Musikportal Simfy.de im Praxistest

Seit den frühen Napster-Tagen ist klar: Internet und Musik passen super zusammen. Allerdings scheiterten bislang fast alle Projekte, die ihre Nutzer mit guter und neuer Musik versorgen wollen, an der GEMA oder dem Veto der Plattenfirmen. Diese Hürde hat das Kölner Start-up Simfy genommen. Anfang Mai öffnete sich die Streaming-Plattform einem breiten Publikum, seit gestern ist ein spezieller Desktop-Client online und seit heute läuft die erste große TV-Kampagne an. MEEDIA hat den Dienst einem Praxistest unterzogen.

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Es braucht keine zwei Minuten, um bei Simfy etwas auf die Ohren zu bekommen. Wie bei allen gängigen Web 2.0-Portalen findet man sich auf der aufgeräumten und schicken Homepage intuitiv zurecht. Bereits auf der Startseite empehlen die Betreiber die aktuellen Hit-Alben von Lena Meyer-Landrut, Jack Johnson oder den Fantastischen Vier. Die Suchmaske am rechten oberen Rand der Webseite erlaubt zum Glück aber auch ein privates Eintauchen in den gesamten Katalog von Simfy. Bei immerhin 6,2 Millionen Songs, die das Startup nach eigenen Angaben bereits lizensiert hat, sollte für jeden ein Geschmackstreffer dabei sein. "Simfy ist immer und überall verfügbar, legal und dabei sehr günstig.", erklärt CEO Christoph Lange in einer Unternehmensmitteilung. "Das haben wir durch Vereinbarungen mit allen Majorlabels, wichtigen Aggregatoren für Indepententlabels sowie der GEMA erreicht." Und das ist in der Tat schon eine ganze Menge. Ähnliche Angebote, wie zum Beispiel das schwedische Spotify sind in Deutschland bislang noch immer an den rigiden Vorstellungen der GEMA gescheitert.
Simfy gehört zur Musik Networx-Markenfamilie. Als Gesellschafter an Music Networx sind unter anderem DuMont Venture, Earlybird und Klaus Wecken (Jedox AG) beteiligt. Bei dem jetzt gelaunchten Angebot handelt es sich um einen Streamingdienst, über den man einzelne Lieder und ganze Alben hören kann, ohne sie lokal auf der eigenen Festplatte speichern zu dürfen. Jeder Nutzer ist der Programmdirektor seines eigenen Radiosenders, in dem es weder haptische Tonträger, noch auf Rechnern gehortete Musikarchive als Eigentumstitel gibt.
Das Angebot von Simfy steht auf zwei Arten zur Verfügung: Erstens, in einer kostenlosen, jedoch werbefinanzierten Version, bei der noch nicht einmal eine Anmeldung nötig ist, um die Musik hören zu können. Mit einer Anmeldung erhält man zudem ein hübsch aufgemachtes Social-Media-Profil, auf dem man z.B. seine Hörgewohnheiten analysieren und Freunde hinzufügen kann.
Die zweite Nutzungvariante ist ein Abo-Modell. Gegen eine monatliche Gebühr von 9,99 Euro (6,99 Euro für Schüler und Studenten) kann auf den Simfy-Katalog ohne lästige Werbeunterbrechungen zugegriffen werden – und dies nicht nur über den Browser: Simfy lässt sich unterwegs über iPhone- und Android-Apps ansteuern, die selbst ohne eine bestehende Internetverbindung funktionieren sollen. Mit der gestrigen Veröffentlichung eines Desktop-Programms, das ähnlich wie iTunes das Abspielen und Sortieren der verfügbaren Musik erlaubt, wurde das Angebot komplettiert.
In einem mehrwöchigen Meedia-Praxistest hat sich der Dienst größtenteils bewährt. Ohne Murren und Stottern wusste das Angebt mich via Laptop pausenlos mit guter Musik zu unterhalten. Mit dem Handy sah das schon ein wenig anders aus: ohne Wifi-Verbindung hat die sehr gut gestaltete App auf dem iPhone gestreikt und selbst mit Wifi-Empfang hin und wieder Fehlermeldungen ausgegeben. Aber das ist nicht der eigentliche Grund, weshalb ich meinen zweiwöchigen Premiumaccount auf Probe nicht verlängern werde.
