Foxconn: das BP der High Tech-Branche

Was haben wir in den letzten Wochen nicht über BP gestaunt, gejammert und geflucht. Immerhin hat uns der Ölkonzern die größte Umweltkatastrophe der Neuzeit beschert. Doch seit einigen Wochen beschäftigt ein anderer Konzern die Technikwelt: Foxconn. Der weltgrößte Elektronikhersteller kämpft mit einer Selbstmordserie. Die beiden Multis haben mehr gemeinsam als man denkt. Von beiden sind wir weiterhin abhängig, bei beiden nehmen wir das Desaster in Kauf.

Anzeige

Was haben wir in den letzten Wochen nicht über BP geflucht, gejammert und angeprangert. Zurecht. Immerhin hat uns der Ölkonzern die größte Umweltkatastrophe der Neuzeit beschert. Ebenfalls seit einigen Wochen beschäftigt mit der weltgrößte Elektronikzulieferer Foxconn. Ein Konzern mit weltweit über 800.000 Mitarbeitern, der alles versucht, eine mysteriöse Selbstmordserie und den dadurch entstandenen Imageschaden in den Griff zu bekommen. Auf den zweiten Blick eint die beiden Multis vor allem eines: Wir sind hoffnungslos auf sie angewiesen.

Foxconn ist in meinen Augen das BP der Technikbranche. Genau wie der Öl-Multi ist das Unternehmen ein absoluter Gigant auf seinem Gebiet, war sich der Konsequenzen seines Handelns nicht bewusst, steht vor dem größten Desaster seiner bisherigen Existenz und: Trotzdem haben wir uns im Alltag vollkommen von ihm abhängig gemacht. Wir wollen weiterhin Autos fahren und weiterhin "halbwegs" preiswerte Technik in unseren Wohnzimmern stehen haben. Die Versuche beider Unternehmen, die Katastrophe abzuwenden, sind fehlgeschlagen. Seit meinem letzten Blogeintrag zum Thema sind weitere zwei Foxconn-Mitarbeiter gestorben. Der eine brachte sich um, der andere starb vor Erschöpfung nach einer 34-Stunden-Schicht.

Zur Erinnerung: Elf Beschäftigte haben sich allein in den vergangenen drei Monaten in den Tod gestürzt. Alle Selbstmörder sind jung und arbeiten erst seit wenigen Monaten für das Unternehmen. In weiteren 30 Fällen seien Mitarbeiter gerade noch davon abgehalten worden, sich umzubringen, teilte das Unternehmen am Wochenende mit. In erster Linie geht es um menschliche Schicksale, aber vor allem auch um den Ruf des größten Unternehmens der Welt – gemessen an der Anzahl der Mitarbeiter. Rund 420.000 Mitarbeiter beschäftigt der Hardwareriese allein im Industriekomplex in der Küstenstadt Shenzen.

Mitarbeiter sollen vertraglich versichern: "Ich bringe mich nicht um"
In der Zwischenzeit unternahm das Unternehmen erst einmal alles, um den Imageschaden einzudämmen. Man stellte hundert psychologische Berater ein und errichtete Telefonhotlines. Damit nicht genug: Mönche sollten auf dem Betriebsgelände böse Geister vertreiben. Wer einen suizidgefährdeten Kollegen meldet, erhielt sogar umgerechnet 60 Euro Belohnung. Der Medienrummel brach nicht ab und die Stimmung auf dem Foxconn-Campus schien sich nur weiter anzuheizen. Der Gadget-Blog Gizmodo Gizmodo veröffentlichte vor zwei Wochen ein Video, das heimlich auf dem Fabrikgelände aufgenommen wurde. Der kurze Videoclip zeigt, wie Sicherheitsbeamte sehr rabiat gegen Angestellte vorgingen. Mitunter sogar durch den Einsatz von Gummiknüppeln. Was der Grund für die Rauferei war, ist unklar. Die Fotos, die die Southern Weekly jüngst veröffentlichte, zeigten jedoch, dass Prügeleien unter der Belegschaft anscheinend keine Seltenheit sind.

