Ein Nicht-Gespräch bei den „Tagesthemen“

Tom Buhrow befragte diese Woche den Chef des ARD-Hauptstadtstudios, Ulrich Deppendorf, bei den Tagesthemen zum Köhler-Rücktritt. Der wusste zwar nichts, redete aber viel. ViSdP hat das Nicht-Gespräch protokolliert. Stefan Raab badet im Lena-Triumph und wird dabei mehr zu Ralph Siegel als ihm lieb sein kann, der Guardian begeistert mit seiner zurückhaltenden iPad-App und die Zeit rudert nach Protesten und Gerichts-Verfügung in Sachen Knebel-Verträge für Freie zurück. Warum nicht gleich so?

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Man kann ja nicht rund um die Uhr fernsehgucken, weil man dann ziemlich matschig in der Birne wird. Allerdings entgehen einem bei ein paar Tagen TV-Abstinenz auch lustige Kabinett-Stückchen wie ein Dialog zwischen "Tagesthemen"-Moderator Tom Buhrow und dem Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, Ulrich Deppendorf am vergangenen Dienstag. Dankenswerterweise haben die Kollegen vom PDF-Magazin ViSdP zugeschaut und das Nicht-Gespräch protokolliert. Buhrow befragte Deppendorf zur Lage nach dem überraschenden Rücktritt von Horst Köhler als Bundespräsident. Das Problem: Deppendorf wusste offenbar nichts, redet aber trotzdem viel. Dabei heraus kamen Sätze wie: "Also, ich meine, hier ist in den letzten Tagen alles möglich, vielleicht dringt morgen hier irgendwie etwas nach draußen, aber ich bin noch nicht so sicher, ob es morgen hier eine offizielle… einen offiziellen Auftritt meinetwegen gibt vor der Bundespressekonferenz." Oder auf die Nachfrage Buhrows, ob es möglicherweise einen Gegenkandidaten der Opposition geben wird: "Gut, das werden die bekannt geben, äh, wenn es dann soweit ist." Am Ende bedankte sich Buhrow ironisch für "diese brandheißen Informationen aus Berlin."

Stefan Raab und seine Lena haben es geschafft. Eigentlich eine tolle Sache. Schade nur, dass Raab den Spruch, er sei der neue Ralph Siegel so schnell in die Tat umzusetzen gedenkt. Und zwar nicht im positiven Sinne. Schlager-Opa Ralph Siegel steht für die größten deutschen Erfolge beim Grandprix und bis zu Raabs Triumph mit Lena war Siegel der einzige, der einen deutschen Titel zum Sieg gebracht hat (Nicole mit "Ein bisschen Frieden"). Aber Siegel stand später auch für Borniertheit und Qualitäts-Verfall in Sachen Song Contest. Die Titel wurden immer schlechter, die Platzierungen immer mieser. Stefan Raab hat den berühmten frischen Wind reingebracht mit Guildo Horn, Max Mutzke, sich selbst und natürlich Lena. Jetzt hat Lena gewonnen aber Raab hat triumphiert. Und im Augenblick des Triumphs verkündet, dass er sein Geschöpf Lena beim nächsten Mal einfach wieder ins Rennen schicken will. Da schwingt einiges an Hybris mit und mehr von der üblen Ralph-Siegel-Haftigkeit als Raab eigentlich lieb und der Sache dienlich sein kann.

Seit einer Woche ist das neue iPad in Gebrauch und eine kleine App ist vielleicht eine besondere Erwähnung wert. Der britische Guardian hat sich entschlossen, eine reine Foto-App für das iPad anzubieten. Die App Guardian Eyewitness (gibt’s auch im Web) zeigt einfach nur großartige Pressefotos zu aktuellen Ereignissen. So eine Art "Bilder der Woche", wie man sie aus dem Stern kennt, fürs iPad. Das Angenehme an dieser App ist, dass sie soviel weglässt. Es gibt keine Artikel, nur die Fotos und eine kleine Bild-Unterschrift, die man ausblenden kann und die den Zusammenhang der Aufnahme erklärt. Außerdem gibt es zu jedem Bild einen "Pro-Tipp". Der erklärt, ebenfalls sehr knapp, welche fotografisch-technischen Besonderheiten es bei der jeweiligen Aufnahme gibt. Sich durch die fantastischen Bilder zu hangeln und nebenbei noch eine Menge übers Fotografieren zu lernen, das ist wirklich toll gemacht.

Das Hamburger Landgericht hat eine Einstweilige Verfügung gegen die neuen Rahmenverträge für Autoren der Zeit erlassen. Der Zeit Verlag wollte seine freien Autoren mit einer Art Knebel-Vertrag dazu bringen, sämtliche Rechte, auch für vergangene Beiträge, abzugeben. Das sorgte für einen Sturm der Entrüstung. Mitglieder des Verbandes freischreiber protestierten bei der Zeit. Schon vor der Gerichts-Verfügung hatte Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo auf die Proteste reagiert und signalisiert, dass die Verträge überarbeitet werden. Zuvor waren Freie bereits gegen ähnliche Vertragsentwürfe der Bauer Media Group und der Axel Springer AG juristisch vorgegangen. Dass die Knebelverträge von Gerichten kassiert werden und der Zeit-Chefredakteur auf die Proteste seiner freien Autoren hört ist gut und schön. Man fragt sich aber schon, warum solche Entwürfe überhaupt versendet werden. Warum sucht ein renommierter Verlag wie der Zeit Verlag, der mit Recht viel auf die Qualität seiner Autoren hält, nicht vorher den Dialog mit seinen Mitarbeitern? Ähnliches gilt für Springer, ein Haus, das sich bei jeder Gelegenheit seiner Wirtschaftskraft rühmt und betont wie wichtig Qualität im Journalismus ist. Wenn die stets so hochgelobten Journalisten und Autoren elementare Rechte erst mit lautstarken Protesten und Gerichten erzwingen müssen, was wirft das für ein Licht auf die Binnen-Kultur in den Medienhäusern?

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