Das Loveparade-Lehrstück von Spiegel TV

Wenn dieser TV-Beitrag 2010 keinen Fernsehpreis erhält, dann kann es bei den Jury-Entscheiden nicht mit rechten Dingen zugehen: Das Spiegel TV-Magazin erzielte am Sonntagabend nicht nur Top-Quoten, sondern lieferte den eindringlichsten und dichtesten Report zur Massenpanik bei der Loveparade. Und das war kein Zufall. Die Hamburger Redaktion hatte ein Großaufgebot an Teams nach Duisburg entsandt und konnte dadurch vor Ort live drehen, wie die Partystimmung kippte und die Katastrophe ihren Lauf nahm.

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Wenn dieser TV-Beitrag 2010 keinen Fernsehpreis erhält, dann kann es bei den Jury-Entscheiden nicht mit rechten Dingen zugehen: Das Spiegel TV-Magazin erzielte am Sonntagabend nicht nur Top-Quoten, sondern lieferte den eindringlichsten und dichtesten Report zur Massenpanik bei der Loveparade. Und das war kein Zufall. Die Hamburger Redaktion hatte ein Großaufgebot an Teams nach Duisburg entsandt und konnte dadurch vor Ort live drehen, wie die Partystimmung kippte und die Katastrophe ihren Lauf nahm.
Natürlich hat niemand bei Spiegel TV damit gerechnet, dass es zu einem solchen Chaos kommen würde. Der Auftrag an die Autoren dürfte gelautet haben, die größte Party Europas und ihre Nebenwirkungen aufzuzeichnen. Dabei, und das ist beste Tradition bei Spiegel TV, werden alle neuralgischen Punkte der Veranstaltung besetzt. So begleitete das Magazin nicht nur Raver, sondern auch Polizei und Ordnungskräfte, war im Krankenhaus vor Ort.
Und genau hier zeigte sich die hohe Professionalität der Autoren und ihre große Erfahrung bei solchen Massenevents: Anders als viele Journalisten, die erst nach der Katastrophe mit der Aufarbeitung begannen und zuvor nur Lila-Laune-Berichterstattung geliefert hatten, spürten die Spiegel TV-Teams wohl instinktiv, das sich eine gefährliche Krise anbahnte. Sie stellten früh die richtigen Fragen und entlarvten so, wie undurchdacht das Sicherheitskonzept war, wie hilf- und ahnungslos die Ordnungskräfte herumhühnerten, zeigten Partygänger, die vorm brodelnden Tunnel umkehrten und denen der Schock ins Gesicht geschrieben stand.
Als es die ersten Toten gab und endlich Alarm gegeben wurde, war Spiegel TV in der Klinik und zeigte das hektische Durcheinander bei den Rettern, die sich auf ihren Einsatz vorbereiteten. Das alles drehten die Reporter-Teams auf Augenhöhe, und vor allem nahe dem Tunnel war die Gefahr, die sie dabei eingingen, nicht gering. Das Ergebnis sind erschreckende TV-Sequenzen und Zeugnisse der Tragödie aus erster Hand. Es ist wohl nicht untertrieben, dass der Katastrophenreport aus Duisburg ein Zeitdokument ist und zugleich Lehrstoff für die Journalistenschulen.
Wer gesehen hat, was Spiegel TV am Tag der Massenpanik aufnahm, begreift, wie defensiv und letztlich zynisch die Reaktionen der Organisatoren und Verantwortlichen bei Stadt und Ämtern ausfielen, die um die Schuldfrage herumlavierten und dabei genauso planlos erschienen wie offensichtlich im Vorfeld bei der Genehmigung der Veranstaltung. Ein Ordnungsamtdezernent, der sich um Kopf und Kragen redete und dessen sich im Nirgendwo verfangende Erklärungsversuche Spiegel TV in voller, quälender Länge sendete, brachte die Gesamtsituation auf den Punkt.
Die Authentizität, mit der das Magazin, das Geschehene vermittelt, kommt nicht von ungefähr, sondern ist Konzept und Ergebnis harter Arbeit. Schon in den Anfangsjahren Ende der 80er setzte das gerade auf RTL gestartete Magazin Maßstäbe, indem der Mauerfall und die frühe Einheit auf Schritt und Tritt begleitet wurden. Die Autoren mieden Pressekonferenzen, auf denen Staatstragendes vorgetragen wurde und gingen statt dessen stets dahin, wo sie den Ursprung der Story vermuteten – was schon mal der Schrebergarten eines SED-Funktionärs war.
Bei Skandalen lernten Politiker, dass das damals junge Magazin nicht auf vom Pressesprecher gesteuerte O-Töne wartete, sondern sie mit spontanen Fragen "crashte", etwa, wenn sie aus dem Dienstwagen stiegen. So offensiv das Vorgehen war, so sehr achteten die Reporter darauf, dass ihr Vorstoß immer ein journalistischer blieb, der auf die Beantwortung einer Frage zielte. Nicht jeder der so Angesprochenen verstand es, damit umzugehen und gerade das, was dann kam, war oft überaus interessant und sendefähig.
Dieses Konzept über so viele Jahre durchzuhalten, ist keine kleine Leistung und gelang wohl auch, weil viele aus der Mannschaft der ersten Stunde auch heute noch dabei sind, u.a. mit Chefredakteur Bernd Jacobs einer der besten Reportage-Sendungsmacher, die es im deutschen Fernsehen gibt. An dieser Stelle sollte ich vielleicht hinzufügen, dass ich meine eigene Geschichte mit dem Spiegel TV Magazin habe und Ende 1996 mehr durch Zufall im Chilehaus landete und dort bis 1998 als Redakteur arbeitete. Ich erinnere mich, dass ich beeindruckt war, wie schnell und gründlich die zumeist jungen Reporter recherchierten: Mittzwanziger, die das Internet bereits als Quelle erschlossen hatten und aus dem Koffer lebten, der hinter ihrem Schreibtisch stand. Man wusste ja nie, ob man nicht in einer Stunde im Taxi säße und erst Tage später zurückkehren würde – mit einem Haufen Kassetten im Gepäck und einem Berg von Arbeit am Sichtgerät und im Schneideraum, während der Countdown zur Sendung lief.
Nach zwei Jahren hatte ich genug von den rastlosen Wochen und auch erkannt, dass Fernsehen trotz aller Vorzüge nicht mein Primärmedium als Journalist ist. Ich wechselte zurück zum Print. Viele andere hielten durch, blieben beim TV-Magazin. Und das ist gut so, wie wir am Sonntagabend beim Loveparade-Lehrstück gesehen haben.
Nachtrag, Montag 26.07.2010 um 17:35 Uhr: Das Spiegel TV-Magazin hat den Beitrag nun als Video auf der Website zur Verfügung gestellt.

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