„Schlüsselstrategie für Printmedien“

Kaum sechs Wochen ist Wolfram Weimer im operativen Amt, da überrascht der neue Focus-Chefredakteur mit einem Coup, um den ihn die Konkurrenz beneiden dürfte: Ab kommenden Montag startet eine groß angelegte redaktionelle Kooperation mit dem britischen The Economist, einem der weltweit angesehensten Magazine. Der Deal umfasst einen intensiven Austausch von Inhalten in der Produktionsphase, die Übernahme von bis zu vier Artikeln wöchentlich sowie ein gemeinsam gebrandetes Magazin zum Jahresende.

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Offenbar hatte Weimer bereits im Frühjahr als Entwicklungs-Chef bei Burda Kontakte zu den Londonern geknüpft und ein Paket geschnürt, das in den folgenden Monaten von den Juristen des Münchner Medienhauses im Detail ausverhandelt wurde. Der 46-Jährige gegenüber Meedia: "Ab sofort wird es in jeder Focus-Ausgabe journalistische Beiträge aus dem Economist-Korrespondentennetz geben. Wir können dabei auf die laufende, also noch nicht erschienene Produktion des aktuellen Economist-Heftes zugreifen. Der Leser bekommt damit Zugang zu den derzeit besten Quality-Korespondentenberichten der Welt. Er liest gewissermaßen Best-of-Economist – zeitgleich und auf deutsch." Als eines der wenigen international renommierten Magazine hatte der Economist der Medienkrise geradezu beispielhaft getrotzt und sich mit herausragendem Journalismus gegen den allgemeinen Negativtrend behauptet. Die traditionsreiche Wochenzeitschrift The Economist erschien erstmals 1843 und wird heute in fünf Ländern gedruckt. Wöchentlich verkaufen sich mehr als eine Million Exemplare in über 200 Ländern.
Für Weimer, der in Portugal aufwuchs und als Spanien-Korrespondent tätig war, ist das Bemühen um internationale Bündnisse allerdings weder neu noch aus der Not der Finanz- und Konjunktur-Krise heraus geboren. Bereits vor zehn Jahren als Chefredakteur der Welt hatte er eine Zeitungsallianz initiiert. Damals gründeten Die Welt (Berlin), der Telegraph (London), Le Monde (Paris) und ABC (Madrid) eine "European Dailies Alliance" (EDA) mit dem Ziel des wechselseitigen Austauschs von Content. Ein Projekt, das nach seinem Weggang von Springer allerdings nicht weiter verfolgt wurde. Auch sonst sind in Deutschland ähnliche Strategien bei voneinander unabhängigen Titeln bislang unbekannt. Der Vorteil liegt für den Chefredakteur auf der Hand: "Der Focus wird dadurch internationaler, in seinen Inhalten, in seinen Kontakten, in seinen Netzwerken, in seiner Perspektive. Wir werden ein Stück weltoffener, denn auch unsere Leser sind Teil einer weltoffenen Globalisierungsgeneration."
Der Schulterschluss mit dem Economist ist das vorläufig sichtbarste Signal, das Weimer bei seinem unverkennbaren Bestreben "Weg vom Nutzwert, hin zum Journalismus" setzt. Bislang hatte er zwar systematisch, gleichzeitig aber eher behutsame Änderungen eingeführt: So fanden die Leser in den Wochen ein neues Debattenressort in der Heftmitte, ein Menschenressort am Heftende vor und stellten fest, dass das Kulturressort nun üppiger daherkommt, das Magazin insgesamt jünger und mit einer feinsinnigeren Bildsprache und mehr namhaften Gastautoren zu punkten versucht. So stieg auch der Anteil der "Klappermeldungen" mit denen das Magazin am Wochenende vor dem Ersterscheinungstag der neuen Ausgabe in den Nachrichten vertreten ist, spürbar an.
Für Weimer ist die Allianz mit den Briten durchaus ein Branchenmodell: "Bislang arbeitet die Printbranche so national abgeschottet wie kaum eine andere Industrie. Ich halte die internationale Vernetzung für ein Schlüsselstrategie für krisengebeutelte Printmedien. Mit dem Economist und Focus verbünden sich zwei starke europäische Medienmarken. Beide setzen konsequent auf Qualitätsjournalismus. Die Allianzen führen dazu, dass man sich wechselseitig Zugänge verschafft und Inhalte tauschen kann." Was das in der Praxis bedeutet, wird sich zeigen. Zwar ist die Kooperation ausdrücklich doppelgleisig angelegt, zunächst dürften allerdings vor allem die Münchner um Übernahmen nachsuchen und davon profitieren. Deshalb wird die Allianz für Burda auch kaum kostenneutral sein. Wie viel man für den Economist-Deal zahlt – darüber schweigen sich die Verantwortlichen aus.
In jedem Fall sieht das Medienhaus die Form der internationalen Vernetzung als Wachstumschance. Weitere Bündnisse sind in der Pipeline. Die Economist-Kooperation könnte schon bald um andere bedeutende internationale Partner aufgestockt werden. Weimer dazu: "Verhandlungen laufen, es ist aber noch nichts spruchreif."
Anfang Dezember soll es zudem ein erstes gemeinsames Magazin mit dem Economist geben: "The World in 2011", eine Vorschau auf das kommende Jahr, die der Economist bislang in eigener Regie herausbrachte. Auch ein gemeinsames Magazin mit einer höheren Erscheinungsfrequenz kann man sich in München offenbar vorstellen. Damit erhielte der Focus neben seinen bisherigen Extensions Focus Money und Focus Schule ein Beiboot internationalen Formats. Auch hier laufen Verhandlungen, auch hier heißt es: "Noch ist nichts spruchreif."

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