Rusbridger vs. Nienhaus: Clash der Kulturen

Eigentlich hätte er persönlich nach Köln kommen sollen. Wegen eines Board Meetings in London wurde Alan Rusbridger, Chefredakteur des "Guardian", beim Medienforum NRW dann aber doch nur zugeschaltet – und scherzte in Anspielung auf den vergangenen WM-Sonntag: "Ich versichere Ihnen, das hat nichts mit Fußball zu tun." Anschließend hielt er ein Plädoyer für neue Allianzen zwischen Journalisten und Nutzern, die durch das Web möglich seien. Damit kann sich aber nicht jeder deutsche Zeitungsverlag anfreunden.

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"Journalismus muss offen sein, mit dem Netz verbunden und wissen, was im Netz passiert", sagte Rusbridger am Dienstagmorgen beim Printgipfel zum Thema "Zeitung neu denken". Es gehe nicht darum, sich danach zu richten, was die unmittelbare Konkurrenz mache. Wichtig sei für Verlage vielmehr, sich anzusehen, welches Prinzip andere Seiten erfolgreich gemacht habe – vor was die Einbeziehung von Nutzern angeht. "Die Veröffentlichung eines Texts kann heute erst der Anfang des journalistischen Prozesses sein, und ist nicht zwangsläufig – wie früher – dessen Ende." Durch direkte Kommunikationsmöglichkeiten wie Twitter und Facebook könnten Nutzer Korrekturen, Ergänzungen oder ganz neue Sichtweisen einbringen – aus denen wiederum neue redaktionelle Inhalte entstehen.

"Wir müssen uns für Korrekturen öffnen", forderte Rusbridger. Es gehe nicht darum, die Nutzer nur auf Texte reagieren zu lassen, sondern ihnen anzubieten, auch von alleine aktiv zu werden – etwa als Theaterkritiker, wie es der "Guardian" als Ergänzung zu den Texten professioneller Kritiker anbietet. "Journalisten sind nicht die einzigen, die sich auskennen. Es gibt viele Experten unter den Bloggern." In jedem Fall sei es die falsche Entscheidung, Paid Conten "wie eine Mauer um die eigenen Inhalte herumzubauen", weil dadurch zahlreiche Nutzer verloren gingen, die sich am Transformationsprozess des Journalismus beteiligen könnten.

Und während Twitter auf den Websites deutscher Zeitungen vor allem als Gegenstand der Berichterstattung vorkommt, insbesondere wenn Politiker Wahlergebnisse aus dem Bundestag vorab verbreiten, nutzen die britischen Kollegen das Medium systematisch als Recherchewerkzeug.

Mit der Wirklichkeit in deutschen Zeitungsverlagen haben Rusbridgers Erkenntnisse ohnehin wenig zu tun. Es ist nicht mal ganz klar, ob Christian Nienhaus, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, überhaupt verstanden hat, was der britische Kollege gestern für das Publikum des Medienforums ausführte.

Nienhaus Rede zuvor bestand jedenfalls aus dem üblichen Gezeter der Verleger, die sich von allen Seiten benachteiligt sehen und nach dem Gesetzgeber rufen, um ihre Rechte besser schützen zu lassen – vor Google, gegen ARD und ZDF und in Abgrenzung zu den Bloggern, von denen viele "interessengeleitet" seien, wie Nienhaus sagte; im Gegensatz zu den "ordentlich recherchierenden" Journalisten der WAZ-Gruppe. Man muss davon ausgehen, dass Nienhaus ernsthaft glaubt, was er da sagt – es ist nur der falsche Kampf, den er damit ausfechten will. "Wir sollten weniger Zeit damit verbringen, die öffentlich-rechtlichen Sender und Google zu bekämpfen, sondern uns selbst darum kümmern, wie sich mit Journalismus Geld im Netz verdienen lässt", plädierte in der anschließenden Diskussion Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online.

Blau gehört zu der – noch – überschaubaren Gruppe deutscher Chefredakteure, die Rusbridgers Ideen am nahsten kommen: Print könne dann erfolgreich sein, wenn es nicht als Gegenkonzept zu Online gemacht werde. "Wir müssen uns von der journalistischen Kultur des Internet leiten lassen. Es gibt fast immer einen Leser, der zu einem Thema mehr weiß als die Redaktion. Und es muss unser Ziel sein, diesen Leser am journalistischen Prozess zu beteiligen."

Christian Lindner, Chefredakteur der Social-Media-erprobten "Rhein Zeitung", erklärte, seine Redakteure seien bei Twitter und Wer-kennt-wen.de unterwegs, und zwar ohne dass das aus der Chefredeaktion angeordnet sei: "Unsere Zielgruppe ist dort nicht die klassische Leserschaft – die haben wir ja schon. Wir wollen die erreichen, die bisher nichts mit uns zu tun hatten und an die man über das Web 2.0 schnell heran kommt."

WAZ-Mann Nienhaus kann damit offensichtlich wenig anfangen. Sein Vorschlag, um sich für die Zukunft zu rüsten, lautet: Nutzern über Premium-Mitgliedschaften besondere Inhalte anzubieten (welche sagt er nicht) und als Berater werbungtreibender Unternehmen zu agieren: "Als Regionalzeitungsverleger können wir dem Mittelstand ein guter Partner sein" – zum Beispiel bei der Pflege von Websites für Handwerksbetriebe. Mit Journalismus hat das zwar nichts mehr zu tun, aber Nienhaus ist überzeugt: "Wir haben ein Problem mit dem Geschäftsmodell – und nicht mit dem Journalismus im Netz." Dass sich das Geschäftsmodell womöglich entwickelt, wenn auch der Journalismus – das Hauptprodukt der Verlage – bereit ist, sich anzupassen, scheint bei der WAZ nicht vorstellbar zu sein.

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