Gewiss ist Simfy ein tolles Angebot, um ausgiebig in Musik rein zu hören, sie zu entdecken, sich dafür zu begeistern. Statt bei Saturn am Ende der Regale oder am Tresen eines verstaubten kleinen Plattenladens speckige Kopfhörer überzustreifen und im Stehen Kaufentscheidungen zu treffen oder zu verwerfen, muss man dank Simfy für die akustische Probefahrt heute nicht mehr das Haus verlassen. Selbst der iTunes- oder der Amazon-MP3-Shop bietet keinen solchen Komfort. Dort stehen lediglich kurze Snippets der einzelnen Stücke bereit.
Ein weiteres Plus ist der Umstand, dass der Simfy-Katalog ganze Alben enthält. So bekommen Musikenthusiasten wieder das Erlebnis von zusammenhängenden Longplayern zurück, dessen Verlust von Kritikern mit der Etablierung der MP3-Downloadkultur beklagt wurde. Albumhörer profitieren überdies durch die bei Simfy eingestellten Singleauskopplungen, inklusive des oftmals seltenen B-Seiten-Materials.
Ein Ersatz für Tonträger oder lokal gehortete MP3s ist das Angebot aber nicht: wer Musik wirklich liebt, der will die Garantie, immer auf sie zugreifen zu können. Trotz eines professionellen und soliden Auftritts der Kölner Firma ist fraglich, wie groß die Halbwertzeit von solchen Geschäftsmodellen tatsächlich ist. Die nächste Wirtschaftskrise (oder die Vertiefung der jetzigen), ein Personalwechsel in der Lizenzabteilung der Majorlabels, und schon sind die eigenen Favoriten aus dem Katalog gestrichen. Das schnelle Ende von Roccatune ist hier ein warnendes Beispiel.
An einem gekauften und gut gehüteten Album im Schrank oder auf der Festplatte wird man aber auch in zehn Jahren noch seine Freude haben. Das lässt sich ohne jedes prognostische Talent behaupten. Gleichwohl soll dies nicht als Plädoyer für Eigentum an Tonträgern und -dateien missverstanden werden. Solange aber eine europäische oder weltweite Kulturflatrate noch eine versponnene Idee ist, erscheint mir die Premiummitgliedschaft in einem eher kleinen privatwirtschaftlichen Streaming-Portal als reichlich wackelige Investition für einen dauerhaften Musikgenuss.
Wie sich Simfy weiterentwickeln wird, bleibt abzuwarten. Das Zerren um die Lizensierung vieler Musikstücke ist die eine, von den Kölnern bislang mit Bravour genommene Hürde. Der Alltagsbetrieb dürfte sich aber als die noch größere Herausforderung für das Start-up herausstellen. Simfy muss dem Takt der Musikindustrie Schritt halten, um sich etablieren zu können. Popkultur lebt von Geschwindigkeit, vom Reiz des Neuen, vom Hype. Plattenfirmen neigen aber dazu, genau deshalb auf ihren Neuveröffentlichungen zu sitzen, wie die Henne auf dem Ei. Wenn Simfy das im Januar erschienene Platz-1-Chart-Album der Band Tocotronic mit dem Titel "Schall & Wahn" (Universal) auch vier Monate nach der Veröffentlichung noch nicht im Programm führt, dann ist das ein Indiz dafür, wie Labels mit derartigen Internetangeboten umgehen können und werden. Sollten aktuelle Platten (abgesehen von den Mainstreamscheiben für die prestigeträchtige Simfy-Startseite) erst mit einer zeitlichen Verzögerung ihren Weg auf das Portal finden, fördert das aus Sicht der Musikindustrie vielleicht die Verkäufe. Die Attraktivität legaler Streamingangebote muss hier aber ein weiteres Mal Federn lassen.

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