Vatican Magazin: krude Kirchen-Wundertüte

Es gibt im Pressewesen die eine oder andere Blume, die im Verborgenen blüht. Aber auch das eine oder andere faulige Gewächs. Zur zweiten Kategorie gehört das Vatican Magazin. Untertitel: "Schönheit und Drama der Weltkirche". Die monatliche Zeitschrift, deren Redaktion unweit des Petersplatzes in Rom sitzt, verbreitet unter dem Mantel krampfhafter Lockerheit reaktionäres Kirchen-Gedankengut. Das Vatican Magazin erlaubt einen erschreckenden Blick in eine katholische Parallelwelt.

Anzeige




Es gibt im Pressewesen die eine oder andere Blume, die im Verborgenen blüht. Aber auch das eine oder andere faulige Gewächs. Zur zweiten Kategorie gehört das Vatican Magazin. Untertitel: "Schönheit und Drama der Weltkirche". Die monatliche Zeitschrift, deren Redaktion unweit des Petersplatzes in Rom sitzt, verbreitet unter dem Mantel krampfhafter Lockerheit reaktionäres Kirchen-Gedankengut. Das Vatican Magazin erlaubt einen erschreckenden Blick in eine katholische Parallelwelt.

Auf den ersten Blick kommt das Vatican Magazin bemüht witzig und modern daher. Ein Bericht über das Kloster Fonte Avellana wird überschrieben mit der lustigen Überschrift "Nichts für Weicheier". Die Rubriken heißen "Aus dem Logbuch des Schiffes Petri" oder "Best of Benedikt". Ein so genanntes Manifest gegen die bösen Medien hat den Uiuiui-Rubrikentitel "Sex and the church".

Sobald man aber anfängt Artikel in dem Magazin zu lesen, bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Was hier zusammengetragen und verrührt wird, ist ein übles Gebräu aus reaktionärem Gedankengut, Kritiker-Schelte, amtskirchlicher Berufs-Borniertheit und blinder Papst-Verehrung. So darf der Chefredakteur des Online-Magazins "The European", Alexander Görlach, ausgerechnet den als Speerspitze der Kirchen-Reaktionäre geltenden Schriftsteller Martin Mosebach interviewen. Mosebach bleibt seinem Ruf treu und gibt ganz eigene Ansichten zum besten, woran es denn nun "wirklich" liegen könnte, dass die katholische Kirche reihenweise von Missbrauchs-Skandalen überrollt wird.

Mosebachs These: Das zweite Vatikanische Konzil ist Schuld. Die Verlotterung der "priesterlichen Disziplin" lasse einen Priester auf seinem "schwierigen und einsamen Lebensweg" allein. Mosebachs Rezept: "Die Zügel der Disziplin im Sinn des Konzils von Trient wieder anziehen und zu einem Priestertum der katholischen Tradition zurückkehren." Mit der hoch umstrittenen Pius-Bruderschaft, die u.a. durch antisemitische Tendenzen aufgefallen ist, geht Mosebach sehr wohlwollend um. Die Kirche schulde der Pius-Bruderschaft zuerst einmal Dankbarkeit, weil sie das historisch wichtigste Gut der Kirche, in Mosebachs Augen die Liturgie, bewahrt und am Leben erhalten habe.
Überhaupt ist das zweite Vatikanische Konzil, bei dem sich die katholische Kirche ein wenig öffnete und liberalisierte, vielen der Autoren ein Dorn im Auge. Immer wieder wird kritisch Bezug auf dieses Ereignis genommen. Eine wirkliche inhaltliche Auseinandersetzung mit den aktuell hochgespülten Missbrauchsfällen findet nicht statt. Schuld sind im Zweifel "die anderen". Medien, das Internet, Pornos, das zweite Vatikanische Konzil oder, wenn gar niemand sonst mehr zur Verfügung steht, der "Fürst der Finsternis".  

Das Magazin druckt in seiner aktuellen Ausgabe einen alten Text des 2003 verstorbenen Priesters Werenfried van Straaten, in dem dieser dieser die Christenverfolgungen in Ostblock-Regimen mit Heimsuchungen durch den Teufel gleichsetzt. Die Redaktion setzt den Text nun in den Kontext der aktuellen Missbrauchs-Debatte. Zitat: "Der Missbrauchsskandal hat in der gesamten westlichen Welt Kräfte auf den Plan gerufen, die mit der katholischen Kirche und ihrem Oberhaupt abrechnen wollen." Der Vatikan befinde sich nicht in einer Krise, er werde "heimgesucht".

Es gibt ein "Manifest wider die Treibjagd der Medien", in dem mit vielen Substantiven und verschachtelten Satz-Konstruktionen das Zerrbild einer übersexualisierten Gesellschaft gezeichnet wird. Der Ekel vor diesem Porno-Zeugs hält den Autoren freilich nicht davon ab selbst zu "recherchieren", dass ein Sado-Maso-Stammtisch selbstgedrehte Pornos bei einem einschlägigen Internet-Portal einstellen will.

Die kritische Laienbewegung "Wir sind Kirche" bekommt in einer Kolumne auch ihr Fett weg. Weil "Wir sind Kirche" auch mit "WsK" abgekürzt werden kann, versteigt sich die Autorin zu Vergleichen mit dem Abkürzungs-Wahn in totalitären Regimen. Abtreibung ist natürlich auch per se des Teufels. Zur Erbauung gibt es schöne Benedikt-Bilder mit einem Text seines Privatsekretärs Georg Gänswein. Mit-Herausgeber dieser kruden Kirchen-Wundertüte ist übrigens Paul Badde. Rom-Korrespondent von Springers Welt. In dem Sammelsurium an Papst-Fans, Sittenwächtern und Rückwärts-Denkern fehlt eigentlich nur noch Andreas Englisch, der Krawall-Katholik von der Bild.
Normalerweise agiert solch ein Magazin eher unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der breiten Öffentlichkeit. Die verkaufte Auflage des Vatican Magazins liegt nach eigenen Angaben bei rund 5.000 Exemplaren. Als Erz-Katholik wähnt man sich dort offenbar unter Gesinnungsgenossen. In diesem Umfeld werden Aussagen getätigt, für die Kirchen-Vertreter in einer größeren Öffentlichkeit mit einem Sturm der Entrüstung rechnen müssten. Und zwar zu Recht.  

Fassen wir zusammen: Wer die katholische Kirche oder, Gott behüte, den Papst kritisiert ist entweder ein Pornograf, Nazi, Kommunist, des Teufels oder alles zusammen. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte das Vatican Magazin glatt als Real-Satire durchgehen.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige