„Eichmanns Ende“: beklemmende ARD-Doku

Das Erste bringt am Sonntag um 21.45 Uhr ein Doku-Drama, das Eichmanns letzte Jahre in Argentinien schildert. Im Zentrum stehen die Interviews zwischen dem Nazi-Täter (Herbert Knaup) und dem niederländischen SS-Mann Willem Sassen (Ulrich Tukur). Die Krimi-Rahmenhandlung schildert ein entscheidendes Detail seiner Enttarnung: die Liaison zwischen Eichmanns Sohn Nick (Johannes Klaußner) und Silvia (Henriette Confurius), der Tochter des KZ-Überlebenden Lothar Hermann (Michael Hanemann).

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Argentinien am 11. Mai 1960. Adolf Eichmann fährt in einem Bus zur Arbeit. Ein israelischer Mossad-Agent sitzt auf einem Platz hinter ihm. Kurz darauf wird Eichmann gekidnappt und nach Israel ausgeflogen. Dort wird ihm der Prozess gemacht, 1962 wird er hingerichtet.
Das ist das, was über das Ende eines der größten Kriegsverbrecher des Dritten Reichs allseits bekannt ist. Seltener hingegen wurde bislang die Tatsache beleuchtet, wie der Mossad dem Untergetauchten auf die Spur kommt. Denn es ist paradoxerweise die Tochter des jüdischen KZ-Überlebenden Lothar Hermann, die sich in Buenos Aires zufällig in Eichmanns Sohn Nick verliebt. Als Silvia ihn eines Tages mit nach Hause bringt, wird der Vater hellhörig. Lothar Hermann, dessen Eltern und Geschwister in KZs starben, ist getrieben von der Rache an den Verantwortlichen. Deshalb schickt er sie, um nachzuforschen, ob sich hinter dem Namen Ricardo Klement der deutsche Täter verbirgt. Eines Tages klingelt das Mädchen an Eichmanns Haustür und spricht ihn mit seinem richtigen Namen an.
Diese ist nur eine der Szenen, an der man erkennt, weshalb sich das gewählte Format des Doku-Dramas sehr gut eignet, um diese Geschehnisse zu bebildern. Es sind die Spielszenen, die die realen Fakten intensiver erlebbar machen. Doch nur in der Kombination mit Zeitzeugenberichten, dokumentarischem und Archivmaterial gelingt es dem Doku-Drama dicht und anschaulich zu erzählen. Dass man dabei der historischen Authentizität nicht immer hundertprozentig gerecht werden kann, ist evident.
Doch die fiktionale Nachstellung der Ereignisse dient auch dazu, die Vielfalt des Mediums zu nutzen, um die Fülle an Informationen in unterschiedlichen Bild- und Tonmaterialien zu gestalten. So werden die Aktivitäten des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (Axel Milberg) nachgespielt, der maßgeblich für die strafrechtliche Verfolgung ehemaliger Nazis verantwortlich war und geheim mit den Israelis kooperierte, weil er seinen Landsleuten, oft ehemalige Nazis, misstraute. Nicht umsonst ist die Abspann-Information, der BND habe bereits seit 1956 über Eichmanns Aufenthaltsort Bescheid gewusst, zwar schockierend, doch nicht überraschend.
Bestandteil der abwechselungsreichen Materialvielfalt sind auch die Aussagen von Zeitzeugen, die zahlreich zu Wort kommen und die Darstellung gewinnbringend erweitern. Dazu zählt beispielsweise José Moskovits, ein Mitglied der jüdischen Gemeinde in Buenos Aires, der meint, dass viele Holocaust-Überlebende Eichmann gar nicht kannten, sondern allein Mengele mit dem Morden assoziierten. Interviewt werden auch die deutschen Nachbarn des Juden Hermann im Westerwald-Dorf Quirnbach. "Man hätte sie nicht so behandeln müssen, es waren ja nun auch Menschen", resümieren sie. Und auch Saskia Sassens Einschätzung zur Arbeit ihres Vaters mit Eichmann ist ein interessantes Puzzleteil der Historie. Als Kind wurde die bekannte US-amerikanische Soziologin Zeuge des regelmäßigen Besuchers, der ihrer Mutter weniger willkommen war.
Die Banalität des Bösen / "Mich reut gar nichts"
Mit Archivmaterial wie den ikonenhaften Bildern von Leichenbergen, Vergasungsanlagen in Konzentrationslagern und deportierten Menschen in Güterwaggons wird glücklicherweise sparsam umgegangen. Diese werden nur punktuell eingebunden, um Eichmanns brutale Aussagen in zynischer Weise zu konterkarieren. Denn neben der Schilderung seiner Enttarnung, die als Rahmenhandlung dient, nimmt die Nachstellung des Interviews zwischen dem Hauptorganisator der Judendeportationen und dem SS-Mann und Journalisten Willem Sassen den größten Raum ein. Dabei werden die widerstreitenden Motivationen der Beiden gekonnt herausgearbeitet. Eichmann prahlt mit seinen Taten, erfreut sich der gleichgesinnten Zuhörer in Sassens Haus und betont, es reue ihn gar nichts. Sassen hingegen geht es vor allem darum, die Schuld der Deutschen am Juden-Mord zu leugnen und sie als Opfer einer "Weltverschwörung" zu entlasten.
Diese Dialoge zwischen Sassen und Eichmann, die den originalen Tonbandaufnahmen entnommen sind, stellen makaber ihre menschenverachtende Haltung heraus und sind so authentisch wie eindringlich. Dabei ist Herbert Knaups Spiel des biederen Bösen ebenso genial wie Tukurs Verkörperung des gewieften Interviewers, der zwischen persönlicher Befriedigung und Profit-Gier schwankt. Als zynische Fußnote ist in diesem Zusammenhang Eichmanns zwischenzeitlicher Gelderwerb in Argentinien zu sehen: ihm gehörte die Wäscherei "Edelweiß".
Insgesamt überzeugt das Doku-Drama mit Materialfülle, dichter Inszenierung und dezenten Spielszenen. Dem Regisseur Raymond Ley, der nicht nur mit der Dokufiktion "Die Nacht der großen Flut" zur Hamburger Katastrophe 1962 bewies, dass er historische Hintergründe gekonnt inszenieren kann, gelingt ein dramaturgisch schlüssiges und detailreiches Arrangement des dokumentarischen und fiktionalen Materials.
Erfreulich ist zudem, dass sich auch das israelische Fernsehen an der Koproduktion von NDR und SWR beteiligte. Mit der Programmierung am Sonntagabend nach dem Tatort erhält der Film auch einen relativ attraktiven Sendeplatz, denn man wolle dem Vorwurf entgegenwirken, man verdränge derartige Produktionen in die Randzeiten, so ARD-Programmdirektor Volker Herres bei der Hamburger Preview. Allein der Untertitel der Produktion ist etwas unpassend: auch wenn der Dreiklang "Liebe, Verrat, Tod" treffend ist, erinnert er doch zu sehr an Schmonzetten à la Rosamunde Pilcher.

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