Loveparade: Kritik an Spiegel und Bild

Jede Katastrophe hat ihren Experten, der die Berichterstattung über das Ereignis analysiert und kommentiert. Beim Loveparade-Drama ist es der Düsseldorfer Medienwissenschaftler Christian Schicha. In zwei Interviews im Kölner Stadtanzeiger und der taz kritisiert der Experte für Foto-Manipulation vor allem die Bild-Zeitung, den Kölner Express und den Spiegel. Die Boulevard-Blätter hätten "Bilder von Menschen gezeigt, die später ums Leben gekommen sind. Das ist ein Verstoß gegen den Pressekodex."

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Schicha erklärt in der taz welche Wirkung die verwendeten Bilder von der Loveparade haben: "Sie sollten personalisieren, damit man sich identifiziert und empathisch ist. Das ist natürlich in gewissem Maße auch legitim, aber man muss ja nicht zwingend den vollen Vor- und Zunamen und das authentische Bild verwenden."

Bereits am Wochenende hatte der Bild-Chefredakteur Kai Diekmann im Focus das Titelfoto vom Montag nach der Katastrophe verteidigt. In einer Großaufnahme waren die gedrängten und gequetschten Menschen zu sehen "Viel eindringlicher als jede Erklärung von Polizeiexperten oder Panikforschern wird an diesem Foto schlagartig deutlich, wie hilflos der Einzelne in solchen Situationen ist", sagte Diekmann. Zudem hielt der Bild-Chef fest: "So wenig, wie ein Notarzt in solchen Situationen seine Arbeit aus Gründen der Erschütterung einstellen kann, können sich Medien ihrer Berichtspflicht enthalte".

Auch dem Hamburger Nachrichtenmagazin Spiegel wirft Schicha in der taz einen falschen Umgang mit Fotos vor. "Bilder werden häufig missbraucht, um die These eines Artikels zu bestärken. Zum Beispiel zeigte der Spiegel ein Bild des Duisburger Oberbürgermeisters Adolf Sauerland, in dem dieser seine Hände nach oben streckte. Das sollte symbolisieren, dass er sich für unschuldig halte, was er selbst gar nicht gesagt hat." Zudem sagt der Wissenschaftler, dass die TV-Ausschnitte aus der Pressekonferenz mit Sauerland, anderen Vertretern der Stadt und dem Veranstalter Rainer Schaller immer wieder in Zeitlupe und in Wiederholung gezeigt wurden, "um zu demonstrieren: Diese Menschen kamen mit der Situation nicht klar." Für den Experten für Presse-Ethik ist klar: "Da wollten Journalisten ihre Thesen mit Bildern bestätigen. Durch solche medialen Darstellungen entsteht ein regelrechter Hass auf diesen Oberbürgermeister."

Auf ein weiteres Problem macht der Professor, der zufälligerweise in Duisburg, "direkt um die Ecke des Loveparade-Geländes" wohnt, aufmerksam. So kritisiert er den Umgang vieler Medien mit Material, das von Beteiligten selbst gemacht und ins Web gestellt wurde. Dass die Clips und Bilder "teilweise auch in Nachrichtensendungen gezeigt wurden, finde ich nicht richtig, denn die Menschen, die abgebildet sind, wurden nicht gefragt, ob sie gezeigt werden möchten." Im Kölner Stadtanzeiger ergänzt er: "Bei diesem sogenannten Bürgerjournalismus finde ich aus Sicht der Journalisten wichtig, dass Gesichter verpixelt werden. Ich finde es unsäglich, wenn ein Mensch gezeigt wird, während er erdrückt wird. Das dient nicht der Aufklärung und Wahrheitsfindung.

Prinzipiell ist Schicha der Meinung, dass seriöser Journalismus öfter mal zur Kenntnis nehmen sollte, dass man nicht immer alles sofort wisse.

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