschuld oder Schuld zu glauben und darüber auch zu diskutieren. Dafür sind soziale Netzwerke wie Facebook ja da.

In der Facebook-Gruppe “Free Kachelmann” wird jedoch eine Grenze überschritten, die zeigt, wie heikel der Umgang mit Privatsphäre in Sozialen Netzen ist, wenn es mal nicht um Spaß und Trallala geht, sondern um einen Vergewaltigungsprozess. Neben dem üblichen Unsinn und Quatschbildchen veröffentlichen Nutzer in der Facebook-Gruppe auch alte Autogrammkarten des mutmaßlichen Opfers, einer Radio-Moderatorin, auf denen die Frau voll zu erkennen ist. Darüber hinaus wird auch der echte volle Name des Opfer von einigen Foren-Nutzern genannt und mit einiger Penetranz ständig wiederholt. Oftmals in Zusammenhang mit wüsten Schmähungen, Drohungen und Spekulationen, auf die hier nicht eingegangen werden soll. Sogar die Straße, in der das mutmaßliche Opfer wohnt und den Hauseingang haben Nutzer in der “Free Kachelmann”-Gruppe bei Facebook abgelichtet und veröffentlicht. Das, was sich in den Kommentaren der Gruppe abspielt, kann man nur als virtuelle Hetzjagd bezeichnen.

Bei Facebook selbst zeigt man sich gegenüber der Problematik relativ gleichgültig. Auf MEEDIA-Anfrage sagt ein Facebook-Sprecher lediglich: "Wir tolerieren keine hasserfüllten Inhalte bei Facebook und werden solche Inhalte, die unsere Richtlinien verletzen, so schnell wie möglich entfernen und wir ermutigen unsere Nutzer ausdrücklich solche Inhalte zu melden.” Anders ausgedrückt: So lange sich keiner beschwert gilt “anything goes”.

Punkt 5 der Facebook-Richtlinien, denen jeder Nutzer zustimmen muss, ist überschrieben mit “Schutz der Rechte anderer Personen”. Dort heißt es u.a.: “Du wirst keine Inhalte auf Facebook posten oder Handlungen auf Facebook durchführen, welche die Rechte einer anderen Person oder das Gesetz verletzen.” Die spannende Frage ist, was passiert, wenn sich Nutzer um diese Richtlinien nicht scheren. Ein peinliches Partyfoto von Jemandem hochzuladen ist eine Sache, ein mutmaßliches Vergewaltigungsopfer in einem spektakulären Strafprozess virtuell an den Pranger zu stellen, noch einmal eine ganz andere.
Wie solcher massiver Missbrauch von Persönlichkeitsrechten im Internet in hochsensiblen Fällen verhindert werden kann, ist eine ungelöste rechtliche und gesellschaftliche Frage. Und es ist die weitaus wichtigere Frage als die, welche Häuserfronten in Google Streetview gezeigt werden und welche nicht. Manchmal kann aus einem sozialen Netzwerk auch ein asoziales Netzwerk werden.

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