Die seltsame Crosspromo des „heute journal“

Es war das wohl seltsamste "heute journal" des Jahres: In der Halbzeitpause des Deutschland-Spiels überraschte die seriöse News-Sendung erst mit einer populistischen Aufmacher-Story über Public Viewing, dann wurde ausgiebig der neue Spiegel-Titel gezeigt und zu guter Letzt machte Marietta Slomka noch kräftig Eigenwerbung für ihre neue Afrika-Doku. Produzent ihres Zweiteilers: Spiegel TV. Dem nicht genug: Einen Tag später bringt Spiegel Online auch noch ein Slomka-Interview zum Reise-Film.

Anzeige

Die gesamte "heute journal"-Sendung hatte von der ersten Minute an eine seltsame Anmutung. Marietta Slomka war für eine Nachrichten-Sendung geradezu überschwänglich gut gelaunt, was sicherlich am berauschenden Offensiv-Fußball der National-Kicker lag. Passend zur ersten Halbzeit, jedoch reichlich unpassend für das wichtigste Info-Format des zweiten deutschen Fernsehens, war der Hauptaufmacher der Sendung: eine Interview-Schalte zum Public Viewing nach Berlin.

Das "heute journal" lässt sich in der ZDF-
Mediathek noch ansehen

Hätten die "Tagesthemen" dies als erste Meldung gemacht, hätte ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke wohl mehrere Blogeinträge zur Rechtfertigung verfassen müssen. Seit Wochen tobt im "Tagesschau"-Blog die Diskussion, ob man über die Verletzung von Michael Ballack, die Verhaftung von Jörg Kachelmann oder den Grand Prix-Gewinn von Lena Meyer-Landrut berichten darf.

Aber zurück zum "heute journal". Nach der Top-Story kam das erste große Politik-Stück über die kritische Lage der Koalition. Zum Einstieg in den Bericht schwenkte die Kamera den aktuellen Spiegel-Titel ("Aufhören") detailliert ab. Danach waren noch kurz Ausschnitte der Welt am Sonntag und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu sehen. Doch im Vergleich zu den Zeitungen war vom Hamburger Magazin der Name lange im Bild und gut zu lesen. Es folgte der Nachrichtenblock und dann gleich das nächste ungewöhnliche Stück.

Denn: Die Moderatorin macht über fast zwei Minuten PR in eigener Sache. Sie stellte ihre neue Dokumentation "Afrikas Schätze", die am heutigen Dienstag und Donnerstag jeweils um 23.15 Uhr läuft, vor. Produziert wurde der Zweiteiler von Spiegel TV. Trotz der vorangegangenen Spiegel-Promo sahen die Mainzer aber keine Veranlassung, auf die Spiegel-Slomka-Connection hinzuweisen.

Warum auch? Beim ZDF stoßen die Kritikpunkte auf Unverständnis. Zu der Frage nach der rund zwei Minuten dauernden Eigen-Promo antwortete eine Sendersprecherin gegenüber MEEDIA: "Es ist üblich und erwünscht, dass das ‚heute-journal‘ eine Übergabe an folgende Sendungen macht." In diesem Fall wäre die folgende Sendung die zweite Halbzeit des Länderspiels gewesen. Der beworbene Film sollte erst zwei Tage später ausgestrahlt werden. Zudem war die "Übergabe" kein kleiner Hinweis, sondern einer von drei längeren Berichten.

Diese Nachrichten-Sendung ist ein gutes Beispiel für die immer beliebtere Eigenart, dass Medien immer öfter gegenseitig über sich berichten und so geschickt Werbung für den anderen machen. Es entsteht eine neue Verwertungs- und Werbe-Kette. Bei den privaten TV-Gruppen nimmt man eine Crosspromotion über die einzelnen Sender hinweg noch hin. Wenn allerdings das öffentlich-rechtliche ZDF in seinem wichtigsten Nachrichtenformat just in der Sendung das aktuelle Spiegel-Cover zeigt, in der auch noch eine Doku beworben wird, die vom Hamburger Medienhaus produziert wurde, kann man dem Ganzen ein gewisses Geschmäckle kaum absprechen.

Einen Tag später würzte Spiegel Online die Werbe-Suppe noch mit einem eigenen Geschmacksverstärker. Das Web-Portal der Spiegel-Gruppe brachte ein Interview mit der Moderatorin über ihre Afrika-Reise. Das Gespräch wurde sogar groß auf der Startseite angeteasert. Immerhin: Bereits im Vorspann stand, dass es sich bei dem Zweiteiler um eine Spiegel TV-Produktion handelt.

Streng genommen haben die Hamburger sich korrekt verhalten. Auch dem ZDF kann man juristisch keine Vorwürfe machen. Trotzdem bleibt das verkürzte Halbzeitpausen-"heute journal" ein Negativ-Beispiel, wie sich selbst in scheinbar seriösen Nachrichtensendungen unterschiedliche Promotion-Interessen vermischen können. Mit seinen 24,5 Millionen Zuschauern hätten der Spiegel und die Slomka-Doku keine reichweitenstärkere Werbesendung finden können.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige