Hanse Ventures: Sprungbrett für Startups

Das könnte interessant werden: Am Montag stellten sich die Gesellschafter einer neuen Risikokapitalgesellschaft in Hamburg vor. Die Herkunft des Quartetts könnte man auf diese Formel bringen: Old Media Economy meets New Economy Entrepreneurship. Oder so: Der ehemalige Gruner + Jahr-Vorstandschef Bernd Kundrun und der multiple G+J- sowie Bertelsmann-Manager Rolf Schmidt-Holtz haben sich mit den Jung-Unternehmern Sarik Weber (u.a. Xing) und Jochen Maaß (Artaxo) zusammengetan.

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Das Ergebnis: ein Venture Capital-Unternehmen namens Hanse Ventures. Die Internet-Holding mit Sitz am Alten Fischmarkt 1 unweit vom Hamburger Rathaus soll Starthilfe für innovative Gründer und Web-Companys leisten. Hanse Ventures hat ehrgeizige Ziele. Das Unternehmen startet mit acht direkten Beteiligungen und ist mit Kapitalmitteln in "niedriger zweistelliger Millionenhöhe" ausgestattet, wie Bernd Kundrun erklärte. In den kommenden 36 Monaten sollen jährlich sechs bis acht neue Startups finanziell gefördert und strategisch beraten werden. Geboten wird dabei eine "Full-Service-Infrastruktur von Design, Programmierung und Online-Marketing-Spezialisten bis zu Büroräumen und administrativer Unterstützung", so die Gesellschafter.
Das klingt nach einem Schlaraffenland für Web-Visionäre und Gründer. Flankiert vom geballten Fachwissen der Internet-Spezialisten Sarik Weber, 42, und Jochen Maaß, der trotz seiner erst 27 Jahre als einer der führenden Suchmaschinen-Optimierer gilt. Maaß sagt: "Wir wollen jungen Web-Unternehmen beim Entstehen und Wachsen helfen, aber wir sind kein klassischer Venture-Kapitalgeber, der in bereits bestehende Firmen investiert." Das Ziel stattdessen: "Jungen Unternehmen von Stunde Null an auf die Beine zu helfen." Dabei hat die Symbiose aus hanseatischem Unternehmertum und Web-Kompetenz einen besonderen Reiz – nicht ohne Grund fand die Pressekonferenz nicht in einer hippen Szene-Location, sondern im ehrwürdigen Anglo-German Club an der Außenalster statt. Old fashioned, aber dennoch mit schöner Aussicht.
Während einige der Beteiligungen, wie Sarik Weber sagte, derzeit noch im "Stealth Modus", sprich verborgen, unterwegs sind, stellten zwei Firmen ihre Konzepte vor. Beide bestachen dadurch, dass sie bei einem Elevator-Pitch vermutlich nur wenige Stockwerke gebraucht hätten, um ihr Geschäftsmodell zu erklären: Carmio, ein Preisvergleichs-Portal für Autoteile, tritt in Konkurrenz zu Ebay Motors und bringt zwei entscheidende Usability-Vorteile mit. Zum einen eine Kompatibilitäts-Überprüfung mit dem in Frage spezifischen Fahrzeug, zum anderen eine Warenkorb-Funktion, die es ermöglicht, bei mehreren Bestellungen den günstigsten Gesamtanbieter zu ermitteln. Cord-Christian Nitzsche, einer der beiden Carmio-Gründer, glaubt an die Idee: "Allein vom Golf IV gibt es je nach Baujahr und Motorisierung 16 verschiedene Typen, da besteht gewaltiger Beratungsbedarf." Carmio soll Klarheit in den Dschungel von 17.000 in Deutschland kutschierenden Fahrzeugtypen mit 2.000.000 Bauteilen bringen.
