Der Fall Kachelmann – die offenen Fragen

Der wegen Vergewaltigung angeklagte ARD-Wettermoderator Jörg Kachelmann wurde vergangene Woche aus der Untersuchungshaft entlassen und schon ist er medial wieder überpräsent. Er gab ein im Internet und im TV verbreitetes Video-Interview, er empfing den Spiegel zum großen Gespräch und auch die ARD-Talkshow “Anne Will” widmete sich Kachelmann. Die mannigfaltige Berichterstattung und das Verhalten des Moderators werfen Fragen auf, die noch nicht einmal der Prozess klären kann.

Anzeige

Warum neigt Jörg Kachelmann zur Über-Inszenierung?

Als die Nachricht kam, dass Kachelmann nach 131 Tagen aus der U-Haft entlassen wird, dachte man, nun würde er sich zunächst zurückziehen, sammeln, vielleicht ein vorbereitetes Statement über seinen Anwalt verbreiten lassen. Stattdessen trat Kachelmann souverän und mit beredter Schweigsamkeit vor die Kameras. Sein weißes Sweatshirt, die Umarmung eines Vollzugsbeamten, sein versonnenes Lächeln – alles wirkte eingeübt, inszeniert. Genau wie bei dem seltsamen Auftritt kurz nach seiner Verhaftung, als er vor laufenden Kameras in die grüne Minna abgeführt wurde und dem Publikum zurief, er sei unschuldig. Gleich nach seiner Entlassung gab Kachelmann ein Video-Interview und ein großes Spiegel-Interview. In beiden Gesprächen beteuerte er seine Unschuld, gab reumütig menschliche Verfehlungen zu (das kommt beim Publikum an) und lobte die familiäre Knast-Atmosphäre der JVA Mannheim, die bisher als nicht besonders kuschelig galt. Was bezweckt Jörg Kachelmann mit diesen Auftritten und Aussagen? Kämpft er um sein Image bei den TV-Zuschauern und Lesern? Will er den Prozess beeinflussen? Sein Verhalten ist und bleibt rätselhaft.

Warum fährt Kachelmann eine Doppel-Strategie gegenüber den Medien?

Jörg Kachelmann hat ein äußerst gespaltenes Verhältnis zu den zahlreichen berichtenden Medien. Das “Süßbärchen” (Stern) verteilt Zuckerbrot und Peitsche. Medien, die kooperieren, bekommen ein Interview, andere eine Schmerzensgeld-Klage. Der Spiegel war das erste Medium gewesen, das ausführlich aus den Ermittlungsakten und einem aussagepsychologischen Gutachten über das mutmaßliche Opfer zitiert hatte. Die FAZ schrieb dazu von “gefälliger Berichterstattung” für die Verteidigung Kachelmanns. Auch in der Süddeutschen Zeitung schreibt Hans Leyendecker, dass solche Gutachten meist nicht von der Staatsanwaltschaft durchgestochen werden. Dass nun auch der Spiegel direkt nach Kachelmanns Haftentlassung das erste Exklusiv-Interview bekam, ist bezeichnend. Der Axel Springer Verlag, und offenbar andere Medien auch, bekamen stattdessen Klagen auf Schmerzensgeld, weil Kachelmann seine Persönlichkeitsrechte durch die Berichterstattung verletzt sieht. Gleichzeitig ließ Kachelmann sich von dem Journalisten Jan Mendelin in einem Video interviewen. Das Video war im Internet u.a. bei Bild.de und Stern.de zu sehen, im TV u.a. bei Brisant (ARD) und Explosiv (RTL). Es ist genau die Ware, nach der Boulevardmedien lechzen. Medienprofi Kachelmann lieferte prompt und zuverlässig rührende Geschichten über seine neuen Freunde im Knast, seine Unschuld und seinen Alptraum. Der Journalist Jan Mendelin war früher bei RTL, schrieb später für Bild und hat auch eine in Bild vermarktete Biographie des Fußballers Stefan Effenberg verfasst. Einerseits überzieht Kachelmann Boulevardmedien mit Schmerzensgeld-Klagen, andererseits orchestriert er geschickt und flächendeckend die Berichterstattung in seinem Sinne. Was er mit dieser hoch aggressiven Medien-Strategie bezwecken will- unklar.

Welche Rolle spielt die Staatsanwaltschaft?

Rätsel gibt aber auch die Staatsanwaltschaft auf. So berichtet der Focus, dass die Staatsanwaltschaft Mannheim in einem zweiten Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung gegen Kachelmann ermittelt. Der Fall geht aufs Jahr 2001 zurück, Kachelmann soll eine Frau mit einem Rohstock geschlagen haben. Die Frau habe sich via E-Mail an die Staatsanwälte gewandt, nachdem die Vergewaltigungsvorwürfe publik geworden seien und dann Anzeige erstattet. Die Frage ist: Warum kommt dieses, für Kachelmann negative Detail, ausgerechnet jetzt an die Öffentlichkeit? Bestandteil der Kachelmann’schen PR-Offensive ist diese jüngste Enthüllung gewiss nicht. Wer aber hat ein Interesse, diese Information jetzt zu streuen? Die Staatsanwaltschaft? Das mutmaßliche Opfer?

Der Fall Kachelmann ist eine Angelegenheit mit sehr vielen Fragen und wenigen Antworten. Die wichtigste Frage, ob Kachelmann schuldig oder unschuldig im Sinne der Anklage ist, soll der Prozess klären. Am Ende wird ein Urteil stehen. Ob das Urteil eine Antwort auf die Frage nach Schuld oder Unschuld gibt, bleibt ungewiss.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige