‚Die Welt-Gruppe ist klarer Innovationsführer‘

Von 2003 bis 2006 war er bereits Chefredakteur des Blattes, legte danach ein Intermezzo als Leiter der Springer-Journalistenschule ein, bevor er im Januar erneut die Welt-Herrschaft antrat: Jan-Eric Peters zählt zu den Top-Blattmachern des Berliner Medienhauses. Im letzten Jahrzehnt hat sich auch die Welt verändert. Das einst angestaubte und defizitäre Blatt schreibt heute schwarze Zahlen, ein moderner Newsroom bedient zehn Zeitungstitel der Gruppe. MEEDIA hat den 45-Jährigen interviewt.

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Zum Thema Pressefreiheit haben Sie Leser und Fachwelt mit einer weißen Welt-Titelseite überrascht. Nun folgt eine von Bloggern erstellte „Scroll-Edition“ der Welt Kompakt. Wie kam es dazu?
 
Welt Kompakt hat schon immer eine besondere Nähe zu Social Media und steht mit vielen Lesern via Facebook und Twitter im regen Austausch. So entstand auch die Idee, mal eine komplette Zeitung von Bloggern machen zu lassen und diese Ausgabe so ähnlich wie eine Endlosseite im Internet zu layouten. Bei vielen Bloggern war die Begeisterung groß, rund 20 haben schnell zugesagt.
 
Welche Rolle kam dabei den Redakteuren zu?
 
Wir haben uns so weit wie möglich zurückgehalten, schließlich sollte die Ausgabe wirklich von den Ideen und Inhalten der Blogger getragen sein, aber wir haben natürlich unterstützt, gerade beim Layout und der Produktion. Journalistenschüler haben außerdem mit den wichtigsten Nachrichten des Tages in einer Meldungsspalte geholfen.
 
Durch das Experiment beansprucht die Welt Kompakt wieder einmal eine Vorreiterrolle. Dabei wurde das Blatt als Pocket-Extension der Welt von vielen anfänglich sehr misstrauisch aufgenommen.
 
Ich erinnere mich gut daran, ich habe das Blatt ja gemeinsam mit Frank Schmiechen entwickelt. Damals zum Start vor sechs Jahren hieß es, es handele sich bloß um ein Abwehrprodukt gegen Gratiszeitungen und werde schnell wieder verschwinden. Das war natürlich Blödsinn. Unser Konzept war von Anfang an, eine neue Zeitung für junge Leute zu machen. Man könnte auch sagen: eine Zeitung für Menschen, die keine Zeitung lesen. Und natürlich aufgrund des Formats auch ein Blatt, das handlich ist und besonders gut unterwegs gelesen werden kann, eine Zeitung „to go“. Wir haben dann schnell gesehen, dass es hier tatsächlich eine Marktlücke gab.
 
Was wissen Sie über die Leser der Kompaktausgabe?
 
Die Zeitung spricht junge Frauen und Männer gleichermaßen an. Der typische Leser ist zwischen Mitte 20 und Mitte 40. Damit ist Welt Kompakt mit Abstand die jüngste Tageszeitung Deutschlands. Die Einstiegshürde ist niedriger als bei klassischen Blättern, weil die Inhalte so kompakt und dicht sind – die durchschnittliche Lesedauer ist dann aber genauso hoch wie bei traditionellen Tageszeitungen und liegt bei rund einer Dreiviertelstunde pro Ausgabe, viele lesen das Blatt Seite für Seite von Anfang bis zum Ende. Die Leser haben ein  sehr hohes Bildungsniveau und verdienen überdurchschnittlich gut.
 
Wie gewinnen Sie denn Leser, die eigentlich nicht lesen?
 
Die Inhalte der Welt Kompakt sind überwiegend identisch mit denen in der Welt, das gehört ja zum Konzept, aber die Themen sind für die jüngere Leserschaft anders gewichtet und gemischt, Tonalität und Bildauswahl sind frecher, dazu kommen viele Links zur digitalen Welt, etwa Leser-Meinungen aus Facebook und Twitter. Es gibt auch exklusive Inhalte wie eine tägliche Doppelseite Internet. Diese Blattmischung wird durch einen permanenten Austausch mit den Lesern immer wieder neu justiert. Die heutige Scroll Edition ist ja nur ein Highlight. Welt Kompakt hat Projektcharakter, wir probieren Neues aus, wollen First Mover sein. Das gilt als Prinzip für die gesamte Welt-Familie: Wir haben die Gruppe in den vergangenen Jahren zu einer Multimediamarke ausgebaut, die klarer Innovationsführer unter den Qualitätsmedien ist.
 
Im Dezember haben Sie eine kostenpflichtige iPhone-App der Welt gelauncht. Wie sieht hier die Bilanz aus?
 
Bei den Downloads erreichen die Apps von Bild und Welt zusammen schon fast die 200.000er-Marke, und bei der Welt-App für das iPad haben wir nach kürzester Zeit viele 10.000 Downloads und liegen in den Apple-Charts weit vorn. Die Angebote kommen also sehr gut an. Die App fürs iPad ist näher bei der Zeitung als bei unserem Online-Portal positioniert und bietet wie die iPhone-App auch exklusive Inhalte in zwei Ressorts: Welt-Reporter erzählt spannende Geschichten unserer Auslandskorrespondenten, und Welt-Geschichte erklärt historische Ereignisse zum Tag. Über Umsätze und Erlöse können wir noch keine Auskunft geben, dafür ist es noch viel zu früh, beim iPad sind wir ja noch in der kostenlosen Testphase.
 
Mit dem Verkaufsstart des iPads wurde auch der Iconist gelauncht, ebenfalls eine App der Welt-Gruppe. Wie sehen da die Erfahrungen aus?
 
Die ersten Zahlen sind sehr ermutigend. Wir haben eine vierstellige Zahl an Käufern, was angesichts des anspruchsvollen Preises von 4,99 Euro für ein Magazin, das noch niemand kennt, sehr positiv ist. Wir stehen auch hier noch am Anfang, aber wir werden die Linie weiterverfolgen. Für den Spätsommer ist eine neue Ausgabe geplant.
 
Wie bewerten Sie generell die Aussichten für Paid Content im Medienbereich?
 
Die Tablet-Computer bieten gerade traditionellen Verlagen eine große Chance, einen neuen Markt zu erobern. In Amerika gehören die Tablets schon zum Straßenbild, auch bei uns werden sie das Leseverhalten vieler Menschen verändern. Durch den multimedialen Content entstehen ganz eigene Erlebniswelten, die man praktischerweise auch noch mit sich herumtragen kann. Wer exklusive journalistische Inhalte bietet, wird auch Leute finden, die gern dafür bezahlen. Denn im Gegensatz zum Internet dominiert hier bei den Nutzern nicht die Kostenloskultur.
 
Sie sind zum zweiten Mal Chefredakteur der Welt und haben zwischendurch die Axel Springer Akademie geleitet. Wie wirkt sich die Arbeit mit Journalistenschülern und der Wandel der Welt vom konservativen Aboblatt zum debattenfreudigen Multi-Channel-Objekt aus?
 
Ich kenne keine Redaktion und kein redaktionelles Konzept, das so komplex und anspruchsvoll ist wie unseres. Wir machen aus einem Newsroom heraus sieben Welt-Titel, dazu kommen drei der Berliner Morgenpost. Tageszeitungen, Sonntagszeitungen, Kompakttitel, Online-Portale, Mobil-Angebote, alles dabei. Da hilft die Erfahrung aus meiner ersten Amtszeit, als ich das Newsroom-Modell einführen konnte, für das es damals kein Vorbild gab, und die vielfältige Entwicklungsarbeit in dieser Zeit. Und natürlich nutzt auch die Erfahrung aus der Akademie, an der ich mich intensiv mit neuen Medien beschäftigt habe. Mehr als 20 Journalistenschüler, die bestens crossmedial ausgebildet sind, arbeiten heute übrigens in meiner Redaktion. Als das iPad in den USA in den Verkauf kam, war einer unserer Journalistenschüler der Erste, der es kaufen konnte und ein Video darüber drehte – das brachte Welt Online mehr als 100.000 Klicks allein am ersten Tag.
 
Welche Projekte stehen als Nächstes an?

 
Wir werden unsere Qualitätsoffensive beschleunigen, weil wir überzeugt sind, dass es sich auszahlt, in Journalismus zu investieren. Die Welt am Sonntag wird beispielsweise ein neues Buch bekommen, das im Bereich modernes Leben, Gesellschaft angesiedelt ist. Schon in Kürze werden wir außerdem ein eigenes Ressort für investigative Recherche mit mindestens sechs Reportern an den Start bringen, das direkt an die Chefredaktion angebunden sein wird. Und natürlich werden wir daran arbeiten, unsere Position als Innovationsführer und unsere gute Stellung im Markt zu stärken. Die Welt-Gruppe ist ja heute schon die reichweitenstärkste Qualitätsmedienmarke und liegt deutlich vor unseren Wettbewerbern. Entscheidend ist die publizistische Schlagkraft der ganzen Gruppe, da ist alles mit allem vernetzt und befruchtet sich gegenseitig – und hat dafür gesorgt, dass wir selbst in schwierigen Zeiten wie diesen wirtschaftlich gut da stehen.
 
In einem Satz: Was ist das Zukunftskonzept für erfolgreiche Medien?
 
Im Zentrum stehen immer gute Geschichten! Wer nicht an die Kraft journalistischer Inhalte glaubt, hat schon verloren.

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