Nummer zwei der von Hanse Ventures öffentlich präsentierten Startups ist eine Website für die Überglücklichen. HochzeitsPlaza.de soll Paaren helfen, den Stress der Eheschließung besser zu bewältigen. Im Juni soll das volle Angebot zum Bund fürs Leben online gehen. Dazu gehören ein interaktives Branchenbuch sowie individuelle Online-Tools, etwa ein Budget-Rechner, Bilder-Galerien oder User-Bewertungen. Geschäftsführer Nikolaus Zacher, der mit 30 Jahren genug von einer Karriere als Unternehmensberater bei Boston Consulting hatte, gründete das Portal auch mit dem Wunsch, seinen Zwillings-Geschwistern beim Heiraten zu helfen. Er sagt: "Wir wollen das größte Hochzeitsportal Deutschlands werden." Später verrät er im Gespräch, dass die Website, für die vier redaktionelle Mitarbeiter tätig seien, auch über einen Hochzeits-Webshop finanziert werden soll. Das Business-Modell muss jedenfalls so attraktiv gewesen sein, dass Kundrun & Co. spontan "Ja" sagten.
Aber es entspricht der Philosophie der hanseatisch-freakigen Gesellschaft, diesem Gründer eine Chance zu geben. "Wer mit einer guten Idee kommt und für eine Sache brennt", sagt Sarik Weber, "der kann im Prinzip am nächsten Tag anfangen." Die Marschroute bei Hanse Ventures sei dabei: "Wir wollen Gründer fair behandeln und nicht diejenigen, die über wenig Geld verfügen, wie Angestellte behandeln." Und alle Beteiligten sind überzeugt: Es gibt im Internet noch viele Themen, die "unterrepräsentiert" sind und deshalb für engagierte Unternehmer Perspektiven eröffnen. E-Commerce-Konzepte sowie Social Media seien bislang nicht darunter, sondern solide Modelle, die offline funktionieren und nun ins Web "geshiftet" werden sollen.
Gesucht werden von den Kapitalgebern "Gründer mit Ideen" ebenso wie "Gründertypen", die ein bereits vorhandenes Konzept "On Air" bringen können. Worauf es dabei ankommt, erläutert Rolf Schmidt-Holtz, der vom Stern-Chefredakteur bis zum Boss von Sony BMG so viele Top-Jobs durchlief, mit einem einfachen Motto: "Great People build great Companies." Konsequenz: "Wir wollen keine Menschen, die über ihrer eigenen Thermik schweben. Wir suchen Macher, die selbstkritisch sind und auch Niederlagen verkraften können." Und er bringt die Grundregel für erfolgreiches Unternehmertum auf einen Punkt: "Gute Unternehmer wollen Menschen gewinnen und nicht beeindrucken."
Auch Bernd Kundrun betont: "Wir sind keine Konzept-Fabrik." Stattdessen werde den Startups von Beginn an geholfen, um eine "Win-Win-Situation" zu schaffen. Die Gesellschafter haben dabei vereinbart, dass Jochen Maaß und Sarik Weber als Vollzeit-Geschäftsführer je 37,5 Prozent an Hanse Ventures halten, die beiden früheren Bertelsmann-Manager je 12,5 Prozent. Im Ausgleich sind Kundrun und Schmidt-Holtz mit ihren eigenen Venture-Firmen an jedem der zu gründenden Web-Projekte separat beteiligt.
"Keiner von uns braucht den schnellen Erfolg", stellt Kundrun klar, und Rolf Schmidt-Holtz ergänzt: "Es ist nicht unser Ziel, einen Wust von Business-Plänen auf den Tisch zu bekommen, sondern Gründer mit Grob-Ideen." Ausdrückliche Perspektive: Auch Gründungswillige, deren Ideen keine Chance haben, können bei Hanse Ventures Firmenchefs werden, sofern die Begabung da ist und "die Chemie stimmt". Die Gesellschafter und die Geschäftsführer Weber und Maaß, die sich zu "100 Prozent" für die neue Aufgabe verpflichten, haben eins gemeinsam, was Ex-G+J-Chef Kundrun bei der Pressekonferenz auf die hübsch denglische Formel bringt: "Wir alle fühlen uns total committed."

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