RTL-Saison: Verhaltener Mut zum Risiko

"Wir müssen uns natürlich verändern und den Bedürfnissen der Zuschauer anpassen", hat RTL-Chefin Anke Schäferkordt am Donnerstag beim Programmscreening ihres Senders für die kommende TV-Saison gesagt. Dabei war genau das zuletzt nicht mehr selbstverständlich: Nach einem Jahr, in dem RTL jegliche Experimente im Hauptabendprogramm gescheut hat, ist jetzt wieder etwas mehr Mut da. Das Line-Up für 2010/2011 ist eine relativ ausgewogene Mischung aus Bewährtem und neuen Ideen.

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Der Erfolg der vergangenen Monate dürfte eine wesentliche Rolle für die Aufbruchsstimmung sein: Der Marktanteil bei den 14- bis 49-jährigen Zuschauern lag für RTL im ersten Halbjahr 2010 bei sehr guten 17,8 Prozent. Dazu ist Schäferkordt sichtlich stolz, wieder vier eigenproduzierte Serien im Portfolio zu haben, die bei den Zuschauern gut angekommen sind und deshalb alle fortgesetzt werden: "Doctor’s Diary", "Countdown", "Lasko" – und der Dauerbrenner "Cobra 11". "Es ist nicht mehr nur die amerikanische Fiction, die von den Zuschauern geschätzt wird", sagte Schäferkordt in Hamburg. Ihr Ziel sei es allerdings auch, für die Primetime am Dienstag noch eine weitere – bisher noch nicht genannte – US-Serie zu etablieren: "Ich bin mehr als zuversichtlich, dass das gelingt."
Verhalten innovationsbereit – das ist wohl dir richtige Umschreibung der RTL-Strategie für die kommende Saison. Auffällig ist dabei vor allem die Bereitschaft, den (selbst aufgebauten) Senderstars neue Möglichkeiten zu geben, sich auf dem Bildschirm weiterzuentwickeln. Christian Rach soll, bevor er als "Restauranttester" zurückkehrt, in "Rachs Restaurantschule" mit einer von ihm komplett neu zusammengestellten Mannschaft aus Jobsuchenden ein neues Lokal aufbauen. Und Daniel Hartwich kriegt, nachdem er sich bei "Supertalent" und "Let’s Dance" als Co-Moderator bewährt hat, endlich seine eigene Show, die noch den Titel des englischen Originals trägt: "101 Ways To Leave A Gameshow".
"Dramatische Veränderungen" kündigt Schäferkordt derweil für die bei RTL als "Real Life" firmierenden Dokusoaps an: "Das ist das Genre, in dem wir sehr viel Bewegung sehen werden." Zuletzt habe man einen "Sättigungseffekt bei zu konfliktintensiven Real-Life-Konzepten" feststellen können, so die RTL-Chefin – wobei sich der Sender das mit seinen immer neu ins Programm gehobenen Problem-Dokusoaps selbst zuzuschreiben hat.
Schäferkordt sagt: "Wir brauchen eine neue Balance aus sozialrelevanten Themen und solchen, die eine gewisse Leichtigkeit haben." Von der Leichtigkeit ist in den angekündigten Formaten zwar noch nicht viel zu sehen, fest steht aber: Am Mittwochabend wird, wie von MEEDIA vermutet, kräftig aufgeräumt. "Super Nanny" und "Raus aus den Schulden" dürfen bleiben, aber für "Teenager außer Kontrolle" und "Die Ausreißer" ist Schluss. Neue Folgen sind nicht geplant. Fortgesetzt werden unter anderem "Christopher Posch – Ich kämpfe für Ihr Recht" und "Helena Fürst – Die Anwältin der Armen", auch der "RTL-Ferienreporter" kommt wieder. "RTL wird wieder das Sprachrohr des Bürgers", hat sich die Senderchefin vorgenommen.
Dass die Fernsehnutzung zuletzt – auch im internetaffinen jungen Publikum – gestiegen sei, führt Schäferkordt auf die Krise zurück. Weil "Humor und Leichtigkeit als willkommene Abwechslung" gewünscht würden, will RTL auch in Sachen Comedy wieder mehr wagen. Zwar wird ein großer Schwerpunkt weiterhin die Ausstrahlung zahlreicher Live-Programme sein, dazu bekommen Mario Barth und Cindy aus Marzahn mit ihren Shows neue Staffeln geschenkt. Neu dazu kommt die "Bülent Ceylan Show". Man arbeite aber auch an mehreren halbstündigen Sitcom-Piloten, sagte Schäferkordt. Das ist vor allem deshalb absurd, weil RTL das Genre erst im vergangenen Jahr selbst beerdigt und seine Sitcom-Redaktion aufgelöst hat, nachdem Erfolge beim Publikum ausgeblieben waren. Die Kehrtwende um 180 Grad kommt nun überraschend.
In jedem Fall reicht das Budget auch wieder, um eine Ladung Prominenter in den australischen Dschungel zu fliegen und "Ich bin ein Star! Holt mich hier raus" in eine weitere Staffel gehen zu lassen.
Sicher ist sich Schäferkordt vor allem mit einem: "Die großen Shows, die man mit der ganzen Familie schaut, werden in der kommenden Saison sehr erfolgreich sein." Für die ist bei RTL auch künftig vor allem Günther Jauch zuständig, der "Alt gegen Jung – Das Duell der Generationen" moderiert und mit "5 gegen Jauch", an dessen Konzept noch gearbeitet werden soll, zurückkehrt. Hape Kerkeling kriegt eine eigene Weihnachtsshow. Nur Oliver Geißen hat diesmal erstaunlich wenig zu tun und muss sich offensichtlich mit der "Ultimativen Chartshow" zufrieden geben. Dazu überraschte Schäferkordt in Hamburg mit der Ankündigung, sich langfristig vom internationalen Markt emanzipieren zu wollen und stärker auf eigene Show-Entwicklungen zu setzen. Zuletzt war eher das Gegenteil der Fall.
Eine Revolution ist es nicht, die RTL für die nächste TV-Saison plant, aber zumindest gibt es wieder Signale, Neues ausprobieren zu wollen. Im Vergleich zum Vorjahr ist das schon mal ein deutlicher Schritt nach vorn.

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