Mordfall Brunner: die Medienkritik von Bild

Normalerweise machen deutsche Zeitungen häufiger mal die Bild-Berichterstattung zum Thema. Dieses Mal verhält es sich anders herum: In ungewöhnlich scharfer Form kritisiert das Blatt am Dienstag die Art und Weise, wie Branchenkollegen über den Mordprozess im Fall Brunner schreiben. Die Tatsache, dass etliche Medien von einer "Wende" im Gerichtsverfahren sprechen, oder das Opfer als "Kampfsportfreund" etikettieren, veranlasst Bild zur Frage: "Wird dem toten Dominik Brunner die Ehre geraubt?"

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Der Fall Brunner ist einer der spektakulärsten Kriminalfälle der jüngeren Vergangenheit. Der Geschäftsmann hatte sich im September 2009 auf dem Münchner S-Bahnhof Solln schützend vor eine Schüler-Gruppe gestellt, die zuvor von zwei Jugendlichen bedroht wurden. Brunner wurde daraufhin selbst zum Opfer der beiden Gewalttäter und starb später an seinen Verletzungen. Die Nachricht, das jemand starb, weil er anderen half, emotionalisierte schnell die ganze Republik und entfachte eine Diskussion über Zivilcourage und den Preis dafür. Die Medien nahmen das Thema auf und machten Brunner posthum zum Helden.
Seit Mitte Juli wird den Angeklagten vor dem Münchner Landgericht der Prozess gemacht. Ob es sich um Totschlag oder Mord handelt, steht noch nicht fest. Seitdem zeigen sich aus Sicht einiger Prozessbeobachter erste Risse im Bild der heldenhaften Hilfstat. Neben den zwei Angeklagten hat sich ein weiterer Zeuge gemeldet, der angab, dass Brunner als Erster zugeschlagen habe. Zudem wurde am vergangenen Wochenende die Ergebnisse des Obduktionsberichtes bekannt gegeben. Demnach litt Brunner an einer krankhaften Herzvergrößerung und starb nicht an den Folgen eines Herzversagens.
Mit der Veröffentlichung der Einzelheiten änderte sich auch die Berichterstattung über den Münchner Geschäftsmann. Bild-Redakteurin Tanit Koch fasst in ihrem Artikel "Wird dem toten Dominik Brunner die Ehre geraubt?" das Medienecho wie folgt zusammen: ‚Überraschende Wende‘ im Strafprozess, verkünden Zeitungen. ‚Die neue Wahrheit‘, schreibt die Frankfurter Rundschau. Ob man Brunner ‚nicht zu früh zum Helden gemacht hat‘, zweifelt die Rheinische Post. Die taz schreibt, Brunner sei ‚ums Leben gekommen‘ – als ginge es um einen Unfall. An anderer Stelle heißt es: ‚Der Kampfsportfreund‘ habe ‚das Prügeln versucht‘. Der Spiegel analysiert: Der ‚angeblich totgetretene Brunner‘ sei ‚über Monate in den Medien zum Helden der Zivilcourage hochstilisiert worden‘."
Die Autorin bezieht dazu Stellung: "Die Wahrheit ist: Nichts ist anders seit dem Wochenende! Nur, dass dem Opfer nun sogar im Grab die Ehre genommen werden soll." Und weiter: "Hat man, wenn man nicht topfit ist, Mitschuld am Umgebrachtwerden? Sollen die Täter deshalb milder bestraft werden? Nein! Kein Schläger hat Anspruch auf ein kerngesundes Opfer. Wer Menschen so brutal misshandelt, muss damit rechnen, sie zu töten."
Es ist ein ungewöhnlicher Diskussionsanstoß in die richtige Richtung, den die sonst in solchen Fällen nicht gerade zimperlich agierende Boulevardzeitung dort gibt. Einzig der Süddeutschen Zeitung stellt Tanit Koch ein gutes Zeugnis aus. Heribert Prantl hatte in einem Kommentar ebenfalls die "Neubewertung des Falls" kritisiert, und dazu formuliert, dass Dominik Brunner starb, weil er ein "zu großes Herz" hatte. Und das ist zweifelsohne richtig, so oder so.

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