Street-View: Google fällt ins Sommerloch

Endlich ist ein Sommerloch-Thema gefunden, auf das sich der Boulevard und die Qualitätsmedien gleichermaßen einigen können: der Deutschland-Start von Street View. Die Bild macht mit dem Google-Service auf, genauso wie die FAZ. Der publizistische und politische Gegenwind würde der US-Company weniger scharf ins Gesicht blasen, wenn man geschickter kommuniziert hätte. Pikant: Während die Zeitungen kritisch über Google berichten, schaltet die US-Company in denselben Ausgaben große Anzeigen.

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Endlich ist ein Sommerloch-Thema gefunden, auf das sich der Boulevard und die Qualitätsmedien gleichermaßen einigen können: der Deutschland-Start von Street View. Die Bild macht mit dem Google-Service auf, genauso wie die FAZ. Der publizistische und politische Gegenwind würde der US-Company weniger scharf ins Gesicht blasen, wenn man geschickter kommuniziert hätte. Pikant: Während die Zeitungen kritisch über Google berichten, schaltet die US-Company in denselben Ausgaben große Anzeigen.
Dass die Kommunikations-Strategie des Suchspezialisten nicht gerade ideal war, hat man bei Google mittlerweile selbst eingesehen. So gab Unternehmenssprecher Stefan Keuchel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu, dass die Verkündung während der Ferien „kein besonders günstiger Zeitpunkt“ gewesen sei. Das stimmt. Denn die Medien hatten diese Woche förmlich nach einem großen Thema gesucht. Der Streit um die Sicherheitsverwahrung funktionierte nicht so richtig und Trash-Themen, wie die Spekulationen über das intime "Auswärtsspiel" (Bild, Bunte) von Michael Ballack, hatten bei FAZ, SZ & Co. niemals eine Chance, größer gespielt zu werden.

In dieser Situation kam den meisten Redaktionen die Ankündigung von Google gerade recht. Das Thema bietet viel Potential. Die Medien können zum einen mit den Ängsten der Bürger spielen, wie es der Bild-Aufmacher von heute macht: "So ist ihr Haus im Internet zu sehen". Man kann sich dem Thema feuilletonistisch nähern, wie es die FAZ mit "Preußens Street View" vorexerziert. Eine weitere Option ist der politische Ansatz. So titelt die Welt Kompakt  "Google darf Aigners Haus nicht zeigen". Natürlich vermischen sich dann in der Berichterstattung aller Blätter die verschiedenen Ebenen.

Das Argument, dass man bei Google überrascht sei von den zum Teil harschen Reaktionen ist nicht stichhaltig. Denn seit Monaten lässt sich ein interessantes Phänomen beobachten. Google- und Facebook-Themen sind ideale Wochenendaufreger. In schöner Regelmäßigkeit brachte der Focus oder Spiegel immer wieder samstags kleine Vorabmeldungen, die sich entweder kritisch mit Street View oder dem Facebook-Verhältnis zum Datenschutz befassen. Unter der Woche wären diese Stücke untergegangen. Am Wochenende liefen sie offenbar immer. Das Sommerloch funktioniert offenbar ganz ähnlich: Es gibt im Sommer weniger harte News und echte Skandale. Dafür laufen die bunten Themen umso besser. Also hat ein kleiner Aufreger beste Chancen, zu einem großen Ärgernis zu werden. Genau diese Erfahrung muss Google nun machen.

Wie stark die Street-View-Debatte zu Beginn noch von der Ferienzeit getrieben wurde, sieht man auch daran, dass sich zuerst fast nur politische Hinterbänkler zu Wort meldeten.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist der Umstand, dass sich die meisten deutschen Verlage über diverse Verbände seit Jahren, beispielsweise beim Leistungsschutzrecht, mit Google streiten. Die Street View-Debatte bietet natürlich nun die Möglichkeit, einmal gepflegt nachzutreten. Ob dies passiert, bleibt noch zu beobachten.

Pikant ist allerdings, dass in denselben Ausgaben, in denen sich die Zeitungen kritisch mit Google auseinandersetzten, große bezahlte Anzeigen der Web-Company sind, in denen die US-Amerikaner versuchen zu erklären, warum ihr neuer Service keine Gefahr, sondern vielmehr eine Chance ist. Wie bei vielen Themen und Nachrichten entsteht jetzt auch beim Street-View-Komplex der lustige Effekt, dass die Verlage doppelt verdienen: Zum einen bei der Auflage und zum anderen durch den Verkauf von Anzeigen.

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