Jörg Kachelmanns riskante Medien-Strategie

Nicht einmal 24 Stunden war Jörg Kachelmann wieder in Freiheit, da ging der frühere ARD-Moderator in die Offensive. Das TV-Interview, das der 52-Jährige einem freien Journalisten gegeben hatte, flimmerte zur besten Sendezeit über fast alle Kanäle. Der Fernsehmann tat das, was er ohne Frage kann: vor der Kamera überzeugend wirken. Kachelmann macht nach der Haftentlassung gut Wetter in eigener Sache. Zugleich wurde bekannt, dass seine Anwälte Millionen von Medien fordern. Eine riskante Strategie.

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Am Freitagabend meldete Kress.de, dass ein von Kachelmann beauftragter Anwalt von Bild, Bild am Sonntag und Bild.de zwei Millionen Euro an Entschädigung und Schmerzensgeld fordere. Auf MEEDIA-Anfrage bestätigte ein Sprecher des Springer Verlags, dass entsprechende Forderungen in dieser Größenordnung eingegangen seien. Die in den Schreiben unterstellte massive Verletzung der Persönlichkeitsrechte des Moderators wies der Sprecher allerdings zurück und erklärte, man sehe Klagen Kachelmanns gelassen entgegen.
Nach Informationen von MEEDIA hat Kachelmann noch weitere Medien mit Forderungen auf Entschädigungszahlungen überzogen. Eine offizielle Bestätigung dafür war am Wochenende jedoch nicht zu erhalten. Neben der Bild-Gruppe, die nach der Verhaftung Kachelmanns am 20. März als erste dessen Identität öffentlich gemacht hatte und später Fotos publizierte, die Kachelmann als Häftling zeigten, waren Spiegel, Focus und auch die Zeit mit Enthüllungsartikeln maßgeblich daran beteiligt, zahlreiche Details aus den Ermittlungsakten publik zu machen, die auch das Intimleben Kachelmanns betrafen. Dabei hatten Beobachter nicht den Eindruck, dass Bild mit den Einzelheiten offensiver umging als etwa die Magazine.
Ein Grund hierfür: Offenbar hatte der vom Moderator beauftragte Kölner Medienanwalt Ralf Höcker früh damit begonnen, verschiedenen Medien Anwaltschreiben zuzuschicken. Entsprechend vorsichtig agierten die Häuser im Vorfeld von Veröffentlichungen, auch Springers rote Gruppe. Dass praktisch alle Ermittlungsergebnisse und Gutachten zudem haarklein in den auflagenstarken Leitmedien nachzulesen waren, dürfte vor allem der Staatsanwaltschaft nicht gefallen, die dagegen sogar strafrechtlich vorgehen könnte, sofern es sich um direkte Zitate aus den Akten handelt.
Dies taten die Behörden nicht, wohl auch mit Blick auf das eigene Handeln: Immerhin hatte die Staatsanwaltschaft Mannheim am Tag der Verhaftung Kachelmanns selbst bekannt gegeben, dass ein bekannter TV-Moderator wegen des Vorwurfs der schweren Vergewaltigung ins Gefängnis befördert wurde. Das klingt nicht nach Erfüllung der Auskunftspflicht, es wirkt wie die Trophäe eines eitlen Jägers. Auf jeden Fall war es eine Steilvorlage zur Enttarnung der Identität und selbst für schlecht vernetzte Journalisten ein Klacks, auf den Namen Jörg Kachelmann zu kommen. Auch gegen die Justiz ist ein Verfahren auf Entschädigung des Meteorologen anhängig.
Dass die Inhaftierung möglicherweise zu Unrecht erfolgte, ist denkbar. Dass der Moderator imagemäßig und somit auch geschäftlich massiven Schaden genommen hat, sogar gewiss. Aber Jörg Kachelmann geht mit seiner Strategie ein hohes Risiko: Er macht den zweiten Schritt vor dem ersten. Zunächst muss das Gericht seine Unschuld feststellen, denn nach wie vor steht der Vorwurf der Vergewaltigung im Raum, ist die Anklage der Staatsanwaltschaft vom Landgericht zugelassen. Erst nach dem Freispruch kommt die Zeit der Abrechnung, auch die der finanziellen.
Der Prozess, der am 6. September in Mannheim beginnt, wird Kachelmann nicht erspart bleiben, es sei denn, die Belastungszeugin zöge ihre Aussage zurück (womit sie sich selbst strafbar machen würde, weil dann gegen sie wegen Rufmords ermittelt werden würde). Und nach dem Verfahren, so viel dürfte feststehen, wird vom Image des netten Herrn Kachelmann auch im Falle eines Freispruchs nicht viel übrig bleiben. Die Justiz wird in diesen Wochen sehr genau registrieren, wie sich der Medienprofi in der Öffentlichkeit verhält, wohl wissend, dass seiner früheren Partnerin und Belastungszeugin, diese Bühne aus mehreren Gründen verwehrt bleibt. Wenn dort der Eindruck einer gesteuerten Kampagne entsteht, wird den Angeklagten ein raues Prozessklima erwarten – allen möglichen öffentlichen Sympathien zum Trotz.
Die Medien wiederum sind gefangen im Konflikt, einen Ausnahmefall nicht ignorieren zu können und zu wollen. Andererseits ist es schwierig, sich einem Prominenten unbefangen zu nähern, wenn dieser erkennbar auf ihre mediale Bühne drängt und seine Anwälte diese Präsenz gleichzeitig zu Geld zu machen versuchen. Am offensichtlichsten war dies nach dem Haftprüfungstermin, als Jörg Kachelmann auf die wartenden Journalisten zuging und Interviews gab. Postwendend griffen die Anwälte an und behaupteten, ihr Mandant sei schikanös den Medienvertretern vorgeführt worden. Nach MEEDIA-Informationen war das Gegenteil der Fall: Kachelmann wollte reden, wie jetzt nach der Freilassung.
Nach eigener Darstellung ist Kachelmann ein Justizopfer. Das ist möglich, vielleicht wahrscheinlich, auf jeden Fall aber noch nicht sicher. Auch einer, der sich maßlos ungerecht behandelt fühlt, sollte Geduld haben. Selbst wenn Jörg Kachelmann Recht hat: Er braucht die Justiz, er braucht die Öffentlichkeit, er braucht wohl auch die Medien. Vor allem braucht er gute Berater, die ihm derzeit offenbar fehlen.

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