Genau wie BP ergriff das Foxconn-Management rabiatere Maßnahmen: "Wir betreiben auf jeden Fall keinen Sweatshop", soll Foxconn-Gründer Terry Gou Journalisten gesagt haben, als er das Werk für die Presse öffnete. Um die Negativpresse in den Griff zu bekommen, flog er mit seinem Privatjet nach Shenzen und zeigte Journalisten, wie menschenfreundlich Foxconn eigentlich ist. Doch weltweit arbeitet sogar eine knappe Million Menschen für ihn. Die Stimmung bei der Arbeit sei "eng und erdrückend", berichtet die Hongkonger South China Morning Post über seine Fabriken. Sechstagewochen mit zwölfstündigen Arbeitstagen seien der normale Arbeitsrhythmus und die Angestellten dürften nicht miteinander sprechen. Dafür gebe es dann 2000 Yuan im Monat, was 238 Euro entspricht.

Damit nicht genug. Genau wie Barrieren das Öl aufhalten sollten, wurden Netze um die höchsten Gebäude des Komplex gespannt, um Selbstmörder beim Sturz aufzufangen. Und selbst das war noch nicht alles. Schlussendlich mussten die Mitarbeiter einen Vertrag unterschreiben. Die Bedingung: "Ich bringe mich nicht um." Mit ihrer Unterschrift erlauben die Beschäftigten auch, dass sie das Unternehmen in eine psychiatrische Klinik einliefert, falls "ich in einer unnormalen geistigen oder körperlichen Verfassung bin, um damit mich selbst und andere zu schützen".

Das alles scheint nichts zu nützen, wenn die Arbeiter nun vor Erschöpfung sterben. Das jüngste Opfer war erst 28 Jahre alt und seit drei Monaten verheiratet. Der junge Chinese litt an Kurzatmigkeit. Nach einer vierunddreißigstündigen Schicht soll er in seinem Haus vor Erschöpfung gestorben sein.

Ein "Fair Work"-Stempel für Gadgets?
Dennoch wird sich kaum etwas ändern an den Arbeitsbedingungen im chinesischen Industriestädtchen Shenzen. Nicht umsonst lassen alle Technikriesen Ihre Produkte in China zusammenschrauben. Nicht umsonst produziert Foxconn für Intel Motherboards, Notebooks für Hewlett-Packard und Dell, die Playstation für Sony, die Wii für Nintendo, die Xbox für Microsoft, den Kindle für Amazon und die versammelte iFamilie für Apple. Niedrige Gehälter und lange Schichten sorgen für verschwindend geringe Lohnkosten. Und ohne diese geringen Lohnkosten würde keine Kalkulation für eine Playstation oder das neue iPad aufgehen. Vielmehr kann man davon ausgehen, dass die Hersteller die Mehrkosten gleich an die Kunden weitergeben würden und unsere heißgeliebte Konsolen, Notebooks und iPhones künftig um erheblich würden. Die Auswirkungen wären enorm, kann man doch davon ausgehen, dass jeder halbwegs technisierte Haushalt ein Gerät aus der Selbstmordfabrik beherbergt.

Auf die Spitze getrieben könnte man behaupten: Wir alle sind Foxconn. Wir nehmen in Kauf, dass die Produktion eines Gadgets kaum noch ohne (im westlichen Verständnis) unmenschliche Arbeitsbedinungen herstellbar sind. Wer würde schon ein teureren MP3-Player bevorzugen, nur weil er einen Stempel à la "Fair Work" trägt? Und welcher Macianer würde seine Lieblingsfirma boykottieren, nur weil sie mit Foxconn zusammenarbeitet? Die technikverrückte westliche Welt hat sich längst abhängig gemacht. Genau wie Benzin soll Technik für jeden und vor allem für jeden günstig verfügbar sein.

Dass nun Apple, Dell und Nintendo Untersuchungen ankündigen ist zwar sinnvolle PR, aber allenfalls Heuchelei. Diese Unternehmen brauchen Foxconn und seine billigen Arbeitsbienen in Zukunft mehr denn je, um konkurrenzfähige Preise zu machen. In einer letzten verzweifelten "Top Kill"-Aktion erhöhte Foxconn-Boss Gou jetzt ruckartig die Löhne seiner knapp 400.000 chinesischen Mitarbeiter um ganze 30 Prozent. Analysten zufolge könnten die Lohnkosten dadurch im Quartal um umgerechnet rund 68 Millionen Euro steigen. Bei knapp 420.000 Mitarbeitern in der Fabrik entspricht das einem monatlichen Mehrverdienst von knapp 54 Euro pro Mitarbeiter. Die Angestellten kommen damit auf ein Monatsgehalt von etwa 325 Euro kommen.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige