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Die Medienschelte für „Null-Bock-Horst“

"Flucht aus dem Amt", "Flucht vor Verantwortung", "Null-Bock-Horst", "dünnhäutig". Selten sind deutsche Zeitungen so einig in der Bewertung eines Sachverhalts wie bei dem überraschenden Rücktritt Horst Köhlers vom Amt des Bundespräsidenten. Von liberalen bis konservativen Blättern wird Köhlers Schritt scharf kritisiert. Im Rückblick, so heißt es einhellig, sei er als Bundespräsident überfordert gewesen. Auch CDU/CSU und FDP, die ihn zweimal ins Amt gebracht haben, bekommen ihr Fett weg.

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FAZ-Herausgeber Berthold Kohler ist einer der wenigen deutschen Top-Journalisten, die fast noch zurückhaltend kommentieren. "Eine Präsidentschaft ohne Höhepunkte endet mit einem Donnerschlag", schreibt er im Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Noch nie habe ein Bundespräsident hingeworfen, weil er dafür kritisiert wurde, "im Kern Richtiges missverständlich ausgedrückt zu haben". Der Schritt Köhlers zeige, "wie voll das Fass und wie tief verwundet der Präsident schon gewesen sein muss." Köhler, so folgert der FAZ-Herausgeber sei durch einen Rücktritt endgültig zur tragischen Figur geworden.

Deutlich härtere Worte schlägt Kurt Kister in der Süddeutschen Zeitung an. "Es hat wohl noch nie jemand dem Amt des Bundespräsidenten so großen Schaden zugefügt, wie es Horst Köhler an diesem Montag getan hat", schreibt er in seinem Leitartikel. Köhler habe schlicht hingeworfen, weil er beleidigt sei. Kister: "Köhler, angeblich ein Mann mit festem konservativen Wertekanon und ausgeprägtem Pflichtgefühl, wirkt im Moment wie ein Sponti: der Null-Bock-Horst." Die Kritik an seinen Äußerungen hätte Köhler aushalten müssen, argumentiert Kister und zieht Vergleiche zu anderen Politikern: "Helmut Schmidt und Helmut Kohl wurden, auch aus ihren eigenen Parteien heraus, Kriegstreiber genannt; Joschka Fischer wurde wegen seiner Haltung zum Kosovo-Krieg tätlich angegriffen. Bundespräsident Gustav Heinemann, ein Pazifist, stand im verbalen Feuer etlicher Konservativer; Bundespräsident Karl Carstens wurde nicht nur von der damaligen Friedensbewegung beschimpft, weil er durch die Unterzeichnung einschlägiger Gesetze als ‚Komplize‘ der Rüstungspolitik von Reagan und Kohl gesehen wurde." Köhler sei überfordert gewesen, er habe ebenso überraschend hingeworfen, wie er 2004 überraschend aus dem Hut gezaubert worden sei, schreibt Kister und empfiehlt Wolfgang Schäuble als Nachfolger.

Auch die Bild, die Bei Köhlers erster Wahl noch fragte "Horst wer?" und später zum glühenden Fan-Blatt von "Super-Horst" mutierte, liest dem abgängigen "Bürger-Präsidenten" die Leviten. Jörg Quoos schreibt in seinem Kommentar: "Das war kein Rücktritt. Da hat einer beleidigt die Brocken hingeschmissen." Der Präsident sei zu dünnhäutig geworden, seine Stimme sei zu oft ungehört verhallt, er habe kein Thema für seine zweite Amtszeit gehabt. Horst Köhler muss fast froh sein, dass Bild-Briefeschreiber Franz-Josef Wagner gerade Pause macht, sonst hätte der dem Köhler-Bashing formulierungstechnischer sicher noch die Krone aufgesetzt.

Auch in der Welt lässt Thomas Schmid kein gutes Haar an Köhler und attestiert ihm einen "zuweilen unebenen Charakter". Es sind schwere Geschütze, die die hiesigen Leitartikler gegen den flüchtigen Präsidenten auffahren. "Kopflos" sei der Rücktritt des "ehemaligen Sherpas" Köhler gewesen, schreibt Schmid. Das mit dem Sherpa war wohl ein Insider. Der Welt-Herausgeber brät aber auch den Köhler-Machern Angela Merkel und Guido Westerwelle eins über: "Sie waren es, die Horst Köhler ausguckten; sie waren es, die seine Wahl zum Bundespräsidenten missbrauchten, um damit Tagespolitik zu machen. Es waren die Zeiten, als die CDU-Vorsitzende und der FDP-Vorsitzende noch der Meinung waren, sie zögen an einem Strang, dem wirtschaftsliberalen." Für Schmid war die taktische Wahl Köhlers im Rückblick gar die "Ursünde".

Im Berliner Tagesspiegel holt Chefredakteur Stephan Andreas Casdorff gegen Köhler aus: Horst Köhler diente der Politik stets nur als Beamter. Man stelle sich vor, dieser Präsident hätte wirklich einmal eine existenzielle Entscheidung treffen müssen. Da relativiert sich jede Trauer über seinen Rücktritt." Der Vergleich mit dem Über-Präsidenten Richard von Weizsäcker wird gezogen, Köhler habe im Gegensatz zu dem nicht gut reden gekonnt und sich stattdessen ans Volk rangeschmissen: Er hob, im Guten, die Distanz der Menschen zum Staatsoberhaupt auf; mit der Begleiterscheinung, dass er durch Wort und Tat auch wenig respektheischend war. Was er sagte, war oft banal oder zu spät oder überzogen, oder es erwies sich im Nachhinein als falsch." Zack. Bumm. Und im letzten Satz bekommt Casdorff dann sogar noch die Kurve zum anderen Groß-Ereignis hin, indem er konstatiert: "Lena war gestern."
Auch bei Spiegel Online machen Sebastian Fischer und Florian Gathmann den Vergleich mit Richard von Weizsäcker und mit "Pannen-Präsident" Heinrich Lübke. Klar, in welcher Nähe Horst Köhler verortet wird. Köhler verstrickte sich nach Ansicht der SpOn-Kommentatoren "im Klein-Klein".

Bei Zeit Online schreibt Karsten Polke-Majewski von einem "Bärendienst", den Köhler seinem Land erwiesen habe, von dem er doch eigentlich Schaden abwenden wollte. Nun setze er den ohnehin wankenden Bundesregierung noch eine Staatskrise obendrauf. Sein Nachfolger habe es auch nicht leicht, wird flott diagnostiziert: "Wer soll nun folgen, innerhalb von nur 30 Tagen gesucht, dem nicht der Ruch des flott ausgezählten Pappkameraden anhaftet?"

Wesentlich nüchterner, mit eidgenössischer Distanziertheit, kommentiert den Rücktritt die Neue Zürcher Zeitung den Rücktritt. Der Berliner NZZ-Korrespondent Ulrich Schmid schreibt: "Die von steter Hysterie geprägten Regeln des politischen Geschäfts griffen. Nun hat sich Horst Köhler diesem Geschäft durch einen verzweifelt anmutenden, vielleicht allzu spontanen Schritt entzogen. Das wird bei vielen echte Betroffenheit auslösen." Da hat er nun ganz unbestreitbar Recht, der Schweizer Kollege. http://www.nzz.ch/nachrichten/international/ruecktritt_koehler_1.5842972.html

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