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Prof. Kruse: Web-Guru oder Scharlatan?

Ein 30 Minuten Auftritt auf der re:publica hat ausgereicht: Professor Peter Kruse ist der neue Star des deutschen Webs. Nach dem der Wissenschaftler und Unternehmensberater hochgeschrieben wurde, setzt nun die Suche nach Antworten ein. Blogger und Journalisten fragen: Wer ist dieser "graubärtige Posteronkel der Netzgemeinde" (SZ), was sind seine Referenzen und welche Ziele verfolgt "Professor Silberzunge" (Netzpiloten)? Das Netz diskutiert: Ist Kruse der neue Web-Guru oder doch bloß ein Scharlatan?

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Ein 30 Minuten Auftritt auf der re:publica hat ausgereicht: Professor Peter Kruse ist der neue Star des deutschen Webs. Nach dem der Wissenschaftler und Unternehmensberater hochgeschrieben wurde, setzt nun die Suche nach Antworten ein. Blogger und Journalisten fragen: Wer ist dieser "graubärtige Posteronkel der Netzgemeinde" (SZ), was sind seine Referenzen und welche Ziele verfolgt "Professor Silberzunge" (Netzpiloten)? Das Netz diskutiert: Ist Kruse der neue Web-Guru oder doch bloß ein Scharlatan? 

Ein Überblick über die wichtigsten Meinungen:
Eine umfassende Analyse versucht Martin Lindner für die Netzpiloten. Er sieht in Kruse einen "brillanter Performer im Stil der angenehmeren Megachurch-Evangelisten". Lindner erkennt in dem Bremer die "perfekte Mischung von Ego und Understatement", die er für "ausgesprochen selten und beeindruckend" hält.
Allerdings meint Lindner auch festgestellt zu haben, dass es bei Kruse eine extreme Diskrepanz zwischen dem Wissenschaftler und dem Performer gibt. Am Rednerpult entwickelt sich der neue Web-Star zur charismatischen "Rampensau", am heimischen Schreibtisch konnte sich der Unternehmensberater bislang weniger hervortun. "Es gibt ja interessante Theorien von ‚Netzwerk‘, ‚Emergenz‘, sogar von ‚kollektiver Intelligenz‘, es gibt gute Bücher darüber, aber wenn Kruse hier selbst ein fundiertes Konzept hat, hat er es jedenfalls bis jetzt nirgends beschrieben. Er schreibt überhaupt wenig, jedenfalls nichts, was über seine mündliche Change-Rhetorik hinausgeht."
 
Auf der Republica wurde der Bremer mit dem Satz
vorgestellt: "Des Internets Muse – Professor Peter Kruse"

Auch Edo Reents aus dem FAZ Feuilleton beschäftigt sich mit dem vermeintlichen "Guru" und "Netzwerkpapst". Der Literaturkritiker beschreibt Kruse als Mix aus Faust, Luther und Moses sowie einer "Prise Peeperkorn. Von Faust hat er den Wissensdrang, von Luther das ‚Hier stehe ich und kann nicht anders‘, von Moses das Gesetzgeberische und von Peeperkorn die Neigung, viel zu sagen, ohne dass man hinterher immer wüsste, was." 
Ein Kern des langen Reents-Textes ist dem Versuch gewidmet "Deutschlands Change-Management-Papst" (Computerwoche) als Schwätzer zu entlarven. Als Zeugen zitiert der Frankfurter Thomas Mann- und Neil Young-Experte anonyme "Blogger und Internetkommentatoren" mit der peppigen Aussage: "’Kruse ist der Hyper-Schwurbler des Internets, vergleichbar nur mit Franz Beckenbauer im Fußball oder mit Peter Sloterdijk im Literaturbetrieb. Mit seiner Brachialrhetorik, seiner enorm schnellen Sprechgeschwindigkeit, welche dem Zuhörer keine Chance zu einem klaren Gedanken lässt, vermittelt er die Illusion, er hätte unglaublich Bedeutendes und Wegweisendes mitzuteilen.’"
Wolfgang Michal sieht in dem Reents-Text einen "Vernichtungsversuch", der mit "perfider Herabsetzungs-Technik" arbeitet: "Oft werden anonym bleibende ‚Kommentatoren‘ oder ‚Blogger‘ oder namenlose ‚Twitterer‘ zitiert. Aus der Unaufgeräumtheit des Bremer Firmensitzes wird auf das unordentliche Wesen des Porträtierten geschlossen. Absatz für Absatz wird Peter Kruse ‚entlarvt‘ als oberflächliches, unseriöses Plappermaul, das seinen Lebensunterhalt mit den immer gleichen billigen ‚Versatzstücken‘ verdient."
Michal glaubt, dass der FAZ-Text eine Rache-Aktion auf ein SZ-Interview von Kruse sei. In einem Gespräch mit der Süddeutschen hatte der Unternehmensberater und Psychologe den FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und dessen aktuelles Buch Payback hart kritisiert.
Der Blogger nnier beschreibt ältere Kruse-Eindrücke, als er Gast in einer Vorlesung des Professors war: "Und ich erinnere mich an den Eindruck, dass hier jemand wahnsinnig schnell wahnsinnig viel erzählt hat, und dass sich die Zuhörerschaft hinterher teilte in diejenigen, die das alles brillant und zukunftsweisend fanden und diejenigen, die das Punktuelle, Gehetzte, Hingeworfene des Vortrags für unseriöses Blendwerk hielten."
Genau in diese beiden Gruppen scheint sich nun auch das Web zu teilen. Die einen halten Kruse für eine "Hyper-Schwurbler des Internets", die andern für eine charismatischen Netz-Versteher. Lindner notiert in seinem Netzpiloten-Text: "In den letzten paar Monaten hat Peter Kruse eine Leerstelle besetzt: Er ist die Stimme des Deutschen Web in den bürgerlichen Medien geworden." Tatsächlich ist der "Motivationstalker für noch nicht erschlossene Zielgruppen" (Don Alphonso) auf dem besten Weg, als web-affiner Gegenpart zum Netz-Zweifler Frank Schirrmacher aufgebaut zu werden bzw. sich selbst aufzubauen.
Alleine die unzähligen unterschiedlichen Beschreibungen des Wissenschaftlers, Psychologen und Unternehmensberaters von der Weser zeigen, wie viel Lust es Journalisten und Blogger gerade macht, sich mit diesem schwer fassbaren Typen zu beschäftigen. Ob Guru oder Scharlatan: Neben Sascha Lobo hat das deutsche Web einen neuen Charakter-Kopf, der für die nächsten Monate als neuer General-Experte für alle Fragen rund um das Internet wird herhalten müssen. 

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