„Eine Personalie, die nachdenklich stimmt“

Angela Merkel hat mit der Berufung von Steffen Seibert als Regierungssprecher einen "Coup" gelandet, darüber sind sich die meisten Kommentatoren sicher. Die FAS lobt ihn schon jetzt als "klugen Kommunikator" und die taz sieht mit Ironie dem "Regierungsjournal mit Steffen Seibert" entgegen. Die Welt warnt, der neue Posten könne sich für den Ex-Nachrichtenmann als "Schleudersitz" erweisen. Auch der Tagesspiegel wundert sich über den Wechsel: "Seibert geht ein Risiko ein, das dem normalen Mitarbeiter fremd ist."

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Süddeutsche.de, D. Brössler, D. Esslinger, S. Kornelius und C. Tieschky:
"Weil Seibert als eigener politischer Kopf bisher nicht auffiel und auch keine Erfahrung im politischen Beratungsgeschäft hat, gibt es Zweifel, ob Merkel ihm die gleiche Nähe ermöglichen wird wie Wilhelm. Die Kanzlerin, so heißt es in ihrer Umgebung, gewöhne sich eigentlich nicht mehr an neue Köpfe. Sie vertraut ihren engsten Ratgebern blind. Ob Seibert im Jahr sechs der Kanzlerschaft in diese Intimus-Rolle hineinwachsen kann, ist fraglich."
Faz.net, Michael Hanfeld:
"Er ist ein kluger Kommunikator, er hat Stil, er hat Rückgrat, er hat einen Standpunkt und – ganz wichtig für seine neue Arbeitgeberin – er ist populär. Er muss Angela Merkels Anwalt in der Öffentlichkeit sein – und, umgekehrt, Anwalt der Öffentlichkeit gegenüber der Bundesregierung. Die wirkt ja oft genug sprachlos."
Frankfurter Rundschau, Daniel Bouhs:
"Das ist ein Personalie, die nachdenklich stimmt. Denn es sorgte schon für Unmut, dass Merkels amtierender Sprecher Ulrich Wilhelm demnächst den Bayerischen Rundfunk leiten wird und damit aus der Politik heraus in die öffentlich-rechtliche Senderwelt wechselt. Nun scheint es so, als greife sich die Regierung aus diesem System einfach einen Ersatz ab. Es drängt sich die Vermutung auf, das alles sei ein Kreislauf, ein ewiges Geben und Nehmen. Stehen sich Politiker und Macher von ARD und ZDF also doch näher, als sie zu erkennen geben?"
Hamburger Abendblatt, Barbara Möller:
"Fernsehmoderatoren, hat Steffen Seibert vor Jahren gesagt, würden ‚grotesk‘ überschätzt: ‚Das ist der allerüberschätzteste Beruf, den es überhaupt gibt.‘ Jetzt gibt Seibert seinen Job beim ZDF auf, um Regierungssprecher in Berlin zu werden. Das wiederum, könnte man sagen, ist eine Tätigkeit, die normalerweise eher unterschätzt wird. (…) Aber im Prinzip ist es natürlich nicht schlecht, wenn ein Regierungssprecher wie ein Mann ohne Eigenschaften wirkt. Denn nicht sich selbst, sondern das Regierungshandeln soll er ja verkaufen. Verbindlich in der Form, unerschütterlich in der Entschlossenheit, nicht einen Millimeter von der jeweils zuvor im Kanzleramt verabredeten Linie abzuweichen. Ein Regierungssprecher muss sich selbst vollkommen zurücknehmen können. Gelingt ihm das nicht, ist er fehl am Platz."
Tagesspiegel, Joachim Huber:
"Steffen Seibert, vom Karrierestart an beim Mainzer Sender, ist 50, verheiratet, dreifacher Vater. Jetzt geht er nach Berlin, was wird aus ihm, wenn die Regierung Merkel plötzlich am Ende ist? Wenige nur haben die ZDF-Zentrale mit ihren Lebensarbeitsplätzen je verlassen, wenn, dann ging es in die ZDF-Dependancen national oder global. Seibert geht ein Risiko ein, das dem normalen Mitarbeiter fremd ist."
DerWesten.de, Dirk Hautkapp:
"Wie und ob dem Journalisten des öffentlich-rechtlichen Systems der Seitenwechsel gelingen kann, ist noch die Frage. Er selbst hat sich bis Amtsantritt eine Nachrichtensperre in eigener Sache verordnet und steuerte am Wochenende nur diesen einen inhaltlich etwas unterzuckerten Satz bei. „Ich nehme diese Aufgabe gerne an, weil ich überzeugt bin, dass die Bundesregierung unter Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel die richtigen Schwerpunkte setzt, um unserem Land in diesen schwierigen Jahren eine gute Zukunft zu sichern."
taz, Steffen Grimberg:
"Und jetzt das Regierungsjournal, mit Steffen Seibert. Nein, natürlich wird die Bundespressekonferenzen demnächst nicht wirklich so angetrailert – da ist noch das ZDF vor. Doch mit der Verpflichtung des beliebten ‚heute journal‘-Moderators als neuen Regierungssprecher hat Angela Merkel einen echten Coup gelandet. (…) Dass nun mit Ulrich Wilhelm ein Regierungssprecher ausscheidet, um bei der ARD als Intendant anzufangen, und an seine Stelle ausgerechnet ein ZDF-Mann nachrückt – ein absurderes Signal für fehlende Staatsferne könnte es kaum geben."
Welt Online, Daniel Friedrich Sturm:
"Begibt sich Seibert also auf einen Schleudersitz? Ein gewisses Risiko jedenfalls geht der bisherige Nachrichtenmann ein. Selbst wenn die Regierung ihre vierjährige Amtszeit voll ausschöpft, stehen ihr Konflikte bevor. Seibert muss sich zudem mit seinen zwei Stellvertretern Christoph Steegmans und Sabine Heimbach arrangieren, die in ihren Parteien (FDP und CSU) gut vernetzt sind. Und: Bei alldem dürfte Seibert wissen, dass allein eine gute, kompetente, sympathische ‚Verkaufe‘ noch nicht das Bild einer guten, kompetenten, sympathischen Regierung mit sich bringt."
Faz.net, Majid Sattar:
"Auf diesem Posten geht es der Kanzlerin nicht um Linientreue, aber durchaus um Loyalität. Das Kanzleramt folgt personalpolitisch schließlich der Devise: „Wer quatscht, der fliegt.“ Zudem weiß Angela Merkel, dass die Hauptstadtpresse nur einen Regierungssprecher respektiert, der sein journalistisches Handwerk versteht und der bei aller grundsätzlichen Sympathie für die Bundesregierung die Fähigkeit zum eigenständigen Denken und Urteilen nicht aufgibt. Diese zum Teil gegenläufigen Fähigkeiten zwischen eleganter Präsentation, diskretem Schweigen und gelegentlichem informativen Flüstern machen die Kunst des Sprechens aus. All dies ist Seibert zuzutrauen. Auch dass er Verwaltungen nicht kenne, wird man dem 50 Jahre alten Journalisten, der den Großteil seines beruflichen Lebens auf dem Mainzer Lerchenberg verbracht hat, nicht nachsagen können. Doch muss er nun als Chef des Bundespresseamtes im Range eines Staatssekretärs eine Behörde führen."

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