Die neue GQ: wenig Sex, viel Haltung

Condé Nast hat GQ komplett renoviert. Doch auch das neue Heft fängt so an, wie jede Ausgabe zuvor: mit unzähligen Anzeigen-Doppelseiten. Was dann kommt, hebt sich jedoch von den Vorgängern ab. Es gibt kaum große Optiken, dafür viel Text, Lifestyle und Meinungsstücke. Denn „Mann muss sich heute mit mehr Themen auseinandersetzen als früher und eine klare Haltung haben“, verrät Chefredakteur José Redondo-Vega. “Selbst wenn man nur weiß, was Mann nicht will. Dazu wollen wir das passende Heft machen.“

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Das Ziel, dem sich Redondo-Vega verpflichtet sieht, ist, dem Leser näherzubringen, „was Mann sein heute ausmacht: in der Mode. In der Liebe. Im Lebensstil – in alldem also, was man modernes Leben nennt.“ Um diese Vision umzusetzen, hat der Wahl-Münchner das Magazin kräftig umgebaut. Es gibt neue Kolumnen, ein neues Layout und eine neue Heftstruktur.

Der Aufmacher zu einer Modestrecke
Die „GQ“ ist nun unterteilt in die Rubriken „Gentlemen“, „Business“, „Home“, „Mobil“, „Coach“, „Style“, „Care“ und „Agenda“. Alleine die neuen Ressorts zeigen das Verlangen von Redondo-Vega die „Gentlemen`s Quarterly“ unabhängiger vom 1957 gestarteten US-Mutterblatt (Slogan: „look sharp, live smart “) zu gestalten.
„Bislang hat sich das Heft immer sehr stark an der Struktur der US-Ausgabe orientiert, in der die lange, anzeigenfreie Strecke mit den großen Themen und Fotoproduktionen im hinteren Heftdrittel angesiedelt ist“, erklärt der Chefredakteur gegenüber MEEDIA. Dadurch wurden manche Themen „verschluckt“ und es gab offenbar immer wieder den Vorwurf, dass Themen nur kurz angeschnitten würden. „Dieser Eindruck war nicht gerechtfertig, sondern immer nur ein Resultat der Heftstruktur. Die US-Kollegen steigen mit vielen Einzelseiten ein. Erst später kommen die großen Geschichten mit den großen Optiken. Hier haben wir nun für eine neue, ausgeglichenere Gewichtung gesorgt.“

Das Business-Ressorts zeigt Alternativen
zur üblichen Büro-Uniform


Die Schwerpunkte haben sich in der Tat verändert. Bei den Bildern verzichtet Art Direktorin Jana Meier-Roberts auf die großen opulenten Strecken – leider. Denn was dem Heft fehlt, sind große Optiken. Bilder, die über eine ganze Doppelseite gezogen wurden, sind Mangelware. Die Folge: das Heft wirkt immer unruhig und zerstückelt. So wird der visuelle Gesamteindruck stark von den unzähligen Anzeigenseiten dominiert. Ein Effekt, der natürlich auch sein Gutes hat: die Vermarktung des edlen Männertitels scheint zu brummen – keine Selbstverständlichkeit in diesen Zeiten.
Dem Redaktionsteam ist es allerdings gelungen, das Magazin an sehr vielen Stellen im Kleinen strahlen zu lassen. „Wir haben streng darauf geachtet, dass jede Seite überraschende Momente in sich birgt – auch und gerade in den Details“, sagt Redondo-Vega. „Das kann eine Optik, ein Kasten oder ein intelligentes Wortspiel in einer Bildunterschrift sein.“

Die Auto-Story beschäftigt sich mit
dem neuem Audi A7

Ziel des Relaunchs war es, meinungsstärker und relevanter zu werden. „Meine Überzeugung ist, dass ein relevantes Print-Produkt auch entsprechend wahrgenommen und gelesen wird. Nur über Qualität und Relevanz ist eine Steigerung der Auflage möglich.“
Aktuell kommt die Deutsche Ausgabe der Gentlemen`s Quarterly auf einen Gesamtverkauf von 123.561-Exemplaren. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies ein Minus von acht Prozent
Im Prinzip beherbergt auch der überarbeitete Titel alles was ein Männer-Magazin ausmacht. Es gibt die Storys über Autos, Lifestyle, Kosmetiktipps und viele andere mehr oder weniger verdeckte Ratgeberstücke sowie ein wenig Erotik, die jedoch eher in homöopathischer Dosis. So fällt eine Reportage („Sekt Sells“ über moderne Champagner-Nutten in US-Nobelclubs und eine Einzelseite „Kummerkasten“ mit der „Sexpertin“ Paula Lambert in diese Kategorie. Ansonsten präsentiert sich das Magazin geradezu züchtig.
Das soll jedoch nicht immer so bleiben. Die Story muss nur richtig erzählt sein: „Bei Erotik ist mir besonders wichtig, dass wir uns dem Thema mit dem gleichen Anspruch, mit der gleichen Unverkrampftheit, und genauso authentisch nähern, wie allen anderen Themen.“
Die beiden archetypischen Geschichten, so wie sich die GQ-Macher ihre idealen Stücke vorstellen, sind ein Ben Tewaag-Interview, in dem der ehemalige Bad Boy über seine 586 Gefängnis-Tage berichtet und die Titelgeschichte „100 Ideen, die das Leben spannender machen“.
Wer die ganzen Werbeseiten zum Hefteinstieg umgehen will, sollte es machen wie der Chefredakteur selbst. Redondo-Vega blättert immer von hinten nach vorne. Wer so in die überarbeitete GQ einsteigt, wird gleich mit einer der besten Seiten der gesamten Ausgabe überrascht: Michalis Pantelouris hat dort das Facebook-Profil von Gott gefakt.

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