Anzeige

Warum RTLs „Süchtig“ nicht süchtig macht

Mit "Süchtig" wollte RTL den möglichen Start einer neuen Doku-Reihe testen. Den Weg aus der Abhängigkeit eines alkoholkranken Berliner Hartz IV-Empfängers begleitete Dr. Christoph Heck. Nur 9,8 % des Gesamtpublikums sahen mit der Sendung eine ungelenke Mischung aus fachlicher Insuffizienz, langer Weile, netten Momenten und dem weichgespült misslungenen Versuch, Zuschauern, die mit einer Flasche Bier auf der Fernsehcouch sitzen mochten, die Gefährlichkeit von Suchterkrankungen näherzubringen.

Anzeige

Im Grunde genommen war vieles so, wie man es sich vorab hätte vorstellen können: Eine kaputte Familie, ein alkoholkranker Mann, Trennung. Mann alleine und Frau weg. Übervolle Plastiktüten, Bierflaschenbatterien in der Marzahner Messie-Küche und die von Alkohol und Nikotin beschädigten Stimmbänder eines Gescheiterten, dessen Nachname bislang so wenig Programm für das eigene Leben war: Ralf Ruck. Als Zugabe erwähnenswert: Die im vierten Monat schwangere Tochter und der nach Alkohol- und Drogensucht cleane Schwiegersohn. Mit diesem Gebinde schienen senderseitig scheinbar genügend Randgruppen für einen sauberen Start repräsentiert. Als Ralf Ruck erfährt, dass er Opa würde und den Enkel nur sehen könne, wenn er mit dem Trinken aufhöre, schien das Feld auch für den RTL- Suchtexperten und Therapeuten bereitet. Der Retter: Arzt und Psychotherapeut Dr. Christoph Heck aus Brühl in Sendernähe.
Nach ein paar Tränen und kraftlos formulierter Motivation des Alkoholkranken kommt es zur ersten Begegnung am Wohnort des Trinkers: Berlin Marzahn, sozialer Brennpunkt und bekannt durch Cindy aus der Comic-Abteilung. An der Wohnungstür des künftigen Patienten  mit der Begrüßung der erste Therapeuten-Satz: "Hallo Herr Ruck, mein Name ist Dr. Christoph Heck, Sie haben mich gerufen!" Okay denkt man, da ruft aus Marzahn einer im Rheinland an, und schon ist der Experte da.
Heck, der Berufene, sieht ein wenig aus wie der uneheliche Sohn des Namensvetters Dieter-Thomas und strahlt die Außenwirkung von Herrn Kaiser ins Ostberliner Treppenhaus: Der Herr Kaiser, Werbe-Ikone einer bekannten Versicherung. Man mag darüber streiten, wie viele Brühler Promovierte sich im richtigen Leben angetrunkenen Hartz IV-Empfängern unter Nennung ihres Doktortitels vorstellen, allein: Es gibt souveränere Eingangssätze für den Start einer therapeutischen Beziehung.
Ganz leise spürt man mit dem ersten Satz die Unsicherheit von Dr. Heck: Kein Standing, kein sicheres Gefühl für die nötige Distanz. Man weiß: Experte hin wie her – das wird nichts werden mit dem jungen Mann. Nicht gegen den Marzahner Ruck und den Alkohol. Sekunden später doziert Heck seine therapeutische Erst-Diagnose in die Kamera: "Man sieht, dass Ralf sehr krank ist. Die Wohnung ist ungepflegt. Ralf riecht nach Rauch und auch nach Alkohol!" Aha.
Vielleicht mochte der eine oder andere Zuschauer davon überrascht worden sein, dass ein rauchender Alkoholkranker, dessen unordentliche Wohnung man schon minutenlang begutachten konnte, nicht nur eine unordentliche Wohnung hat, sondern auch nach Rauch und nach Alkohol riecht. In der nächsten Einstellung schiebt der Doktor am Küchentisch seine Hand in Richtung des Kollegen Ruck: „Ich heiß Christoph!“
Physikalisch betrachtet mögen Distanz und Nähe ja dasselbe sein, nur unterschieden durch Entfernung: Bei Heck hat an Küchentisch und Eingangstür beides nicht gepasst, und wieder denkt man: So wird das nichts. Cindy aus Marzahn hätte das mit der angemessenen Distanz irgendwie direkter und glaubwürdiger hinbekommen als der Brühler RTL-Guru.
Knallhart die Regeln von Dr. Heck, der nun Christoph genannt werden soll: „Ich verlange nicht von Dir, dass Du mit dem Trinken aufhörst, aber ich möchte nicht, dass Du während des Gespräches mit mir trinkst. Kriegst Du das hin?“ „Klar!“, antwortet der erleichterte Ruck, der wahrscheinlich nach der ersten Hälfte des Satzes das Zuhören eingestellt hatte. Man möchte lieber nicht wissen, was aus Dr. Heck am Küchentisch geworden wäre, wenn Ruck mit "Nein!" geantwortet hätte.
Wer die wirkliche Führung innerhalb des Kontaktes beider Männer inne hatte, wird spätestens beim von Heck gewünschten Rundgang durch Marzahn klar: Ruck verschwindet in seinem Alkohol-Nachschub-Imbiss, trinkt dort eine Flasche Bier („Och, iss det schön!“), und der beleidigte Doktor stellt nach seiner Rückkehr die hilfreiche Frage: "Das musste jetzt sein? Das war nicht mehr aufschiebbar?" Kann man so machen als Therapeut. Standing allerdings geht anders. Dem nun ein Bier intensiver alkoholisierten Ruck erläutert der Therapeut im Anfall interkultureller Kompetenz: "Was da abgelaufen ist, nennen Psychiater Suchtgedächtnis…" Ruck schaut nicht nur belehrt, sondern betroffen, und ein wenig fragt man sich als Zuschauer dieser paradoxen Situation, um wen man sich für den Rest der Sendung eigentlich Sorgen machen müsse. Heck bespricht den nächsten Step: Ruck geht in eine zweiwöchige, stationäre Entgiftung.
Nach seiner Rückkehr treffen sich beide wieder und der Experte zündet die nächste Stufe gesprächstherapeutischer Feinheiten der Kontaktaufnahme: „Wie geht´s Dir denn jetzt?“ fragt Heck. „Blendend, wie aus dem Ei gepellt!“ antwortet Ruck. Unkundige Zuschauer hätten dies als zufriedenstellende Antwort verstehen mögen. Nicht so Dr. Heck, der Profi lässt nicht locker: „Blendend?“ Ruck: "Blendend, wie aus dem Ei gepellt, wie ein neuer Mensch!" Heck: „Es geht Dir gut?“ Ruck: „Wunderbar!“ Brühler Bullshit-Bingo. Kann man so machen. Muss man nicht.
Weil die Sendung in ihrer inneren Logik des Mangels konsequent produziert scheint, wirft Dr. Heck persönlich ein wenig später Rucks leere Bierflaschen aus der Küche, während Ruck ihm freundlich den Müllsack aufhält. Das Bild hat ungewollten Symbolcharakter und zeigt, wer wofür in Wahrheit Verantwortung übernimmt. Ruck jedenfalls wirft seine Flaschen nicht weg…
Mehr noch: Der Zuschauer darf teilhaben an einem Gespräch beider in der Spirituosen-Abteilung eines Supermarktes. Dr. Heck zeigt in vertrieblich lockerem Umgangston, dass er mit Tiefgang, Konsequenz und Feinfühligkeit geradezu geschlagen scheint. Heck: "Nicht mehr zu trinken, ist auch ein Verlust. Manchmal zu trinken ist auch schön, da hast Du leider Pech…" Dieses Zitat ist zwar aus einem laufenden Kontext gerissen, spricht aber dennoch für sich. Und gegen den Experten. In ähnlicher Weise geht es weiter: Für das Annäherungsgespräch Rucks mit seiner Ehefrau vor einer stationären Therapie wählte der Fachmann mit einem Steakhouse einen Ort, an dem "im Regelbetrieb" Alkohol getrunken wird. Trockene Alkoholiker würde allein das erschaudern lassen.
Natürlich ist es – aus sehr verschiedenen Gründen – schwer, ein derart sensibles Thema innerhalb eines Formates an den Zuschauer zu bringen. Wege aus der Sucht brauchen Deutlichkeit, Klarheit und Konsequenz. Trotz angemessener Prozessschritte (Entgiftung, Tagesklinik, Struktur im geregelten Tagesablauf, Selbsthilfegruppe und Therapie) ist "Süchtig" als Format maximal oberflächlich an den inneren Wahrheiten eines wirklich schwierigen  Themas vorbeigeplätschert und wirkte darüber hinaus auch medial wie mit heißer Nadel gestrickt. Schade eigentlich, man kann ein solches Produkt wirklich besser machen.
Mit Dr. Christoph Heck als externem Fachmann fiel die Wahl auf ein nettes, unverbindlich säuselndes Referentengesicht, welches im Vertrieb von Kosmetikprodukten ebenso vorstellbar wäre, wie in der katholischen Jugendarbeit.  
"Raus aus der Sucht heißt rein in die Freiheit!", sagt Heck gelernt markig am Ende des Beitrages, als er Ruck zum Abschied in netter Geste ein Bild schenkt. Und weiter, gegen jede, für Zuschauer spürbare Realität: "Ich bin optimistisch, Ralf hat alle Möglichkeiten!"
Natürlich hat Ralf Ruck wieder getrunken. Im  Abspann der Sendung liest man: "Ralf schafft bis heute immer wieder abstinente Phasen, muss aber für dauerhafte Stabilität kämpfen…" Süchtig macht "Süchtig" nicht. Das Format eignet sich eher als Therapeutikum für die Behandlung von TV-Süchtigen: Rückfallgefahr gleich null. RTL hat bessere Coaching Formate. Cindy ohne Doktortitel, aber immerhin aus Marzahn, hätte sich Ralf Ruck wahrscheinlich deutlicher zur Brust genommen. Und vielleicht hätte der Abspann dann anders ausgesehen.

www.lesko.ch

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige